morgana81 - gothic transgender

Die eigene Familie erlebt gerade ein paar schwere Schicksalsschläge, deren Nachwirkungen sich wie ein Beben bis in mein, ansonsten davon hermetisch abgeschirmten, privaten Tagebuch auswirken:

[14.02.22 / 22:12] Die eigene Familie erlebt gerade ein paar schwere Schicksalsschläge, deren Nachwirkungen sich wie ein Beben bis in mein, ansonsten davon hermetisch abgeschirmten, privaten Tagebuch auswirken: „Eine Wohnung, befüllt mit dem Inventar aus dem Leben zweier Menschen, die so nicht mehr zurückkehren werden.“

Ein Jahr ist es her, dass ich aus der Klinik entlassen wurde. Seit einem Jahr bin ich „clean“, keine Tabletten mehr und keine Schlafprobleme. Ich bin gerade dabei, all die Kontakte, Telefonnummern und Chatnachrichten von meinem Ex-Freund auf meinem Smartphone zu löschen. Vier Nummern von wahrscheinlich vier verschiedenen Prepaid-Handys. Eine fünfte Nummer ist seit ein paar Tagen neu dazugekommen. Auf eine Nachricht von mir, endlich Schluss zu machen, nach einem Jahr Funkstille, folgte ein kurzes „Hi“, und eine Antwort meinerseits mit unendlich vielen Fragezeichen. Ich kann mich von ihm nicht trennen, ich wünsche ihm so sehr, dass er auch einen Entzug in einer Klinik macht, wenigstens von dem Alkohol wegkommt. Ob er tatsächlich auch noch in die Drogensucht abgerutscht ist, ist nur eine von meinen schlimmsten Befürchtungen.

Zu einem anderen Thema: Wird es Krieg geben? Die Nachrichten im Internet und im Fernsehen sind nicht gut. Auch wenn ich weiß, dass „die eigene Bevölkerung im permanenten Kriegszustand halten“ ein beliebtes Stilmittel von Autoren düsterster Dystopien ist, so macht mir die aktuelle und reelle Lage doch zusehends Angst. Alles Propaganda? „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“

(Hauptsache ich habe mein Aktiendepot schon seit zwei Wochen sturmsicher umgeschichtet, bzw. erweitert.)

[06.02.22 / 14:44] Tausche „nachts vor dem Computer sitzen und programmieren“ gegen „nachts vor dem Computer sitzen und Aktienkurse beobachten“. Mein Rohstoffdepot ist ein kleines, in sich geschlossenes und für sich selbst existierendes, strukturiertes Unterdepot in meinem großen Gesamtdepot (das schon seit über zehn Jahren existiert). Die neu dazugekommenen Anteile an Gold (und vollkommen überteuert gekauft) sind breit gestreut, die paar Gramm, auf die ich theoretisch Anspruch hätte, liegen verteilt in den Tresoren der europäischen Bankmetropolen diverser Anbieter – von mir blind übersehen: die immensen Lagerkosten und Haltegebühren, das geht von der Rendite ab. Ein Hedgefond sieht vielversprechend aus, dieser investiert selbst wieder in Gold-Zertifikate und ist abgesichert – den nehme ich auch noch mit in mein Portfolio auf. Ich habe die Chartanalyse für mich entdeckt, Gold befindet sich auf einem „sich abschwächenden“ Aufwärtstrend (aber geht noch weiter nach oben).

Mit einem leicht schlechten Gewissen, dass ich die Nächte so viel Geld vor dem Computerbildschirm verpulvere, quetsche ich noch den letzten Rest aus meinem Netto-Monatsgehalt (nach Abzug der Miete) und investiere die paar Cent in einen günstigen ETF – ein Schlachtross, Milliarden Euro schwer. Diesen kleinen, zusätzlichen Sparplan werde ich noch mindestens die nächsten fünf Jahre halten müssen, egal was kommt (damit der sich überhaupt rentiert).

Neulich gelesen, erst ab einem Nettovermögen von über XXX.XXX Euro (ein sechsstelliger Betrag) gelte ich als reich … bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg (sollte ich dieses utopische Ziel jemals erreichen).

[29.01.22 / 01:25] Der Knubbel am Ohr – und es war doch ein Keloid. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nicht doch mehr gefreut hätte, wenn es ein bösartiger Tumor gewesen wäre. Nie wieder Ohrringe tragen dürfen? Ich musste fast mein ganzes Leben auf diesen Wunsch verzichten, hatte zwei oder drei erfüllende Jahre, mir eine kleine Sammlung an Ohrringen und Ohrhänger zuzulegen, mit meinen 2017 frisch gestochenen Ohrlöchern – und jetzt ist dieser Traum schon wieder vorbei? Ich könnte sie neu aufstechen lassen, mitten über der Narbe, auf eigenes Risiko, gegen jeden ärztlichen Rat, mit einer neuen, wahrscheinlichen Wucherung leben, sie immer wieder wegoperieren lassen, nur um so gerne Ohrschmuck zu tragen, die Magie der Weiblichkeit. Beim Termin zum Fäden ziehen bekomme ich den Zettel mit dem, für mich deprimierenden, pathologischen Befund überreicht.

Eine Seite hätte ich noch, bevor es da auch ausbricht, es gibt so wunderschöne Ohrringe mit Kette und Klammer für die Ohrmuschel …

[18.01.22 / 17:42] Ich kann das immer noch nicht so richtig verarbeiten, als ob ich Sie jederzeit wieder besuchen kommen könnte.

Leben dreht sich weiter, der Knubbel am Ohr ist weg, ich sitze krankgeschrieben zu Hause (ein kleiner Schnitt mit dem Skalpell, ein großer Schritt für mich), Schuhe im Internet bestellen, Serien im Abo auf der Couch vor dem Fernseher ansehen. Mein aktuelles „Experiment“ – wie lange kann ich meine Haare nicht waschen (aufgrund des Verbandes), bis sie wieder von alleine entfetten? Die Dunkelheit des Winters, ich vegetiere so dahin …

[15.01.22 / 14:07] Das Tragische ist, wenn die beiden im selben Krankenhaus liegen und nichts voneinander wissen – plötzlich und für immer auseinandergerissen nach über einem halben Jahrhundert der Ehe.*

Das Traurige ist, wenn die Bestattung frühestens erst in vier Wochen stattfinden kann – wegen der schieren Menge an Gestorbenen.

(* Tatsächlich waren es fast sieben Jahrzehnte.)

[14.01.22 / 11:25] Das Schlimmste ist, wenn die Menschen, die wir lieben, im Krankenhaus sterben – und keiner von den Angehörigen darf rein.

[31.12.21 / 15:54] Das Jahr geht genauso unspektakulär zu Ende, wie es begonnen hat. Die letzte Woche als Spiegelbild des gesamten Jahres: Arbeiten am Computer, arbeiten an meiner eigenen Software, nebenbei Börsenkurse ansehen, abwarten, zögern, doch kein Kauf absetzen. Die eigene Gesundheit beobachten, meinen Körper, die dritte Impfung generalstabsmäßig geplant und in der lokalen Verwaltungsbehörde mit Hilfe der Armeesoldaten in olivgrüner Uniform durchgeführt (sehr effizient). Meinen eigenen Körper pumpe ich mit noch mehr Medikamenten und Hormonen voll (ich will endlich wieder ein volles A-Körbchen erreichen, wie damals vor ein paar Jahren, zur Beginn der Hormontherapie, als ich fast "scheinschwanger" war).

Die vielen Silvesterabende, die ich allein vor dem Computer verbracht habe, mein ganzes Leben, es scheint, als wären die wenigen kurzen Jahre zwischen 2015 und 2019 nur eine Ausnahme gewesen. Eine Packung Tiefkühl-Toast-Hawaii und ein paar Kroketten im Backofen ... vielleicht höre ich später noch einmal in ein Online- und Live-DJ-Set hinein, während ich weiter an meinem Computer programmiere und mich wie immer wegen dem Lärm da draußen vor meinen Dachbodenfenstern aufrege (der bis jetzt noch ziemlich verhalten ist).

Das nächste Jahr: Träume, Wünsche! Das Motorrad nach einer kompletten Saisonpause wieder flottmachen, Reisen planen, all die Ziele mit dem Zug und dem Flugzeug, die noch offen sind, immer um ein Jahr verschoben, aber niemals aufgegeben! Die Bikinifigur für den Strand halten, hatte ich mich so gefreut, daß ich wieder die magische "57 kg" erreicht hatte, kratze ich jetzt, schokoladenbedingt, wieder an der "Neunundfünfzig-Komma-nochwas". Dranbleiben...

(Ein komisches Gefühl, wenn mich der Impfarzt fragt, wie alt ich bin und mir nach einer Momentsekunde ein "Vierzig" über die Lippen läuft ... gleich die vor mir liegende Schokolade aufessen, während ich diese Zeile in mein Tagebuch schreibe.)

[24.12.21 / 22:22] "Jetzt kommt eine ganz neue Gruppe, nicht die der Impfgegner und Impfverweigerer, sondern die der Nichtwähler - die, die für sich aufgegeben haben und einfach nicht mehr Teil des Systems sind."

Geschrieben drei Tage zuvor in mein Notizbüchlein als Idee für einen Tagebucheintrag - und doch habe ich mich dazu überreden lassen, einen dritten Impftermin zu buchen, dabei hatte ich meine sechs Monate noch gar nicht um, es sind erst "fünfeinhalb". (Wie viele Impfungen da noch kommen?)

Zu etwas vollkommen, vollkommen anderem:

"Nach vierzig Jahren ist der Lack ab!"

Nicht mein Zitat - aber ein nicht ganz ernst gemeinter, liebevoller und doch in treffender Weise zynischer Spruch aus dem engsten Personenkreis zur Festtagszeit unterm Tannenbaum. Ist halt so, mußt du so nehmen. Leb damit und schmunzel weiter.

[17.12.21 / 23:42] Wer bin ich noch, im zweiten Jahr des Viruskrieges? Ohne Ausgehen, Konzerte, Festivals, durch die Welt reisen, Menschen treffen und kennenlernen. Ich bin das asexuelle, nonbinäre Etwas, das in seiner autistischen Wesensart nichts anderes kennt, als die tägliche Arbeit am Computer im Softwaretesten. Das auch in diesem Konzern demnächst "die Hütte brennt" (Streiktonnen), bekomme ich nicht mit. Die Menschen, die an mir vorbeigehen, bekomme ich nicht mit. Die Schreckensnachrichten in den Medien, die angeblich radikalen, aufrührerischen und spaltenden Kräfte, die ganze Politik drumherum, bekomme ich nicht mit. Es betrifft mich nicht, berührt mich nicht, ich schaue es mir nur manchmal verwundert an. Die ganzen verwahrlosten, sich gehenlassenden, ziellos umherirrenden Jugendlichen auf der Straße, die von allen Vergessenen ... No Future? Ich hatte wenigstens meine Zeit.

Arbeit, Kohle scheffeln, das Monatsgehalt 1:1 ins Aktiendepot reinvestieren, etwas zu essen kaufe ich mir vom Ersparten, Rücklagen der "Arbeitslosenstütze" der letzten beiden Jahre, Miete für die Wohnung zahlt die Entleihfirma (Ingenieurdienstleister). Alles, was ich darin stehen habe, ist gebraucht, geborgt, war doppelt vorhanden (Leipzig) oder ist improvisiert - so wie mein Fernseher auf einem Pappkarton steht, in einem kahlen Wohnzimmer, in dem sich sonst nichts findet, als ein Bett, ein Klapptisch und meine beiden, leichten Bistrostühle aus Aluminium ... vielleicht noch ein aufgebautes, klappriges Regal mit drei, vier Kleiderbügeln auf der Stange, mitten im Raum. Die Küche macht's mit meinem einzig investierten, neuen Kaffeevollautomaten, jeden Morgen. Direkt gegenüber zur Tür des Wohn- und Schlafzimmers hängt als Deko das Poster von dem Gothic- und Post-Punk-Konzert von vor ein paar Wochen, das einzige Konzert, das es dieses Jahr gab, für mich.

Wie lange halten die Menschen das durch? Werde ich bald auch wieder als ungeimpft gelten? Dreht sich der Kreis? Neues Jahr, neue Mutation, neuer Impfstoffmangel, Kampagne, Floskeln, Phrasen, Slogans, Propaganda und Parolen? Ich verliere das Interesse, ich kapsel mich ein, es betrifft mich nicht mehr, ihr habt mich verloren. Ich schau lieber dabei zu, wie jeden Morgen der Kaffee in meine zwei darunter positionierten, kleinen Espressotassen läuft. Arbeiten gehen, Einkaufen, Wohnung saubermachen, Fernsehen, Bett - Arbeiten gehen, Einkaufen, Wohnung...

[22.11.21 / 22:33] Da ist er, der 40. Geburtstag, es gibt nichts darüber zu schreiben oder zu sagen, was anderswo schon erwähnt wurde. Altbekannte Weisheiten: Männer werden irgendwie noch ein Stück attraktiver und Frauen irgendwie ... irgend etwas zwischen "deprimiert" und "aufgeben".

Ich stehe den späten Vorabend noch am Badezimmerspiegel in meiner neuen Wohnung und ziehe die kleinen Falten am Augenlid glatt und ... lasse es gleich wieder bleiben, winke mit der Hand meinem Spiegelbild entgegen. "Steh dazu..."

Und jetzt? Immer noch nicht verheiratet, geradezu beziehungsunerfahren - jedenfalls alles, was über kurze Liebschaften hinausgeht. Weiblich, Vierzig, Single. Ich teile meinen Geburtstagskuchen nicht, stopfe alles in mich hinein und hoffe, daß niemand überhaupt etwas bemerkt und wohlmöglich mir noch gratulieren will. "Na, wie alt bist du denn jetzt geworden?" - Hau bloß ab...

So mit "50" könnte ich vielleicht wieder anfangen, zu feiern, das wäre dann ein runder Geburtstag (und erst dann die Hälfte zur "100"). Bis dahin ... ein schönes Geschenk: Ein kleines, buntes, Teeservice, für eine Person, für nette Nachmittage allein.

Angekommen in meiner Dachgeschoßwohnung für "unter der Woche", mein Leben besteht eigentlich nur noch aus dem "Nine-to-Five-Job" im Büro, nach Feierabend im Discounter Einkaufen gehen (aka "Einkaufswagen schubsen"), Nahrung und Reinigungsmittel kaufen, Frühstück und Abendessen und Putzen und die Wohnung sauber halten (mehr oder weniger). Danach Fernsehen (wenn etwas drauf ist). Einen Computer und Internet habe ich hier nicht, wozu auch? (Text geschrieben von meinem Smartphone.)

Neuerdings kitschige Deko-Blumen kaufen und die Wohnung einrichten...

[12.11.21 / 21:34] Nachtrag etwa zwei Wochen später: Abgesagt! Was mache ich denn jetzt? Tieftraurig nehme ich zur Kenntnis, daß auch im zweiten Jahr das kleine Post-Punk-Festival in Leipzig nicht stattfinden wird. Meine Sachen bleiben im Schrank, meine Stiefel, meine schwarze Tunika, mein grau-kariertes Röckchen, für das ich mich zusätzlich entschieden hätte. Wenigstens war ich mal kurz lebendig, das eine Wochenende vor zwei Wochen.

Die Zahl der Infektionen in dieser verdammten Pandemie steigt exponentiell, sie ist höher als jemals zuvor... Wo sind die ganzen Leichen auf den Pflastersteinen und Gehwegen, an jeder Ecke, wie zu tiefsten Pest-Zeiten im ebenso tiefsten Mittelalter? Das alles passiert nur in den Fernsehnachrichten, im echten Leben buchen sich die Menschen abenteuerliche Flugreisen in exotische Länder (ja, ich bin neidisch), feiern Partys, drängeln sich in Kaufhäusern und Supermärkten und Tankstellen und Büros ... und ich sitze hier und kann schon wieder nichts machen.

Konsum.

Ich erfreue mich stattdessen (oder ersatzweise) in meiner neuen Dachgeschoßwohnung im Speckgürtel von Braunschweig (SZ-XXX, halb Dorf, halb City) an meinem neuen, italienischen Kaffeevollautomaten, gab es im Discounter um die Ecke für einen "supergünstigen" Preis.

[31.10.21 / 16:48] Da bin ich wieder, Sonnabend Abend auf der Autobahn Richtung Connewitz. Mein Outfit für den (vor-)letzten Tag des Oktobers: Vampirella? Witchcraft? Die ganze Woche vorher schon überlegt und ich entscheide mich letztendlich doch dagegen - den schwarzen Dress mit den ultraweiten Tunika-Ärmeln und die attraktive, schwarz-grüne Unterwäsche (BH und Slip) mit floralem Muster behalte ich für die nächsten, kommenden Wochenenden noch im Schrank. Für das Konzert diesen Abend im Süden von Leipzig trage ich standardschwarz. Kapuzenpullover, Lederjacke und die eng sitzende Jeans ... nur die halbhohen, italienischen Lederstiefeletten werde ich dann mit beiden Outfits kombinieren (also auch das für die nächsten Wochenenden).

Make-up: Routiniert, alles paßt wieder. Feuchtigkeitscreme, dann Kajal, Mascara, Wimpern- und Augenbrauenbürste - den Rest des Körpers habe ich schon den frühen Sonnabend Nachmittag von den ganzen Haaren befreit ... außer der Intimbereich (ich stehe darauf) und die langen, blonden Haare auf dem Kopf natürlich. Keine Ohrringe, die schulterlangen und offen getragenen Haare verdecken den "Knubbel" am Ohr. Allgemein meine Schmuckauswahl - zu dem von mir für diesen Abend favorisierten, schwarzen Netztop trage ich den Ganesha-Anhänger an der schwarzen Schnur - wie jeden Tag - und mein indisch anmutender, silberner Armreif, der mit den Zirkoniasteinen - auch wie jeden Tag.

Bereit für die Autobahn, im Gegensatz zu der A2 ist die A14 sehr entspannt - ich lag die Nächte schon wach in dem Hotel in Salzgitter und war mir nicht mehr sicher, ob ich das hunderte Kilometer Hin und Her auch verkrafte, der Freitag Abend zurück zu meiner Wohnung / Erstwohnsitz in der Nähe des Kreuzungspunktes A2 und A14 war schon kritisch. Zu übermüdet. Der Sonnabend geht wieder ... ich höre meine ganze Musiksammlung am Lenkrad meines roten Roadsters durch. Ich habe das Gefühl, die letzten Wochen lebe ich nur noch hinter dem Steuer, rechts und links und vor mir die Autobahn.

Leipzig-Connewitz. Krawall? Die zünden mein Auto nicht an. (Ich gehöre doch dazu.) Das linksalternative Zentrum im Südteil der Stadt ist mir vertraut, kurz nach 19 Uhr parke ich mein Auto in der dunkelsten Ecke und gehe rüber auf das Gelände, viele Besucher sind vor dem offiziellen Einlaß noch nicht da. Erst nach und nach kommen die ersten Gäste für das Konzert ... die schon leicht grauhaarigen "Alt-Grufts", die ganz sicher schon seit dem Sommer ihre beiden Impfungen hatten (die in der Risikogruppe). Mein Impfzertifikat auf meinem Smartphone wird auch irgendwo zwischen dem Café (mit Gnocchi à la carte), der Halle mit dem Indoor-Konzert und dem offenen Freigelände von einer netten Mitarbeiterin überprüft. Über mir die tiefschwarze Nacht und die hell angestrahlten Bäume mit dem Herbstlaub.

Einlaß, QR-Code scannen und einchecken - die bessere App mit dem viel besseren Datenschutz. Ich betrete die Halle mit der Konzertbühne: "Woah..." (All die Lichter...) Breites Grinsen, nicht mein erstes "Event" nach ganz langer Zeit, aber immer noch ein unbeschreibliches Gefühl. Eine Flasche Club Mate bestellen und die alte Ecke mit meinem Lieblingssitzplatz suchen, "Leute schauen", habe ich in Wien gelernt.

Zuerst dachte ich, der Typ an der Garderobe hat heute Abend den entspanntesten Job, so viele Gäste kommen nicht und die die kommen, tragen ihre schwarzen Kapuzenpullover, so wie ich, noch das ganze Konzert lang, herbstlich kalt draußen ... doch nach und nach füllt sich die kleine Halle. Aufgrund der behördlichen Anordnungen und Genehmigungen ist die Anzahl der Personen und der Ticketverkauf begrenzt, bzw. reglementiert - und trotzdem wirkt das Ganze doch wie voll, nur eben jetzt mit mehr Platz zum Bewegen zwischen dem Publikum ... eigentlich ganz angenehm für mich - und niemand tritt mir auf die Füße.

Der erste Auftritt, der erste Solokünstler des Abends an seinem aufgebauten Synthesizer-/Sequencertisch und Mikrofon, sein Soloprojekt (ich habe die Alben des anderen Musikprojektes) - EBM bewegt die Maße. Tanzbar. Und mein erstes Konzert, als Zuschauerin im Publikum, nach mehr als anderthalb Jahren ... ich muß einfach wieder tanzen.

Die Umbaupause zwischen den Auftritten nutze ich für einen Gang zur Bar, das nächste Getränk bestellen, vielleicht einen Weg auf die Toilette - gendergerecht aufgeteilt für "mit" und "ohne" Urinal - und, um ein paar Blicke auf mich zu ziehen, mein Kapuzenpullover verschwindet, fein säuberlich aufgerollt, in meiner großen Handtasche. Jetzt bin nur noch ich mit meiner Punkerkutte, den halbgeschlossenen Reißverschluß, den Buttons und Nieten und dem Ausschnitt meines Netztops sichtbar. Nun zu der traurigen Nachricht: Die Band, die ich unbedingt sehen wollte, die auf deren Auftritt ich jetzt seit Anfang 2020 gewartet hatte, für die ich immer wieder nachgeschaut habe, ob der Konzerttermin endlich stattfindet und nicht mehr weiter verschoben wird, diese Band tritt an diesem Abend nicht auf. Einsam und verlassen steht ihr Name auf den Konzertplakaten unter denen der anderen beiden Bands. Ich weiß, daß sie erst vor kurzem einen Auftritt in Berlin hatten ... sie haben also überlebt.

Gleich überleitend zum Headliner und Nummer Eins auf dem Plakat - ich habe keine einzige ihrer Platten, sie haben so viele Singles und EPs veröffentlicht, daß ich gar nicht den Überblick habe. Vielleicht entdecke ich später eine Live-Aufnahme oder irgendwie ein "Greatest Hits" am Merchandise. Gesehen habe ich die Band schon vor ein paar Jahren irgendwo anders in Leipzig, für sie ist es ihr erstes Konzert im internationalen, europäischen Ausland seit der endlos langen Zeit des Lockdowns und der Isolation. Ich erkenne ein paar ihrer gespielten Songs wieder, sie sind einfach Klassiker ... oder aber irgendwo auf Samplern als Einzelstücke in meiner Plattensammlung tief verkramt. Diese Band ist für ihre aufwendigen Visuals und Multimedia-Performances bekannt. Ich wünschte, ich wäre auch so kreativ und talentgesegnet. (Ich brauche auch so ein Musikvideo für meinen "Klangmatsch".) Beeindruckt von der visuellen Präsenz, staunend im Publikum...

Später, auf der Autobahnfahrt zurück, habe ich schon die nächsten Ideen für meine Musik oder den Remix, den ich schon seit fast zwei Jahren angehen will. Die Band beendet den Konzertabend mit einer Zugabe und - dazwischen - der obligatorischen Feedbackschleife. Am Merchandising-Stand sind nur noch ein paar Vinyl-EPs und eine größere Platte über, vom Cover her eher eine Maxi-Single. Links daneben auf dem Tisch liegt ein Stapel Plakate mit dem Termin für den heutigen Abend, sie waren wohl nicht mehr zum Aufhängen gedacht, nachdem klar wurde, daß eine Band "fehlt". Es steht kein Verkaufspreis da, sie sind kostenlos zum Mitnehmen? Ich bin eine von vielen, die einfach zugreift. Zusammengerollt und mit einem Haargummi fixiert, schaut die Rolle im A2-Format zur Hälfte aus meiner Handtasche heraus, als ich schon wieder auf dem Weg nach draußen bin. Ein DJ spielt zwar noch, aber eine Diskoveranstaltung ist für diese Nacht eher nicht geplant. Gegen Mitternacht am Ausgang, den schwarzen Kapuzenpullover wieder überziehen, den Reißverschluß der Punkerkutte zuziehen, schnell noch einen Flyer einstecken (auch wenn das Datum schon abgelaufen ist) und zu Fuß in die Dunkelheit der Nacht zu meinem geparkten Auto, das unversehrt immer noch da steht. Es ist eine friedliche Gegend.

Die Nacht durch die Straßen von Leipzig ... würde ich hier noch wohnen, wäre ich schon zu Hause. Die Nacht weiter auf der Autobahn ... ein Fuchs wirft einen Schatten im Scheinwerferlicht. In Leipzig habe ich schon einen Igel gefahrlos vor mir die Straße überqueren lassen (so mit Anhalten und egal, wer hinter mir steht).

Die Nacht ist wieder diese Zeitumstellung, eine Stunde mehr für den Sonntag, ich schaffe es innerhalb des Zeitraums von 0:15 Uhr am Parkplatz bis 1:30 Uhr in meiner Wohnung vor dem Badezimmerspiegel mit den Halogenlampen. Make-up entfernen, den schwarzen Lidstrich und die Wimperntusche auf den angefeuchteten Tüchern. Meine Sachen im Zimmer verteilen, keine Gedanken an den nächsten Tag, einfach einschlafen. Zumindest die Stiefel ziehe ich in drei Wochen wieder an, dann bin ich wieder für ein kleines Festival im Süden von Leipzig ... wenn es stattfindet. (Aber ich könnte mein Outfit jetzt auch so die nächste Woche "auf Arbeit" tragen?)

So viele Menschen vor der Bühne und der Gedanke, wenn du "es" einatmest, hat es dich dann erwischt und du bist innerhalb der nächsten 14 Tage tot? Allein dieses Gedankenspiel läßt erahnen, wie die Welt in der Szene in den postapokalyptischen Achtzigern ausgesehen haben muß ... Umweltgifte, Atomkrieg und eine grassierende, das Immunsystem angreifende Virusepidemie. Wir sind keinen Schritt weiter.

[23.10.21 / 19:34] Arbeit ist Scheiße. (Aber ich brauche die Kohle.) Als "Externe" in einem Entwicklungsbüro für "Externe" auf dem Werksgelände - das sogenannte Büro ist ein zwanzig Jahre alter Containerkomplex (leicht heruntergekommen), die Toiletten funktionieren mal ab und zu - und für die Frauentoilette muß ich bei strömenden Regen, quer über den Parkplatz, in das Nachbargebäude laufen und Etage für Etage hochklettern, bis ich eine funktionierende und nicht verschlossene Toilette finde. Gilt alles als Arbeitszeit...

Die Arbeit ... mache ich denselben Kram nicht schon seit fast zehn Jahren? Fahrt bloß nicht mit dem Regionalzug rund um London. Den habe ich (mit) bei meinem alten Arbeitgeber vermurkst (konnte den Fehler nicht finden, nur reproduzieren). Den neuen, nicht weiter näher genannten Arbeitgeber (so viele mit Zügen gibt es ja nicht) versuche ich mit etwas besserer Arbeitsleistung zu beglücken, immerhin will ich auch mit den Zügen fahren (und nicht wegen Softwarefehlern "betriebsbedingt" auf den Gleisen stehen bleiben).

Seit drei Wochen als Leiharbeiterin/Lohnsklavin in einem Hotel wohnen, Freitag Abend auf der Autobahn zurückfahren, den kleinen Koffer auspacken, den Sonnabend vor dem Computer und auf der Fernsehcouch versacken, den Sonntag Nachmittag alles wieder in den Koffer schmeißen, zuklappen und den Sonntag Abend wieder zurück in das Hotel fahren? Wo ist mein Leben geblieben, alle meine Träume... (Ich brauche mindestens einen "Computerfreien" Sonntag.)

Home Office? Ja das geht ... aber nicht stundenlang vor dem Couchtisch. Immerhin bin ich jetzt nicht mehr so sekundengenau mit dem Aufschreiben der Arbeitsstunden - grob plus-minus fünf Minuten ist vollkommen OK. Wenn ich das zwölf Arbeitstage so mache, ist das dann schon eine ganze Minusstunde, die im unregistrierten Nirwana verschwindet? Vertrauensarbeitszeit... (Auf meine 300 alten Minusstunden will ich nicht wieder kommen.)

Arzttermine - die wußten, worauf sie sich bei mir einlassen. Nach den ganzen Internetrecherchen und YouTube-Videos ist das bei mir am Ohr wahrscheinlich (nach Eigendiagnose) ein wuchernder Keloid (tritt interessanterweise vermehrt bei dunkelhäutigen Menschen auf) und ich muß mich wohl von einem Ohrloch langfristig trennen (meine schönen Diamantohrringe!), die schwierige Behandlung könnte ewig dauern ... und noch hat der darauf spezialisierte Chirurg das noch nicht angesehen, der Termin steht noch aus (ein halbes Jahr Wartezeit und drei oder vier Überweisungen später). Die Hoffnung (daß es doch etwas anderes ist) stirbt zuletzt.

Die Wohnungssuche ... eine kleine Ein-, Zwei- oder Dreizimmerwohnung, unter 55m², bezahlbar und mit möblierter Küche im Raum Salzgitter? So viele Angebote sind da jetzt nicht, die erste, die ich mir angesehen habe, war ein "Rattenloch", mit viel Liebe und Aufwand vielleicht noch zu renovieren, aber die Substanz der 60er-Jahre-Blöcke in dem einen Ort mit ganz viel Migranten-Anteil ist doch nicht ganz so ... überzeugend. Und ich dachte, die vielen arabisch- und türkischstämmigen Stadtteilbewohner könnten dem Ganzen ein mediterranes Flair geben, funktioniert aber nicht in dem miefigen (West-)Deutschland. Nur weg von hier...

Eine kleine Dachgeschoßwohnung in einem (ehemaligen) Dorf südlich von Braunschweig (meine zweite von zwei Wohnungsbesichtigungen) ist mein Favorit ... wenn ich nachweisen könnte, daß ich vertrauenswürdig bin und immer pünktlich meine Miete zahle. Als noch vor kurzem langzeitarbeitslose Transfrau mit psychisch instabiler Vergangenheit...

Alles, was ich jetzt noch auf dem Girokonto hab', hau' ich raus, in mein Aktiendepot (bis ich noch im "Dispo" lande), in der Hoffnung und den Träumen, möglichst bald von den ominösen 4% Wachstum (FIRE) auf unterstem Einkommensniveau leben zu können. "Oh, was ist das? Gold-Zertifikate. Das kaufe ich jetzt auch mit ein und mische es mit in mein Depot! Kann ja nicht schaden." Und schon wieder ein paar Hunderter weg, im Onlinebanking. (Von dem Geld hätte ich mir nur auf Reisen sündhaft teuren "Diamant-Tineff" gekauft.)

Ich ändere dann mal wieder meinen Berufsstatus auf meiner Profilseite, neu: "Projektingenieurin / Wochenend-Webmistress" (english: "project engineering / weekend webmistress") - und hier das Backup für davor und danach: "langzeitarbeitslose Ex-Psychiatriepatientin / Webmistress" (english: "long-term unemployed ex-psychiatric patient / webmistress"). Mal sehen, wie lange ich das dieses Mal durchhalte...

[02.10.21 / 00:43] Ich habe ein Ticket? Ich habe ein Ticket! ICH HABE EIN TICKET! Seit Anfang des Jahres 2020 - oder noch viel länger? So genau weiß ich das jetzt gar nicht mehr - aber bestimmt schon mehr als anderthalb Jahre beobachte ich im Internet die Konzerttermine und die Seiten der Online-Shops mit den Tickets. "Veranstaltung verschoben", "Konzert fällt aus", "...wird auf Herbst 2020 verlegt" (oder so ähnlich) - und dann immer weiter verschoben, bis jetzt der Termin Ende Oktober 2021 steht. Bleibt es dabei? Ich will die Band unbedingt sehen, ich muß sie sehen, sie treten in Leipzig auf, tatsächlich bin ich noch viel mehr an der Vorband als an dem Haupt-Act interessiert ... kommen die denn auch?

Die alten Tickets blieben die ganze Zeit über gültig, neue Tickets gab es bis vor ein paar Stunden oder Tagen noch gar nicht. Ähnlich kurzfristige Konzerte mit ähnlichen Bands waren in kurzer Zeit ausverkauft - die Veranstaltungen finden mit der 2G-Regel statt. Nur Geimpfte oder Genesene - und nur höchstens 200 Personen! (Indoor?) Nervenkitzel ... ich habe meinen Ticketkauf die letzten 12, 18 oder 24 Monate immer vor mir hergeschoben, in unklarer Erwartungshaltung, ob das Konzert denn jetzt wirklich irgendwann stattfindet - und wenn, kriege ich dann überhaupt noch eine Karte ab? Hoffentlich...

Ich weiß, da tut sich gerade viel, die Bands spielen kurzfristig an allen exotischen Orten, im kleinen Kreis, hier und da waren schon kleine Festivals möglich - und ich habe es dann viel zu spät erfahren! (Ich bin nicht vernetzt...) Zu groß ist jetzt meine Verblüffung, daß ich auf einmal wieder ein Ticket kaufen konnte ... so surreal! (Schon wieder...)

Auf nach Leipzig in vier Wochen, die tiefschwarzen Gothic-Klamotten anziehen (als ob ich die nicht jeden Tag tragen würde) und zu einem Konzert fahren ... so viel könnte jetzt noch schiefgehen, daß es wieder abgesagt werden muß. Und kann ich dann (neuerdings) den Freitag Nachmittag auch früher von der Arbeit weg? (Ein anderes Thema ... die wissen noch gar nicht, welche verrückte Irre da demnächst ihren ersten Arbeitstag hat - und um "9:00 Uhr früh" aufschlagen muß.)

[26.09.21 / 23:38] In eigener Sache (mit Triggerwarnung):

Du planst Dich umzubringen? Es gibt bestimmt tausend gute Gründe, die dafür sprechen, denen ich Dir nicht im Weg stehen will, aber … Die zermürbende Transphobie, derer Du ausgesetzt bist, all die Diskriminierung, und das Mobbing, das Scheitern an der Gesellschaft, die fehlende Akzeptanz, vielleicht sogar der Stillstand Deiner Transition und das sich verloren fühlen im bürokratischen Machtsystem – ist kein guter Grund.

Tue es nicht!

Es zerreißt einen das Herz, auf Mahnwachen und Gedenkveranstaltungen, der Worte ringend, in Trauer zurückgelassen zu werden, zu wissen, das hätte jetzt nicht sein müssen. So viele Transfrauen sind von uns gegangen, zu viele.

An die Mitmenschen, bleibt achtsam, geht auf Sie zu, wenn ihr etwas spürt. Sie wird es verneinen, aber allein Ihr wissen zu lassen, daß wir da sind, ist schon ganz viel wert.

[24.09.21 / 18:20] Sie wollen mir unbedingt einen Arbeitsvertrag anbieten ... alle meine Ansätze der Eigensabotage laufen ins Leere. Vor vier Wochen, Ende August, der erste Vorstellungstermin, auf der Autobahn in Richtung Braunschweig und Salzgitter, zu dem kleineren Ingenieursdienstleister für das Projekt. "Ich muß jetzt mal den Reißverschluß meiner Punkerkutte zumachen, die ist jetzt nicht so seriös."

Drei Wochen später, Mitte September, der Vorstellungstermin beim Kunden, auf der Autobahn erneut Richtung Braunschweig und Salzgitter, in das Werk und den Arbeitsplatz besichtigen. Einstellungstest, drei von vier Aufgaben bearbeite ich gleich gar nicht. "Da habe ich jetzt keine Erfahrung mit." Nur die eine Aufgabe mit der akribischen Spezifizierung von Testfällen - also genau das Fachgebiet, in dem ich jahrelang gearbeitet habe - wird von mir detailliert auf einem Extrablatt mit Notizen und Lösungsansätzen versehen. Mist...

Eine Woche später, vor einem Tag, der Termin für die Vertragsunterzeichnung beim größeren Ingenieursdienstleister für die Personalgewinnung und -verleih. Noch einmal auf der Autobahn über die Landesgrenze Richtung Niedersachsen (und mit dem Navi total in Braunschweig verfahren). Im Bürokomplex im Konferenzraum der Niederlassung die Papierblätter vor mir auf dem Tisch: "Und ihr habt euch wirklich vorher mein Arbeitszeugnis durchgelesen?" Das Beschissene, mit dem ich nie wieder hätte Arbeit finden können. Meine Deadline für den vollständigen Ausstieg aus der IT-Branche war von mir auf Ende dieses Jahres festgesetzt, ab da hätte ich keine weiteren Bewerbungen mehr geschrieben. Ich zögere ... den Stift mit der dokumentensicheren Tinte in der Hand - und kritzle meine Unterschrift in die letzte Signaturzeile. Schon wieder die Seele verkauft.

Gedanken, ich könnte über eine Kette von zwei Ingenieursdienstleistern und einem Endkunden (ein nicht näher genannter, anderer großer Konzern) meine alte Arbeit wieder aufnehmen, nur jetzt eben bei der Konkurrenz (mit all meiner Erfahrung). In wenigen Tagen geht es plötzlich wieder los, das "Roboten", es reißt mich geradezu aus meinem asozialen Alltag und meinen Träumen, als "Bahnhofspunk" irgendwo herumzugammeln (bis jetzt hat da noch kein einziger auch nur einen Bruchteil eines "Crypto-Coins" in mich investiert, siehe mein Banner weiter unten, bzw. die Tagebucheinträge der letzten Monate).

Unterkunft / Hotelzimmer für die ersten Wochen wird gestellt, danach muß ich mir eine neue Zweitwohnung anmieten - das Stück Autobahn pendel ich nicht jeden Tag (die Spurwechsel in der Rush-hour, die endlos langen LKW-Kolonnen). All mein Wohnungsinventar ist doppelt vorhanden, seitdem ich meine alte Wohnung in Leipzig aufgeben mußte (ich schleppe jetzt nur nicht noch einmal den großen Kleiderschrank umher). Die Wohnung, die jetzt kommt, wird eine reine "unter der Woche" Arbeitswohnung - so wie 2008/2009, das WG-Zimmer für meine Diplomarbeit in Hannover (oder wie davor, zwischen 2002 und 2008, für 11 Semester, die Bude in dem Studentenwohnheim in Wernigerode).

Es tut sich etwas in meinem Leben, ich könnte die Chance nutzen und wieder mit Arbeiten anfangen. Kohle scheffeln, Geld verdienen, an eine Karriere glauben, die ganze Knete wieder für Luxus ausgeben. Teilzeitvertrag, keine 40 Wochenstunden mehr, Option auf Home-Office, 30 Tage Urlaub im Jahr, um die Welt reisen...

[05.09.21 / 20:40] "One drink for those who didn't survive the past 1 ½ years." Mein erster Discobesuch nach anderthalb Jahren. Die Routine vor dem Badezimmerspiegel ist noch nicht wieder zurückgekehrt, zeitlich ist alles OK (und ich bin dann auch pünktlich am Einlaß) ... aber die Abläufe? Erst Mascara und dann Kajal? Erst Feuchtigkeitscreme im Gesicht und dann Zähneputzen - und die ganze Foundation wieder wegwischen? Irgendwie kriege ich das den Sonnabend um 21:30 Uhr doch wieder hin, die Sachen zum Anziehen habe ich den Tag schon ausgewählt, mein schwarzes Spitzenkleid aus Wien passend zu den viktorianischen Stiefeletten - die ich auch schon zuletzt in Wien anhatte. Kleid aus dem Kleiderschrank den Nachmittag zum Lüften rausgehängt, Schuhe üppig mit neuer schwarzer Schuhcreme geschmeidig gepflegt (und glänzend poliert). Den Abend kurz unter die Dusche (und dann Make-up), die Haare durchgekämmt - ein Sprühstoß Patchouli-Chanel kopfüber auf den Nacken. Kein Push-up, ich wähle einen flacheren BH. Keine silbernen Ohrringe, nur mein Armreif mit Zirkoniasteinen und mein indischer Anhänger ... speziell auf die geliebten Ohrringe muß ich verzichten, das Ohrloch rechts ist in der veranstaltungslosen Pandemie-Zeit zugewachsen und ein anderthalb Zentimeter großer Tumor versperrt den Weg (wird demnächst noch wegoperiert).

22 Uhr, ich hole mein Auto aus der Garage, es ist kalt den Septemberabend. Zusätzlich zu meiner Lederjacke habe ich noch den schwarzen Wollschal mit in meine schwarze Lederhandtasche gepackt. Im Auto auf der kurzen Fahrt nach Magdeburg gehe ich noch einmal laut alles durch: "Impfausweis - Check! FFP2-Maske - Check! Personalausweis - Check! Smartphone - Check! Geld und Portemonnaie - Check! Schal zum Umhängen für den Fußweg nach der Disko wieder zurück - Check! Wohnungs- und Haustürschlüssel? Check!" Ich glaube, ich habe alles dabei.

Magdeburg ... das letzte Mal, daß ich hier die Nächte zum Tanzen ausgegangen bin, muß ewig her sein. Jahre ... Jahrzehnte! Der Weg über die Schnellstraße in der Landeshauptstadt ist derselbe, über die ein oder zwei Dörfer davor gibt es eine neue Hochstraße als Umgehung ... die ist wirklich neu, ich schleiche auf der ungewohnten Route im Dunkeln so dahin, die Signalbaken leuchten im Scheinwerferlicht.

In Magdeburg selbst habe ich vorher im Internet nach passenden Parkplätzen gesucht: Ah, da hinten da, um die Ecke, um den Friedhof! Ja, da parke ich gerne. Der Club selbst ist im Süden von Magdeburg, in einem alten Bahnhofsgebäude (oder so ähnlich). Seitdem ich da mal aus der S-Bahn ausgestiegen bin, ist mir der aufgefallen. Die Gothic-Szene in Magdeburg ist nicht besonders groß, abgesehen von dem einen Festival 2004 und 2005 und meinen ersten nächtlichen "die Nacht ausgehen zum Tanzen" in dem anderen Club dort irgendwo in der Nähe, ist immer noch nicht viel los in in dieser Stadt. Nicht wirklich so, wie in Leipzig...

Einlaß 23 Uhr, ich bin nervös, mein Auto steht nicht weit, ich krame alles was ich brauche aus meiner Handtasche, stecke den Personalausweis, das Smartphone mit dem Impfzertifikat und meine Maske für das Gesicht in meinen Jackentaschen hin und her. Die schwarzen FFP2-Masken habe ich mir den Mittag noch extra in einer Drogerie gekauft ... die weißen Filterdinger wären ja für den Anlaß total uncool und "ungruftig"! Überhaupt nicht Gothic. So viele schwarze Gestalten (und modekritische Blicke) stehen jetzt aber nicht am Eingang. Nur so ein paar, wie ich, Ältere eben. (Die, die altersgemäß schon in der Risikogruppe zum Impfen waren?)

Einlaß gestaffelt, ich war hier noch nie, erkunde staunend die ersten Meter hinter der Tür - OK, so groß ist der Club nicht, aber es gibt zwei Tanzflächen und ultraviel Nebel ... in dunkler Beleuchtung! Könnte passen! Meine schwarze Gesichtsmaske fällt als erstes, es besteht keine konsequente Tragepflicht, noch keine Amsterdam-Zustände (erst wenn die Zahlen den Herbst und Winter wieder steigen, nachdem alle mal kurz die Nächte frei und voller Leben ausgehen konnten). Getränk an der Bar, Reißverschluß der Gothic- und Punkerkutte öffnen, Buttons und Patches in der wechselnden Farbbeleuchtung anstrahlen lassen, im Nebel versinken und den ersten Titel tanzen. So bizarr! Die Nacht vorher habe ich mir schon ausgemalt, welche Titel ich als DJane spielen würde, welche mir so vertraut sind, welche mich anfangen lassen, zu tanzen. "Sleeper In Metropolis" - Anne Clark. Ich bin so euphorisch, voller Glücksgefühle, ich muß meinen "Status" online in dem Messenger auf dem Smartphone verbreiten.

Die Getränkekarte (oder Bon) füllt sich die nächsten zwei Stunden mit gestanzten Löchern, ich bestelle nach und nach eine alkoholfreie Cola nach der anderen. Die zweite kleine Tanzfläche ist jetzt auch offen, ich wechsele durch die vernebelten Gänge hin und her. Einmal werde ich auch angequatscht, aber ich lasse mir kein alkoholhaltiges Getränk ausgeben. Sorry, für dich. Ich suche die kleinen Toiletten im Keller (unisex?), sitze mal auf einer Art Couch (sofern ich das im Dunkeln erkennen konnte), stehe mal draußen vor dem Eingang mit den anderen Rauchern, verpasse innen wieder einen guten Titel (entweder von Mephisto Walz oder Skeletal Family - jedenfalls eine Band von meinen Buttons an der Jacke) und starre dann doch wieder in der Sitzecke einsam auf mein Smartphone ... die Plätze neben mir sind (manchmal) frei. Die Gedanken hängen an meinen Ex-Freund ... jede meiner vermissten Ex-Liebschaften, zu denen der Kontakt abgebrochen ist, ist für mich automatisch gleichbedeutend wie tot. Höchstwahrscheinlich ist er in der Pandemie und der depressiv machenden Isolation an Alkohol, Sucht und Drogen draufgegangen - und hat es nicht überlebt.

2:30 Uhr, draußen ist es wirklich kalt geworden. So viele Gäste sind hier nicht mehr in der Gothic-Tanzveranstaltung (das Alter). Auch ich wollte nicht länger bleiben und zeitig wieder die Nacht auf den Sonntag zurückfahren. Nach 18 Jahren Tanzen hält das kleine Nietenhalsband mit dem Druckknopf-Verschluß nicht mehr an meinem Stiefel. Es versinkt in der Handtasche, ich ziehe draußen vor dem Eingang des Clubs stattdessen meinen schwarzen Schal aus meiner Lederhandtasche, wickle ihn wärmend um meinen Hals, prüfe die zugezogenen Reißverschlüsse an meiner Jacke und stiefele in meinen Absätzen meinem geparkten Auto entgegen. Den Club kann ich mir merken - aber alleine ist doof.

Mein roter Roadster auf dem Parkplatz am Friedhof - und er ist immer noch nicht aufgebrochen (entgegen der schlimmsten Befürchtungen meiner Eltern). Die Straße zurück zu meinem Wohnsitz, die Straßen im Schein der Laternen durch Magdeburg, die ich mit meinen Vorgängerautos schon vor zehn oder zwanzig Jahren nach der Disko zurückgefahren bin, die Ausfahrt an der Schnellstraße, der Weg im Dunkeln durch die kleinen Ortschaften, die Straße zurück in das Wohnkaff. Als Jugendliche warst du hier echt aufgeschmissen, wenn du nicht mobil warst. Wie haben das die Jugendlichen jetzt erlebt, als für mindestens 18 Monate pandemiebedingt alles dicht war und es nichts zum Ausgehen gab? Unvorstellbar...

Zurück in meiner Wohnung im Dachgeschoß, wie damals am laut bellenden Hund meiner Eltern im Erdgeschoß vorbeidrängeln (guter Wachhund), oben in meiner Wohnung in meinem Badezimmer vor dem riesengroßen Spiegel mein Make-up im Gesicht entfernen, meine schwarzen Klamotten auf allen Kleiderbügeln in meinem Zimmer verteilen. Der zum Jahreswechsel begonnene Umzug in die größere Wohnung unter mir, zieht sich so dahin. Hier auf diesem Dachboden habe ich schon als Siebzehnjährige gewohnt und bin ganz langsam in die Gothic-Szene abgedriftet...

4 Uhr nochwas ins Bett und Frühstück mit Kaffee dann gegen Sonntag Mittag wieder unten bei meinen Eltern.

[24.08.21 / 00:21] The Good Ole Days. Zurück in das Jahr 2011 - als ich noch mit einer fetten Sonnenbrille im Gesicht und in schwarzen Klamotten ein paar hundert Meilen die Interstate Richtung Vegas entlang gedonnert bin. Das Make-up ist mir bei einem Fotostop in der Wüste schon längst zerlaufen, die schulterlangen, blonden Haare hängen mir am Steuer des Mietwagens schlaff herunter ... aber das war es wert! Ein wahnsinniges Gefühl von grenzenloser Freiheit durchströmte meinen Körper...

Hintergrund: Ich habe mir mal wieder den Film "Blues Brothers" im Fernsehen angesehen und ein altes Foto von mir hervorgekramt. Jetzt neu nachbearbeitet mit geänderten Gammawert für die Details und Ausleuchtung im Fahrzeuginnenraum (ich hoffe, der Bartschatten ist untergegangen), ein Zuschnitt auf das Seitenverhältnis 1.85 (wie im Film) und als Farbkorrektur meine obligatorische Technicolor-Farbpalette (tatsächlich sind die CMY-Werte von einer alten Kodak-Schachtel abgescannt). Letzterer Postproduktionsfilter liegt seit Jahren auf allen meinen Fotos.

[16.08.21 / 02:08] Der CSD 2021 in Magdeburg - das zweite Jahr unter erschwerten Bedingungen. Die Nacht davor war schlaflos, ich mußte ja auch um Mitternacht noch unbedingt meine Mails lesen, bis zum Sonnenaufgang in einem Gedankensturm festsitzen und um kurz nach 5 Uhr nochwas eine von meinen berüchtigten Mails zurücksenden (es ging um einen hier vollkommen themenfremden und letztendlich von mir abgesagten Bewerbungstermin irgendwo im Nirgendwo, dem ich nicht mehr psychisch gewachsen bin). Dasselbe Spiel, den Wecker ausschalten, alle Planungen für den nächsten Tag verwerfen, unter Tränen einschlafen - und nur etwa vier Stunden später den Sonnabend Vormittag dann doch wieder aufwachen.

Es ist nicht für umsonst! All die Energie, die ich in die Zusammenstellung meines Outfits für diesen CSD gesteckt habe, die Tage vorher schon bereit gelegten und frisch gewaschenen Sachen auf allen Kleiderbügeln in meinem Dachbodenzimmer verteilt. Das grüne Häkeltop, das ich zuletzt in Sri Lanka an hatte, mein langer indischer Rock, den aus Rajasthan, den ich zuletzt letztes Jahr in dem Kurztrip auf die Burg getragen hatte. Mein ausgewählter Silberschmuck, der silberne Armreif und mein Ganesha-Anhänger aus Ibiza. Ein Sprühstoß aus meinem geliebten und so lange vermissten Chanel-Parfüm (das mit Patchouli) vor dem Spiegel im Badezimmer nach dem Duschen und Frühstück und ich bin wieder teilweise lebendig. Die alte Hippie-Tante geht aus.

12 Uhr wäre das CSD-Programm am Alten Markt in der Innenstadt von Magdeburg gestartet, die Demo selbst eine Stunde später, um 13 Uhr. Ich muß nicht da sein, es fängt auch alles ohne mich an. Ich kann mir soviel Zeit lassen, wie ich will, mich in Ruhe weiter vorbereiten und alles langsam angehen. Den Startpunkt der Demo erreiche ich nicht, ich parke meinen roten (und frisch gewaschenen) Roadster wieder in dem Parkhaus in der Nähe im Herzen von Magdeburg, laufe nach draußen an die Oberfläche, höre auf all die Geräusche, das Wummern der Bässe der Veranstaltungstrucks, die Stimmen der jungen Menschen eingehüllt in ihren Regenbogenfahnen und lasse den Demozug, der gerade um die Ecke biegt, ganz langsam auf mich zukommen.

Ich stehe an der zentralen und abgesperrten Kreuzung neben dem Einkaufscenter, beobachte den vorbeiziehenden CSD, die wahrscheinlich wieder tausend (oder mehr) bunten Teilnehmer, die Wagen, die Menschen, die Musik. Warte auf meinen Einsatz - und reihe mich mit ein. Ich bin wieder da. (Ich muß den offiziellen Start nur um Minuten verpaßt haben.)

Die Demoroute ist dieselbe, wie im letzten Jahr, zwei Kundgebungen, einmal am Dom, einmal auf einer großen Kreuzung oder Kreisverkehr ... ist das derselbe Platz auf dem ich drei Wochen zuvor ein Catcalling Erlebnis hatte? Der kleine Trans Pride Block, in dem ich mich mit eingereiht habe, läuft schweigend und demonstrierend in einer geschlossenen Linienformation ("schweigend", weil wir Masken tragen, als Pandemieauflage). Überhaupt bin ich mit meiner Filtermaske, der übergroßen Sonnenbrille und meinem tief ins Gesicht gezogen und Schatten spendenden Strohhut kaum zu erkennen (oder zu identifizieren). Der kleine, eigenständige Block löst sich nach der Demo genauso schnell wieder auf, wie er entstanden ist.

Rückkehr auf dem Alten Markt im Zentrum von Magdeburg, das war erst meine zweite Demo, die ich hier mitgemacht habe, das anschließende Fest auf dem Platz besuche ich schon ein paar Jahre länger. Nur dieses Jahr ist es irgendwie anders ... alles mit Festivalzäunen abgesperrt, rein (auf den Innenbereich vor der Bühne und den Ständen) kommt nur, wer es an der Security vorbei schafft. Genesen, Geimpft, Getestet. Von mir auch scherzhaft als "Impfzoo" bezeichnet ... ich zeige dem netten Ordner am Einlaß den QR-Code mit meinem Impfzertifikat auf meinem Smartphone und tigere wenig später selbst die Gitterstäbe auf der Innenseite des Geheges entlang. Hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt.

Die Infostände sind dieselben, der Hanfstand gleich neben dem Rekrutierungsstand der örtlichen Polizeibehörde ist immer wieder amüsant. Der quietschsüße Waffelverkaufsstand ist neu (mein Nachtisch nach dem Falafel-Teller auswärts) und ein Cappuccino Punkt 16 Uhr zum Beginn des Nachmittags. Ich drehe mit dem Pappbecher in der Hand meine Runden, es wird irgendwie langweilig ... nicht mal die Drag Queens auf der Bühne können mich aufheitern (was sie sonst schaffen könnten). Ich fühle mich auf einmal so alt, wenn ich weiß, daß die meisten der jungen Menschen hier auch meine Tochter oder Sohn (oder was auch immer) sein könnten. Hätte ich eine Tochter, wäre sie jetzt bestimmt sechzehn ... so Dezember 2004 geboren. Auf der Demo selbst war der Altersdurchschnitt noch etwas höher (und ein paar interessante Blickfänge zum Flirten mit dabei).

18 Uhr, das Glockenspiel am Rathaus spielt "Freude schöner Götterfunken" - ich weiß nicht mehr so genau, wann ich das Stadtfest verlassen habe, eine Faßbrause am angrenzenden Biergarten bestelle und letztendlich den frühen Abend mein Auto aus der Tiefgarage des Einkaufscenter hole, es ist immer noch heiß und sonnig, als ich mit heruntergeklappten Verdeck Magdeburg wieder verlasse. Den Tag über mit Hut, Sonnenbrille und Maske sonnengeschützt im Gesicht - dafür wieder ein tiefer Sonnenbrand im ausgeschnittenen Dekolleté meiner grünen Stricktunika ... der Sport-BH, den ich darunter trage für einen bauchfreien Look, ist zwar ganz praktisch, aber etwas mit "etwas weniger" Ausschnitt wäre vielleicht besser gewesen. Vor zwei oder drei Wochen war ich zwar schon einmal auf der Suche in den Bekleidungsgeschäften dieser Shopping-Mall, habe aber nichts Adäquates für mich gefunden (hier muß ich mein Outfit noch nachbessern).

Als ich den Abend wieder zu Hause bin, bin ich zu kaputt, um noch etwas zu unternehmen. Ich weiß, da wäre noch eine Disco-Veranstaltung gewesen, aber mir fehlt einfach der Schlaf der letzten Nächte (eher Monate). Und so richtig kann ich mir solche "Events" noch gar nicht wieder vorstellen ... was ist, wenn die Leute, die unter die ominöse 3G-Regel fallen und da mitmachen können, genauso langweilig sind, wie ich? Erst so langsam taste ich mich an mein altes Leben wieder heran...

[06.08.21 / 03:26] Mein Problem mit dem Jobcenter nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an ... Geld kommt keines mehr auf mein Konto. Die Briefe stapeln sich, das Wort "vorsätzlich" macht mir Angst - wenn ich auf die ganzen Drohschreiben nicht antworte oder nur zum Teil (fast schon hilflos) massenhaft Kontoauszüge der letzten Monate auf die Internetseite der Behörde und in mein Kundenprofil hochlade, bin ich trotzdem verdächtig, verstoße gegen diese übermächtige Pflicht zur Mitwirkung und verschleiere mein Vermögen. Alles nur, weil es das Bankgeheimnis nicht mehr gibt, ich Jahre zuvor (als es mir noch gut ging) etwas mehr besessen habe und sowieso alle Bittsteller als asoziales Pack unter Generalverdacht stehen.

Was nun? Die geforderten Kontoauszüge von vor anderthalb Jahren liegen irgendwo in einem verstaubten Rollschrank in Papierform herum, ein Online-Postfach für Bankdokumente als PDF-Datei hatte ich da noch nicht. Am Computer den Tag neun Stunden lang alles einscannen ... in einer virtuellen Maschine die wiederum selbst auf einem verschlüsselten Teil meiner Festplatte sitzt und die erstellten Dokumente ohne Umweg in einen verschlüsselten Ordner schiebt. Paranoia.

Ich kann denen nicht erklären, wo die ganze Kohle von damals abgeblieben ist - an meine "Syrian Connection" verliehen und niemals zurück bekommen (habe ich damit "seine" Drogensucht finanziert?), alles 2019 verjubelt, luxuriöse Reisen, luxuriöser Schmuck ... schade, daß meine große Operation schon ein Jahr zuvor war, sonst hätte ich den Sachbearbeitern mal meine Rechnungen gezeigt und wieviel "zehntausende Euros" ich schon in meinen Körper und ästhetische Korrekturoperationen gesteckt habe. Phantastereien.

Etwas im Internet recherchiert, wie das Jobcenter arbeitet, wie die Abläufe sind, was in der Stasi-2.0-Behörde wirklich passiert - das Wort "vorsätzlich" in dem Brief mit der schweren Anschuldigung macht den Unterschied. Es ist ein Warnsignal für mich ... möglicherweise liegt mein Fall schon bei der Staatsanwaltschaft. Gehe ich zu weit mit meinem Gedankengang?

Jedes Mal, wenn ich die Polizeisirenen vorbeifahren höre, schrecke ich zusammen. Der Flyer mit den klaren Verhaltensregeln bei einer drohenden Hausdurchsuchung liegt griffbereit ... das Erlebnis vor zweieinhalb Jahren, wie die mich aus meinem geschützten Wohnumfeld herausgerissen haben und schon in schwerer Uniform im Treppenhaus standen, traumatisiert immer noch einige Familienmitglieder und mich. Die ganzen psychiatrischen Diagnosen in den ärztlichen Entlassungsbriefen wachsen Zeile um Zeile...

Das ist alles nicht real!

Mein aktuelles Mantra ... die soziale Isolation der letzten 18 Monate (und der ganze Mist das Jahr davor) hinterläßt spürbar seelische Narben. Vielleicht lasse ich das jetzt weiter eskalieren, vielleicht bin ich schon längst nicht mehr richtig bei Verstand (Verrückte wissen nicht, daß sie verrückt sind), vielleicht ... ignoriere ich die Briefe vom Jobcenter auch weiterhin. Ignoriere die Anschuldigungen, was mir alles vorgeworfen wird, wofür ich verdächtigt werde. Vielleicht ist mir das alles schon viel zuviel geworden, nicht mehr zu stoppen, auf dem Weg in den sicheren Abgrund. Vielleicht ... kann es mir auch egal sein, sollte ich irgendwann in naher Zukunft wegen eines Straftatbestandes vor Gericht landen und verurteilt werden (irgend etwas mit "Sozialleistungen" die ich nie hätte bekommen dürfen) und alles teilnahmslos hinnehmen. Vielleicht bin ich auch nur gefangen in einem nie enden wollenden Alptraum. Keine Hoffnung, keine Perspektive, keine Zukunft - aber hey, schon seit sechs Monaten "clean" (ohne Schlaftabletten).

Mein Leben (so wie es war) endet hier.

Nachtrag drei Tage später: Stütze jetzt doch weiterbewilligt? Und ich hatte gerade alle Kontoauszüge der letzten fünf Jahre vernich... für ein "papierloses Büro" geschreddert. Sie versuchen es mit dem nächsten Trick und wollen wissen, was für Luxuskarossen ich in der Garage habe - mein mühsam abgesparter und fünf Jahre alter MX-5 könnte mir noch zum Verhängnis werden.

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Kommentar:

[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana

Mail ist heute rausgegangen

LG Daniele

[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana

aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.

LG Daniele

Morgana LaGoth: Einige Kommentare müssen auch nicht allzu öffentlich sein …

[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,

Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.

Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.

Liebe Grüße

Daniele

Morgana LaGoth: Danke. Endlich wieder verreisen … lange darauf gewartet. Lebendig bleiben, solange es noch geht.

[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,

Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.

Liebe Grüße

Daniele

Morgana LaGoth: Vielen Dank, ich wünsche dir ebenfalls ein schönes, neues Jahr.

[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,

eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.

Morgana LaGoth: Danke dir.

[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana

Ich habe Dir eine Mail geschickt.

Lg

Daniele

Morgana LaGoth: Hey ... vom Lenkrad aus mit der Hand winken, von einem MX-5 zum anderen. *freu*

[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend

das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele

Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.

[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,

vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele

Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).

[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.

Herzlich

Drea

Morgana LaGoth: Dann wünsch ich dir jetzt noch viel mehr Glück bei deiner Genesung!

[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.

Herzlich

Drea

Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)

[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.

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