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Dinge, die hier nicht stehen:

[29.10.22 / 18:56] Dinge, die hier nicht stehen: die kurze Last-Minute-Pauschalreise nach Tunesien.

Am Flughafen abends angekommen, den ersten Fußstapfen auf afrikanischen Boden. Das abgerockte Zimmer in dem zum Saisonende fast leeren Hotel im Nirgendwo an der langezogenen Bucht.
Der Hamam als Spa und Sauna nur für Frauen, drei Behandlungen mit Massage gleich für die nächsten sechs Tage im Voraus gebucht. Das ultraflache und kristallklare Meer. Der schwarze Bikini. Die Sonnenuntergänge am Strand und das hübsche Kraftwerk im Hintergrund: „Magnifique!“
Die Medina in Monastir und die aggressiven Händler, die einen in den Laden ziehen und fast alles verkaufen können. Die schwarze indisch-arabische Tunika. Das Gefühl, durch die lebendigen Straßen zu laufen, wenn das Tageslicht verschwindet.
Die Quad-Tour durch das Hinterland und die Olivenplantagen, die ich nach der ersten Kurve schon wieder abgebrochen habe (weil ich als Motorradfahrerin überhaupt nicht damit klarkam) und dann einfach beim Tour-Guide als Sozia mitgefahren bin.
Die Alleingänge (während die Familie die Tage andere Touren unternahm) und die Flirtversuche eines Gastes, die ich schon gleich wieder abgewiesen habe. Der grüne Bikini. Der Sand überall.
Die ewig gleiche Song-Playlist an der Hotelbar und die drei Gläser Wein, jeden Abend eins.
Der Nebel an dem einen Morgen über den Pool und den Strand und das Wissen, dass der Sommer nicht ewig andauert. Zurück in der Altstadt einen Haufen überteuerten Tinnef eingekauft, vom Fünffachen auf das Zweieinhalbfache heruntergehandelt. Einen Kaffee trinken mit Blick auf die Kreuzung, den Verkehr und das Minarett zum Mittagsruf dahinter. Der Ribat in Monastir als kultureller Ausflug (um wenigstens etwas von der Geschichte des Landes zu erfahren) – aber eigentlich nur, um die Perspektive der Kamera einzufangen, dessen Film einer nicht näher genannten, britischen Comedy-Truppe hier vor über 40 Jahren entstand: „Romani ite domum“. Die leichten Schnürschuhe mit den rosa Schnürsenkeln extra für das steinige Terrain. Das andere bunte Kleid / die Tunika mit den eingenähten Taschen, der freundliche Hinweis beim Herausgehen aus der Festung, mein Telefon nicht griffbereit darin verschwinden zu lassen, es lieber in die schwarze Umhängetasche mit dem Reißverschluss zu stecken. Einen zweiten Kaffee in einer ruhigen und begrünten, schattigen Ecke weit abseits. Die Taxifahrer, die einen überall hinbringen, nur nicht immer da, wo ich eigentlich hin wollte.
Und … das scharfe Essen, Tunesier essen sehr scharf, ich auch.

[28.04.22 / 23:03] Zurück in Deutschland, dem Land des schlechten Geschmacks (zur Verteidigung: nur die eine Hälfte ist so, die andere Hälfte, wie ich, lebt eine modisch schlichte und unauffällige Tristesse). Mit dem Schnellzug den Tag die vielen hundert Kilometer und Stunden zurück über die Landesgrenze. Der Algorithmus für die Sitzplatzreservierung arbeitet gegen mich und hat für die (fast*) gesamte Reise, hin und zurück, die Plätze in den Baby- und Kinderwagons gebucht. Egal wo du sitzt oder fährst, egal welcher Wagon – es ist immer vor, neben oder hinter dir ein Plärrkind an Bord. Notiz an mich: bessere Kopfhörer kaufen, mit Geräuschunterdrückungsfunktion.
Den Abend zu Hause, alles auspacken, die neu gekauften Sachen auf Kleiderbügeln in meinem Zimmer verteilen. Ein Mantel, ein Kleid, ein T-Shirt und eine Flasche sauteure Lavendelhaarwäsche von meiner französischen Naturkosmetik-Hausmarke (ich konnte nicht widerstehen). Und die beiden Kühlschrankmagneten mit impressionistischen Kunstmotiven als Souvenir.
Ich habe immer noch nicht alles von Paris gesehen, ich war immer noch nicht auf dem Champs-Élysées und ich muss da wieder zurück … nicht unbedingt wegen der Sehenswürdigkeiten oder der Einkaufstempel – vielleicht eher wegen dem Flair, sich einfach dort in ein Café zu setzen, ein Buch zu lesen, ein Glas Wein zu trinken, sich einfach treiben zu lassen, die Atmosphäre aufzufangen. Bohème als Lebenskultur. So wie der Entstehungsprozess dieser Texte, gekritzelt auf Papier, spät abends auf dem Bett sitzend in einem winzigen Hotelzimmer irgendwo im 10. Pariser Arrondissement, nur beleuchtet durch den Schein einer direkt vor dem schmalen Fenster draußen angebrachten Straßenlaterne, deren Licht auf das einen halben Meter entfernte Bett zum Schlafen nur durch die schweren Vorhänge konstruktiv abgemildert werden kann.

(*) Fast die gesamte Zugreise, das letzte Teilstück ein Sitzplatz im Ruhebereich mit konzentriert an ihren Laptops sitzenden Fahrgästen. Ich zücke auch mein Smartphone, tippe E-Mails, beantworte Nachrichten. Die Telefonanrufe der Recruiter der letzten Tage habe ich weggedrückt oder stummgeschaltet oder war komplett offline – ich muss es denen ja nicht gleich unter die Nase binden, bzw. damit angeben: „Ich bin gerade Einkaufen in Paris!“ Im Gegensatz zu meinen anderen langzeitarbeitslosen Zwischenjahren hätte ich schon wieder ein paar Angebote, ich müsste nur noch den Stift für die Vertragsunterzeichnung hervorholen, zögere aber noch und pokere auf Risiko (die Hinhaltetaktik und mehr Gehalt aushandeln). Ich muss und sollte noch ein paar Jahre arbeiten (bevor ich komplett aussteige). Der Luxus will finanziert werden.

[27.04.22 / 23:54] Louvre – Teil Zwei. Nach dem Frühstück im Hotel, mit der Metro zu einer der beiden Haltestellen in der Nähe des Museumskomplexes und der markanten Glaspyramide in der Mitte. Ich versuche die Stelle und die Perspektive zu finden, an der ich bei meiner ersten Tour schon stand, um später die Fotos zu vergleichen. „Vorher-Nachher.“

Pyramide du Louvre, 2022 vs 2011
Die Touristenströme sind nicht weniger geworden, eher mehr, und die Absperrlinien für die Warteschlangen draußen auf dem Innenhof vor dem Eingang, gefühlt noch länger. Wir haben Tickets mit dem Einlass um 11:00 Uhr reserviert und stellen uns in die entsprechende Schlange. „Fast Lane.“ (Tatsächlich geht es recht zügig.)
Unten im Eingangsbereich unterhalb der Glaspyramide angekommen. Erstes Orientieren, Garderobe mit Schließfächern suchen, den Übersichtsplan (ein Faltblatt) organisieren, den Rundgang für die nächsten Stunden planen: „Mehr als drei Teilbereiche schaffst du nicht entspannt an einem Tag!“ Aus mir spricht die erfahrene Louvre-Veteranin. Der Bereich mit den alten Gemächern und Interieur der Könige und hier residierten Herrscher deckt sich mit dem Besichtigungswunsch meiner Begleitung, den Teil musste ich bei meinem letzten (und ersten) Besuch auslassen. Doch zuerst der Rundgang durch den historischen Kern und der Ausstellung mit der Historie des Louvre – ich wusste gar nicht, dass das mal eine alte Festung aus dem Mittelalter war.
Weiter zu dem Trakt mit den Gemächern der herrschenden Klasse, dass genau an dem Wochentag einige Säle wegen Umbauten geschlossen sind, fällt gar nicht auf, allein dieser Flügel ist genauso gigantisch und eine Aneinanderreihung unzähliger Zimmer und Räume, wie die anderen Teilbereiche dieses riesigen Bauwerks. Vollgestopft mit haufenweise prunkvollen Luxus-Mobiliar. Der Salon Napoléon des III wirkt besonders beeindruckend. „Ja, der hat Stil.“
Weitere Stunden später, den frühen Nachmittag, der dritte Besichtigungswunsch – die Ausstellung mit der islamischen Kunst aus dem Mittelalter und der weiteren Jahrhunderte. Um in diesen Museumsteil zu kommen, müssen wir die Touristenmassen kreuzen, die nur hier sind, um die „Highlights“ zu sehen (mindestens die „Mona Lisa“). Den Teil hatte ich schon, alle Gemäldegalerien, alle antiken Statuen und der ägyptische Teil mit den Sarkophagen – der komplette Overkill. (Schön, dass meine Begleitung nicht darauf aus ist, das auch erleben zu wollen.)
Genau in dem Moment, in den wir unsere Drei-Stationen-Besichtigungstour abschließen, geht der Feueralarm los und wir werden durch das Sicherheitspersonal in aller Ruhe durch die grün leuchtenden Notausgänge geschleust, bis zu den groß aufgesperrten Klappen auf dem Innenhof in der Nähe der Glaspyramide. Ein einsames Feuerwehrauto steht verloren am Rande der Szenerie, während der Besucherandrang weiter in das Museum strömt, als wäre überhaupt nichts passiert. Wieder Anstehen an der Linie mit dem „Priority Access“, alle unsere Sachen sind noch unten in den Schließfächern der Garderobe.
Der Nachmittag – die verrückte Idee, den Museumsbesuch einfach noch einmal zu wiederholen, wird schnell verworfen. Wir lassen uns in dem alten Stadtteil nördlich des Louvre treiben. Zielloses, scheinbares Umherirren, jede zweite Hausnummer ein Bistro, ein Café oder eine Bar (ein Croque und ein Kakao für mich). Rein „zufällig“ entdecken wir eine alte, große Kirche (… nicht ganz so edel wie Sacré-Cœur und nicht ganz so berühmt, wie Notre-Dame am Seine-Ufer) und wenig später den fotogenen Innenhof des Palais-Royal. (Der Regierungssitz Frankreichs?)
Zum Fortführen der Shopping-Tour vom letzten Tag, hätten wir noch ein Stück weiter zu den anderen großen Kaufhäusern gemusst. Ich blocke ab, ich trage zwar den Tag wieder meine flachen Schuhe, kombiniert mit der Jeans und dem schwarz-grünen Ringelpullover einer Designermarke – aber für noch mehr Einkäufe fehlt mir das Volumen in meinem kleinen Koffer (den neu gekauften Wollmantel muss ich schon für die Rückfahrt in den Einkaufsbeutel als weiteres Gepäckstück auslagern). Mit der U-Bahn den späten Nachmittag zurück ins Hotel.
Abendessen in dem traditionellen französischen Restaurant, an dem wir die letzten Tage immer wieder vorbei gegangen sind. „Ente exquisit“ von der Menükarte, langes Warten auf das Bezahlen danach (wir als Deutsche sind da hilflos und vollkommen verloren in Frankreich) und wieder zurück die paar Schritte zum Hotel, alles für die Abreise den nächsten Tag vorbereiten.

[26.04.22 / 23:08] Mir fehlt noch der Montmartre und Sacré-Cœur. Nur wenige Gehminuten vom Hotel entfernt – und ganz viele Gehminuten die Treppe hoch, ein traumhafter Ausblick auf ganz Paris … wäre das Wetter nicht so trüb-beschissen. Ein zäher Morgendunst verdunkelt alle Fotos jede einzelne Treppenstufe nach oben. Ich halte an meinem Vorsatz fest: Keine Selfies mehr mit ausgestreckten Arm! Ganz oben angekommen, die erwarteten Touristenströme in und an der Kathedrale und sowieso rings um den Berg und das ganze Viertel. Nach um 11 Uhr ist es einfach unmöglich, noch für einen kurzen Moment, scheinbar menschenleere Urlaubsfotos zu zaubern.
Der Plan für heute: Kathedrale ansehen, irgendwo ein zweites Frühstück und Einkaufen in den vielen, kleinen Läden in diesem (ehemaligen) Künstlerviertel. Für das Frühstück ist es schon zu spät (es wird ein Crêpe mit Schoko-Bananenfüllung am Tisch mit Blick auf den Hügel), das empfohlene Renoir-Museum ganz oben ist Dienstags zu (aber eine malerische Gasse davor) und der Gottesdienst in der Kirche pflegt eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz mit den drumherum kreisenden, niemals endenden Touristenstrom, aber die Atmosphäre des Ganzen bleibt gewahrt. Weiter in die obligatorische Shopping-Tour in das angesagte Viertel den frühen Nachmittag – ich trage extra meine flachen Schuhe.
Viele Boutiquen hier und da, nicht alle in einer Straße, mehr versteckt in den Gassen rings um die eine Metrostation – wir gehen in eine nach der anderen. Eine wortgewandte Verkäuferin genügt und die Kreditkarte wird um einige Beträge mehr belastet. Nacheinander wandern den Nachmittag in die Einkaufsbeutel: ein schwarz-grauer Wollmantel (als Ersatz für meinen zerschlissenen Kaban), ein olivgrünes Viskose-Kleid (das in dem Kaufhaus den Tag zuvor hätte das Fünffache gekostet) und ein wirklich schönes, grünes T-Shirt mit unverbrauchtem Motiv und sogar eine kleine Menge an Pailletten als Glitzerelement – als Ersatz / viel bessere Wahl für das nicht erstandene schwarze Paillettenkleid zwei Tage zuvor.
Durch meine Begleitung werde ich in weitere Streifzüge in diverse kleinere Vintage-Läden gezogen, hier und da gibt es wirklich noch etwas zu entdecken, aber nicht für mich (mit meinem Fokus auf alle Lederwaren). Ein Laden hätte sogar noch interessantes Schuhwerk für mich gehabt, die mir als „Eye-Catcher“ zwischen den vielen Kleidern aufgefallen sind (u.a. ultrahohe Glitzerstiefel), hätte ich nicht gerade erst sauteure Schuhe im Internet bestellt (meine schwarzen Plateau-Pumps sind kurz vor der Abreise doch noch per Paketpost gekommen). Von dem eigentlichen Plan, französische Parfüms und Cremes in Frankreich zu kaufen, habe ich ganz schnell wieder Abstand genommen – aus mir unbekannten Gründen sind die in Deutschland als französischer Export um einige Euros günstiger zu haben …?
Weit unten an der Moulin Rouge den späten Nachmittag angekommen, beenden wir unsere Einkaufstour (und ich habe keine Ahnung, wie ich die ganzen prall gefüllten Einkaufsbeutel noch in den kleinen Handgepäckkoffer für die Bahnfahrt zurück nach Deutschland verstauen soll). Zu Fuß den Boulevard im Rotlichtviertel entlang, zurück zum Ausgangspunkt vom Vormittag und weiter in das Hotel. Einkaufsbeutel auf dem Bett ablegen, sortieren … schon wieder ein paar Fehlkäufe bereuen (ich halte mich dagegen unter Kontrolle) und bereit machen, für das Ausgehen zum Abendessen.
Der Stimmung mitfühlend, falle ich den Abend wenig später auf der Straße in dem Pariser Viertel in eine Entscheidungskrise und weiß nicht mehr, in welches Restaurant oder Bistro ich oder wir noch gehen wollen oder möchten. Die Richtung, das Bistro, der Kreis – den wir laufen. Ich bin dran mit Bezahlen – und ich will etwas mit Trüffeln. Es wird ein Bistro um die Ecke mit Gnocchi in Trüffelsauce (zutiefst französisch), aber ohne Dessert – ich hatte den Mittag schon am Montmartre ein leckeres, libanesisches Sahneeis, überzogen mit einer unendlichen Schicht aus Pistazien.

[25.04.22 / 23:18] Tagesprogramm für heute: Die Orangerie mit Monets Seerosenteich irgendwo am westlichen Ende des Louvre und dem großen Park. Wir haben zwei Tickets für den Einlass um 11 Uhr reserviert. Frühstück im Hotel (meine gefüllten Croissants) und mit der Metro zur Haltestelle am Place de la Concorde – wir sind viel zu früh da, Zeit für ein paar Fotos dieses berühmten Pariser Platzes mit dem „verrückten“ Kreisverkehr und dem Obelisken mittendrin. Wirkt recht unspektakulär und sieht in den alten französischen Filmen viel lebhafter aus (ist eigentlich richtig verlassen).
Weiter zum Eingang des großen Parks – so weit westlich des Zentrums war ich noch nie (ich sehe sogar in der Entfernung den Triumphbogen). Etwas entspannen, ein paar Fotos von den Blumenrabatten machen – der Buchsbaum ist auch hier hin, ein eingeschleppter Schädling hat alles zerfressen, nur mit viel Gift kann noch der Rest Bewuchs gerettet werden. Weiter zum Einlass des Musée de l'Orangerie kurz vor 11 Uhr.
Monets großflächiges Werk ist in zwei Ausstellungshallen untergebracht – der Künstler hat sich was dabei gedacht, dieses in Form einer meditativen, unendlichen Acht zu arrangieren, leider kommt die Atmosphäre durch die vielen Besucher nicht richtig zur Geltung. Ein oder zwei Stunden später und es werden noch viel mehr Besucher hineindrängen. Noch kann ich seine Bilder in kompletter Breite bewundern (nur aus einer größeren Entfernung betrachtet, ergibt sich für mich ein Motiv). „Maybe in our world … lives a tree!“
In der unteren Etage und in den Wechselausstellungen finden sich noch weitere Werke bekannter Impressionisten aus dieser Zeit mit Aufbruch in die Moderne, ein Name war mir sogar noch unbekannt und hat mich überrascht. „Ganz große Kunst, dieses trübe Licht eines neblig grauen Tages einzufangen.“ (Verglichen mit den sonnig trockenen Landschaftsbildern, in die ich mich sonst, nach einiger Zeit der Betrachtung, verlieren könnte.) Hoch zum Souvenirshop, noch ein paar Kühlschrankmagneten mit Seerosenmotiv kaufen, damit ich in der eigenen Familie mit der „Kühlschrankkunst“ mithalten kann. 13 Uhr nochwas, weiter in die Gegend nördlich des Louvre und des Place de la Concorde.
Wo sind wir hier? Ich will in Richtung des großen Lafayette Kaufhauses, eigentlich hatte ich die Shopping-Tour erst für den nächsten Tag geplant und über meine anthrazitgraue Stretchjeans wieder die hohen Stiefel angezogen, aber da wir gerade in der Gegend sind. Reiner Zufall, wir laufen in der Straße mit den teuersten Designerboutiquen Paris entlang. Der Chanel-Flagship-Store. Ein Besuch dieser Läden ergibt sich für uns nicht, das ist eine andere Welt. Kurzer Stopp in einem Bistro (vegetarische Quiche) und weiter in das Luxus-Kaufhaus Galeries Lafayette.
Ich wollte da hinein, meine Begleitung ist skeptisch. Alle Luxus-Kaufhäuser rund um die Welt, die ich schon besucht habe (New York, Tokio, Rom, Berlin) sind immer gleich aufgebaut: unten Parfüm, darüber die großen Designermarken jenseits der vierstelligen Preise, und darüber meine Preisklasse mit den sauteuren Labels, die ich auch überall sonst finden könnte. Leider fehlen hier die großen Kleiderständer mit den „Sale“ Etiketten – kein günstiges Schnäppchen für mich.
Meine Begleitung verirrt sich auch hier in dem günstigen Vintage-Bereich gebrauchter (Marken-)Kleidung, aber ich kann mit getragenen Textilien nichts anfangen. Erst als ich ein paar Lederbekleidungsstücke entdecke, verliere ich etwas meine Scheu. Dafür ist ein Tier gestorben, das kann man (frau) nicht einfach so auf den Müll werfen (nur habe ich so eine Lederhose schon).
Wieder draußen merken wir, wie die Zeit vergangen ist, waren wir wirklich drei Stunden da drin? Und keiner hat etwas gekauft – nicht mal den schwarzen Fetzen / Fummel für zwei- oder dreihundert Euro (gab es nur in der „36“ und der „40“ – nicht aber in meiner Größe „38“). Kaffee und Eclaire ein paar Schritte weiter in einer Bäckerei. Meine Füße sind von dem vielen Laufen in den hohen Absätzen kaputt – nicht aber mein Gesicht von der langsam gefährlich werdenden Sonnenstrahlung. Punkt für das Kaufhaus.
Mit der Metro den späten Nachmittag zurück zum Hotel. Die U-Bahn bleibt kurz mit Umschaltung auf volle Notbeleuchtung im Tunnel stehen – tief durchatmen, langsames Aufwärtszählen. Die Fahrgäste bleiben ruhig, es ist wahrscheinlich nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. (Viele, viele Kilometer weiter in London, ein auf der Strecke liegengebliebener Zug durch einen fehlerbedingten Neustart der bordeigenen Software … ja, das war ich.)
Ausruhen im Hotel, die Schuhe auf das flachere Schuhwerk wechseln (läuft sich ganz ungewohnt, ohne hohe Absätze) und Abendessen in einem Restaurant oder Bistro um die Ecke an der lebhaften Hauptstraße zwischen den beiden großen Bahnhöfen Nord und Ost. Pizza gibt es hier auch, aber ich entscheide mich für Pasta – und ein zutiefst französisches Dessert: Fondant au chocolat! (Zum Dahinschmelzen.)

[24.04.22 / 23:15] Ein Tag mit Auf und Abs. Es fängt noch ganz entspannt an, Frühstück im Hotel, Kaffee, Baguette und Croissants – die ich wieder chirurgisch präzise mit dem Skalpell / Messer auf der Seite öffne und mit Nuss-Nougat-Creme fülle. Nach dem Frühstück zum Gare du Nord und in Richtung historisches Zentrum fahren. Ich trage diesen Tag mein schwarzes Kleid, das ich auch schon in Wien und in Hamburg anhatte, mit Silberkette, den halbhohen Stiefeln mit Absatz und meiner Lederjacke – und dezentes Chanel-Parfüm.

Notre-Dame de Paris, 2022 vs 2011
Den Einstieg zu der passenden Metrolinie finde ich nicht, ich plane den Umstieg über eine zweite Linie. Ratloses Stehen vor den Netzplänen mit den U-Bahnlinien. Viele Momente später, der Ausstieg irgendwo in der Nähe der Seine und der Kathedrale Notre-Dame. Ein Foto machen, Vorher-Nachher, mit abgebrannten Dach und ohne (ich habe meine Fotos von vor 10 Jahren wieder hervorgesucht). Zu viele Touristen.
Etwas abseits südlich des Notre-Dame und der Insel in der Seine findet sich ein kleiner Park neben einer alten griechisch-orthodoxen (oder römisch-katholischen?) Kirche. Chorgesänge aus den alten Mauern intensivieren das kurze Gefühl, einen grünen Ruhepol unweit der Touristenströme gefunden zu haben. Reiner Glücksfall, aber das, was ich in Paris wollte: nicht das große „Sight-Seeing“. Lass uns in einem Café die Wartezeit überbrücken, bis unten die Treppe runter zum Seine-Ufer der nächste „Hop-on-Hop-off“ Schiffsbus abfährt. Gemütlich die Seine entlangschippern und mit der Kamera jede einzelne Brücke stylish in Szene setzen.
Zwischenausstieg am frühen Nachmittag am Eiffelturm – wollte ich hier sein? Ich will nur ganz schnell wieder weg. Ein reizvolles Foto des Turmes mit den blühenden Bäumen an der Uferstraße – mehr nicht. Hier will ich nie wieder hin. Massen an Touristen, das Gelände weiträumig abgesperrt mit hohen Zäunen und großen Eintrittsschleusen – so schön und frei, wie vor über 10 Jahren 2011, ist das hier nicht mehr. Dieser Ort hat durch den Massentourismus viel vom Flair verloren. Mit dem Schiffsbus die Tour zurück zum Ausgangspunkt von vor ein paar Stunden den späten Vormittag.
Ein dritter Kaffee in einem Bistro in einer Nebenstraße zum Notre-Dame. Den historischen, alten Stadtkern finde ich nicht mehr. Er muss auf der kleinen Nachbarinsel liegen. Zu Fuß über die Brücke nördlich der Seine.
Pont Saint-Michel, 2011
Hier war ich doch schon mal? Ich erkenne sofort die Ecke mit dem markanten, roten Bistro oder Café, hier bin ich zum ersten Mal von der unterirdischen Metro an die Oberfläche gestoßen und habe das erste Mal das Lebensgefühl von Paris eingeatmet. Ein kurzer Glücksrausch, gefolgt von der Entscheidung: Zurück zum Hotel oder da die Einkaufsstraße entlang? Ein böser Fehler mit meinen hochhackigen Schuhen.
Es sind nur ein paar hundert Meter zu den Vintage-Klamottenläden, aber das gefühlt kilometerlange Abgrasen der Kleiderstangen auf der Suche nach einem schwarzen Glitzerdress für die Disco, strapaziert meine Füße enorm. Ein bodenlanges (an sich hübsches) One-Shoulder-Pailettenkleid probiere ich an, aber ich weiß, wann ich die Grenze ziehe und meine Kreditkarte in der Handtasche behalte – wenn ich das enge Kleid und den Reißverschluss nur noch mit Hilfe der Verkäuferin anziehen kann. Wenn ich das später nicht alleine schaffe, kaufe ich es erst gar nicht. Ich muss mich nicht in jede Größe „S“ zwängen (auch wenn die Verkäuferin sagt, es „wäre“ meine Größe). Zurück den frühen Abend mit der U-Bahn zum Hotel.
Eine etwas bedrückende Stimmung, jeder der Fahrgäste schaut auf sein Smartphone – diesen Sonntag ist in Frankreich die Präsidentschaftsstichwahl, europafreundlich gegen ultrarechts, mit unklaren Ausgang.
Zurück im Hotel, eine kurze Pause, Umstieg auf die flacheren Schuhe und wieder als Abendessen, eine Pizzeria in der Nähe.

[23.04.22 / 23:11] Paris, Teil 2 – Mir fehlen noch ein paar Sehenswürdigkeiten. Mit dem Zug in acht Stunden (mit Aufenthalt auf dem „Ackerbahnhof WB“ zwei mehr) zum Gare de l'Est im Zentrum / 10. Arrondissement der französischen Hauptstadt. Gefühlt jeder Schnellzug ein Kindergeburtstag – dafür aber ab Straßburg richtig schnell (der Doppelstockzug von Alstom sieht in den Firmennachrichten für die Mitarbeiter viel neuwertiger und unverbrauchter aus).
Kurz nach 18 Uhr Ankunft, ich kenne die Richtung, die ich laufen muss, das Bistro mit der Mikrowellenlasagne im Food Court des Bahnhofs gibt es nicht mehr. Irgendwo da hinten war mal das andere Hotel von vor zehn Jahren. Die Straße mit den Hotels nahe dem großen Ostbahnhof war im Internet ausgebucht, ich laufe noch ein Stück weiter zum Nordbahnhof Gare du Nord zu dem kleinen 2-Sterne-Hotel in der Nebenstraße für diesen Städtetrip. Hauptsache ein kleines Stadthotel, niedliche Zimmer, eine Kirche mit Glockengeläut in der Nähe – Paris Flair. Ich werde nicht enttäuscht, meine Reisebegleitung ist dagegen viel weniger erfreut, es ist nicht das „Taj Mahal“.
„Sieh nur, diese bunte Decke auf den zwei Betten“, die zwei Einzelbetten füllen fast das gesamte Zimmer aus. „Abgesteppte Nähte, bunte, rechteckige Muster“, ich musste auch so eine französische Überdecke für mein Bett zu Hause haben. „Das Fenster mit diesem Metallgitter davor, wie ein Balkon“, das Fenster ist leider zur Straßenseite hin, lässt sich nur ganz öffnen und nicht ankippen. Und die schweren Gardinen schleifen auch nicht bis ganz auf den Boden – genau das musste ich in meinem Schlafzimmer, als Inspiration von meiner letzten Paris-Reise, auch haben. „Das winzige Bad, alles so funktional – und sieh nur, da bröckelt sogar etwas Tapete von der Decke des Zimmers. Das ist so Paris!“ Ich bin begeistert.
Abendessen in einer Pizzeria um die Ecke – wir benehmen uns wie zwei ältere deutsche Damen, die nicht wirklich wissen, wie sie sich verhalten sollen (elefantenmäßig). Schnell noch Wasser kaufen in dem Minimarkt daneben – und wieder zurück ins Hotel (kein Ausgehen für mich den Sonnabend Abend).

[17.09.19 / 23:02] Noch ein letztes Foto von der Bucht vor dem Abflug. Frühstück im Hotel, auf die schwere Kakaocreme verzichte ich erneut und fülle die bäuchlings aufgeschnittenen Croissants mit Honig und Rosinen. Auch auf meinen Kaffee in meinem Becher - der liegt schon längst zusammengepackt im Koffer - muß ich verzichten, den Vormittag laufe ich noch einmal in den kleinen Supermarkt, Briefmarken für die altmodische Ansichtskarte kaufen.
Die Zeit zwischen dem Check-out, die Rechnung aller meiner Drinks aus der Hotelbar und dem Warten auf den Transferbus sitze ich in der Lobby. Meinem neuen Freund sende ich eine Nachricht: "You've got now a contact in Germany!" (Schade, daß das mit den zweiten Treffen, auch die letzte Nacht, nicht mehr geklappt hat.) Er hat wahrscheinlich gedacht, jetzt trifft er endlich ein German Girl mit ganz viel Geld ... ich auch. Ich hatte darauf gehofft, auf Ibiza einen reichen Engländer mit einer Finca oder einer Yacht kennenzulernen ... so irren wir beide unseren Träumen hinterher.
Der Bus holt mich pünktlich gegen 12 Uhr Mittag vor dem Hotel ab, ein Riesen-Touristenbus, in dem ich ganz alleine sitze ... bis zur Hauptstadt von Ibiza, dann steigen am Hafen eine ganze Menge Passagiere mit dazu, möglicherweise Kreuzfahrtgäste.
Ich habe das Gefühl, ich reise gar nicht ab, ich bin gerade erst angekommen und beginne die spröde Schönheit von Ibiza kennenzulernen. Kurz nach Deutschland, über das Internet ein Apartment für knapp 1000 Euro den Monat irgendwo auf dieser Insel anmieten, meinen Kofferraum voll packen und dann mit der nächsten Autofähre wieder zurück? Ich plane schon seit einiger Zeit, der Finsternis in Deutschland zu entkommen und für ein oder zwei Monate irgendwo am Mittelmeer zu überwintern. Wenn ich diese Idee umsetzen will, muß ich das nur drehen mit den Terminen beim Arbeitsamt (und allen meinen Arztterminen). Nichts hält mich in Deutschland, kein Job, keine Arbeit, keine Beziehung.
Mit dem netten Steward am Gate flirten: einfach beim Boarding die Reisedokumente nicht bereit halten und ewig lang im Handgepäck kramen.
Die zweieinhalb Stunden zurück sitze ich im Flugzeug am Fensterplatz und navigiere auf meinem Smartphone mit GPS und Offline-Kartenmaterial die Flugroute: über Marseille von Frankreich über ein Stück Italien nach Lausanne in der Schweiz und weiter in einer Linie nach Deutschland. Was auffällt: sobald wir die Grenze zu Deutschland passieren, verblassen alle Farben und es wird düster-grau - das Licht ist hier einfach anders.
Ankunft in Hannover am Abend (und erneut gebe ich eine "Performance" in der Toilette des Hauptbahnhofes, als ich mich für den Zug zurück nach Leipzig umziehe ... wärmere Sachen, für den Herbst).

[17.09.19 / 00:59] "Where no coffee cup has ever been before", ich kombiniere mein allmorgendliches Kaffeeritual mit den Coffee-Cup-Selfies. Auch den letzten Tag bricht die Sonne nicht wirklich durch die Wolkendecke, es bleibt blau-grau - perfekt für einen Strandtag. Nachdem ich mir, wieder zurück auf dem Hotelzimmer, meine Beine nachrasiert habe, ziehe ich meinen schwarzen Strandbikini an und werfe mein buntes Regenbogenhandtuch in meine große Strandtasche. Kurz nach Mittag, auf zum Strand in der großen Bucht in Portinatx.
Im Schatten zweier Pinien lege ich mein Strandtuch aus ... dezent die anderen Strandgäste beobachten. Unter dem dicht bedeckten Wolkenhimmel ziehe ich mein Bräunungsprogramm durch: fünf Minuten Vorderseite, fünf Minuten Rückseite, je fünf Minuten Seitenlage ... einmal baden gehen und Wiederholung.
Das türkisblaue Wasser ist glasklar, mit mir schwimmt ein Schwarm Fische. Immer wieder lasse ich mich rücklings treiben und beobachte die dunklen Wolken an den Berghängen in der Bucht ... wird es noch zu regnen anfangen? Bis auf ein paar Tropfen den Nachmittag zurück auf meinem Strandtuch, bleibt es trocken ... ein wunderbares Urlaubswetter - keine Sonnencreme, kein Sonnenbrand.
Ein Kuchen und ein Cappuccino an einer Strandbar und ich entdecke auf dem Rückweg die aufgestellten Hinweisschilder für den kleinen Hippiemarkt - Beginn ist 17 Uhr. (Tatsächlich folge ich schon dem Pfad und sehe, wie die Stände aufgebaut werden.) Zurück zum Hotel und den nassen Bikini ausziehen, für eine Dusche ist auch noch Zeit.

Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Der Hippiemarkt montags in Portinatx - ein Dutzend Stände, die üblichen verdächtigen Afrikaner mit ihren Gu###- und Cha###-Taschen, ein paar Einheimische mit selbstproduzierten Schmuck und Kunstwerk, eine Modedesignerin. Nachdem ich meinen Becher mit grünen Tee an einem Stand ausgetrunken habe, schaue ich mir die Modekollektion genauer an, zwei Teile probiere ich an (ein Glück, daß ich unter meiner weißen Tunika ausnahmsweise diesen Tag einen BH trage). Noch ein schwarzer Fummel wechselt gegen Plastikgeld (Bares habe ich aufgebraucht) die Besitzerin. "And this nice, beautiful bag - is it for free?" Der kleine, bunte Einkaufsbeutel aus Nylon, den sie mir zusammen mit meinen neuen, schwarzen Top überreicht, sieht wirklich bezaubernd aus. Erst jetzt fange ich an, Ibiza zu genießen. Schade, daß das mein letzter Tag auf der Insel ist.
Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Abendessen in einem Restaurant gegenüber dem großen Strand - mit atemberaubenden Meerblick von der oberen Terrasse. Es gibt Thunfischsalat und Tintenfischringe ... bessere als die in dem anderen Restaurant.
Bleibe ich auf der Insel? Nehme ich den nächsten Tag das Flugzeug zurück? Sinnvoller ist es. Mit meiner neuen Bekanntschaft vor ein paar Tagen ist leider kein weiteres Treffen zustande gekommen ... er hat auch keine Wohnung, in der ich mich einnisten könnte. (Möglicherweise denkt er sogar, ich bezahle uns eine größere Wohnung - aber so reich bin ich nicht, ich habe das ganze Geld in meinen Körper gesteckt!)
Später den Abend, zurück im Hotel, packe ich teilweise meinen Koffer, Schmutzwäsche zuerst und alles, was ich morgen nicht mehr brauche. Check-out ist um 12 Uhr, der Transferbus zum Flughafen auch. Kurz vor 1 Uhr schalte ich mein Telefon offline, er hat sich doch nicht mehr gemeldet.

[15.09.19 / 19:22] Der Kaffee den Morgen fällt aus, ich laufe den Vormittag zu dem kleinen Stand gegenüber der großen Bucht, an dem die Tickets für die Bootstouren, u.a. zum Hippiestrand Benirras Beach, verkauft werden. Ich bin zu früh, der Stand (eine "Ein-Personen-Holzkiste") macht erst um 10:30 Uhr auf.
Nochmal zurück zum Hotel, das Frühstück (mit weniger Kakaocreme und mehr Obst), und wieder zurück zum Verkaufsstand. Die nette, ältere (blonde) Verkäuferin erklärt mir, daß es noch nicht klar ist, ob das Boot auch wirklich den Abend am Strand mit den Trommlern an Land geht - ich soll einfach gegen 17:30 Uhr wiederkommen, dann macht der Stand / Ticketschalter erneut auf.
Wieder zurück zum Hotel. Mittlerweile ist es Sonntag Mittag und ich lege mich einfach in meinem olivgrünen Bikini an den Pool ... im Schatten, Moppedzeitschrift weiterlesen ... vielleicht auch mal schwimmen gehen.
Etwa ein oder zwei Stunden später mache ich auf der Liege meinen Sonnentest, tippe mit meinen Fingern auf meinen Armen - zeigt sich ein heller Fleck umrandet von einer Rötung, ist das für mich ein klares Zeichen, in den Schatten des Hotelzimmers zu verschwinden. Der Platz unter dem Sonnensegel hat auch nicht meinen anderen Test bestanden: zeigt sich über der ausgestreckten Hand über meinen Körper ein Schatten, ist das keine gute Stelle, ohne Sonnencreme (der lichtdurchlässige Stoff des Sonnensegels / Markise gaukelt nur einen scheinbaren Schutz vor). Die Zeit bis nach 16 Uhr ziehe ich mich auf mein Hotelbett zurück.
Den späten Nachmittag bin ich wieder in der Nähe des Ticketschalters. "Will be back at 17:30" steht auf dem Pappschild auf dem Tresen. Von einem benachbarten Bistro aus beobachte ich, bei einer Pizza, wann der Stand wieder besetzt wird. Die ältere Dame kommt ein paar Minuten nach 17:30 Uhr wieder zurück, ich bezahle meine Pizza (stehe schon drängelnd auf das Wechselgeld wartend neben dem Tisch) und laufe die paar Meter zum Stand mit den begehrten Bootstickets. Portinatx - Benirras and back. Sie zeigt mir noch die Stelle, an der das Ausflugsboot kurz vor 19 Uhr anlegen wird. Die eine Stunde bis dahin verschwende ich nah am Strand und in ein oder zwei Souvenirshops (eine altmodische Postkarte kaufen).
Es geht los, das Boot legt an, freudig und mit höchsten Erwartungen steige ich die Klippen runter zu der Anlegestelle - ein Punkt mehr auf meiner To-Do-Liste für Ibiza - auf dem Mittelmeer herumschippern und den Hippiestrand sehen, den mit den Trommlern jeden Sonntag zum Sonnenuntergang (und idealerweise auch noch kurz nach Vollmond).
Die Fahrt geht nur zwei oder drei Buchten weiter, der Seegang ist auszuhalten. Ich mußte mir ja auch noch vorher die vegetarische Pizza reindrücken. Die Augen auf den Horizont und die Küstenlinie fixieren, unten ist da wo meine Füße sind! (Meinen Gleichgewichtssinn habe ich schon vor langer Zeit verloren.) Den Sonnenuntergang über dem Meer fotografieren und das alte Boot (aus Holz!) schwenkt ein in die Bucht von Benirras ... die Trommler sind schon von weitem zu hören.
Landgang: "Ten past eight!" Die Zeit für das Ablegen muß ich mir merken, will ich hier nicht stranden. Der Strand ist erwartungsgemäß voll ... die Party-People-Szene von Ibiza? Die Trommler sehe ich nur durch meine "Periskopfunktion" (das schräg nach unten aufgeklappte Display) meiner Fotokamera. Die Sonne verschwindet hinter den Bergen der Bucht, es wird weitergetrommelt.

Benirras Beach, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Nach ein paar obligatorischen Selfies mache ich mich wieder zurück auf den Weg durch die Menschenmenge durch den beengten Strandabschnitt ... für ein paar kurze Momente spüre ich die "Vibes", die emotionale Aura, für die ich eigentlich hierher gekommen bin ... aber das mit dem nackt tanzen und Mantras singen paßt hier nicht (mehr) rein.
Benirras Beach, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Rückfahrt mit dem Boot durch die einsetzende Dunkelheit der Nacht ... im Dunkeln in der kleinen "Nußschale" den Wellen ausgesetzt zu sein, ist noch etwas ganz anderes, als bei Licht tagsüber. Auf Fischfang fahren, das Netz auslegen. Entgegengesetzt dieser Romantik kann es mir gar nicht schnell genug gehen, den Leuchtturm von Portinatx zu erspähen und wieder einen festen Fuß über die Anlegeplanke an Land zu setzen. So seetüchtig bin ich jetzt nicht ... jedenfalls mitten im Dunkeln.
Später den Abend, kurz vor Mitternacht, trinke ich noch einen "Virgin Mojito" an der Bar in dem teuren Restaurant gegenüber von meinem Hotel, mit Blick auf die kleine Bucht. Meine Gedanken kreisen um meine nächtliche Begegnung zwei Abende zuvor, er versucht mich über Textnachrichten wiederzusehen, eine Verabredung nach 0 Uhr? Da beginne ich immer schwer müde zu werden (meine Antidepressiva-Tabletten) und falle ins Bett, leider keine Chance für ihn. (Natürlich führe ich eine Strichliste - bis jetzt 18 Männer, eine Frau und eine transsexuelle Frau ohne Operation ... aber sie zählt eigentlich nicht, sie war eine "Professionelle".)

[14.09.19 / 23:36] Ein ganzer Tag, in dem es bedeckt bleibt. Kurz nach 9 Uhr den Vormittag werde ich wieder wach, aus dem reichhaltigen Frühstück wenig später, lasse ich die Waffeln weg, die Croissants sind schon mit Kakaocreme gefüllt, die muß ich nicht noch extra füllen. Ich ziehe den Tag mein neues Hippiekleid an (das mit dem Batikmuster), zusammen mit meiner olivgrünen Umhängetasche und meinem Kaffeebecher stehe ich danach wieder an meinem Stammplatz und starre in die Weite des Mittelmeeres. Was habe ich die letzte Nacht nur getan? Ein böses Erwachen, ich falle immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Mir wird bewußt, die Sache mit meinem Ex-Freund hat weitaus mehr Schaden in mir angerichtet, als ich vermutet hätte.
Eine Eidechse kreuzt meinen steinigen Weg, ich verliere mich in endlose Nahaufnahmen mit diesem kleinen Reptil und meiner Kamera: Lizard and coffee? Dieses Exemplar scheint besonders fotogen zu sein und klettert über meinen abgestellten Thermobecher.
Zurück ins Hotel, im Außenbereich an einen Tisch setzen (mit Lounge-Möbel), die letzte Nacht aufarbeiten, alles auf Papier bringen, bewaffnet mit Bleistift und Notizbuch. Gedanken sortieren. Es ist Sonnabend, die Straße neben dem Hotel und meinem Sitzplatz in der Nähe der kleinen (und pittoresken) Bucht wird zunehmend zur Hauptverkehrsstraße: "Ich kann so nicht arbeiten!" Und ungestört mein Reise- und Therapietagebuch schreiben, alles Ausflugstouristen, vielleicht sogar Mietwagen (fehlt nur noch ein Reisebus).
Den Sonnabend ist der Hippiemarkt in Las Dalias. Einer von zwei oder drei Programmpunkten auf meiner To-Do-Liste für den Norden von Ibiza. Der ältere Herr an der Rezeption hat mir den Tag vorher einen Busfahrplan ausgedruckt - ein Bus fährt um 9 Uhr morgens hin, ein anderer um 19 Uhr zurück ... ich weiß in dem Moment schon, daß ich sehr wahrscheinlich ein Taxi nehmen werde. Ein gecharterter Shuttlebus wäre nicht schlecht.
Schlecht ist das Stichwort - kurz nach 14 Uhr den frühen Nachmittag fährt mich ein Taxi durch die Serpentinenstraße in den Nordosten der Insel. Mir geht es nicht gut, ich habe entweder etwas Falsches gegessen, die Shrimps in Mayo zwei Abende zuvor waren mir von Anfang an suspekt ... Kühlkette (die bei Gewitter und Stromausfall mal aussetzen kann), oder ich habe mir eine Entzündung im Unterleib eingefangen (String-Tangas, zu kühl, der Sex - Frauenprobleme). Ich überstehe die Fahrt, ohne den Taxifahrer zu bitten, etwas langsamer zu fahren, damit ich das Fenster weit aufmachen und meinen Kopf raushängen kann.
Den Parkplatz für den Markt habe ich auf der Hinfahrt vom Flughafen zum Hotel schon gesehen ... er ist voll, hunderte Touristen quetschen sich durch die schmalen Gassen mit den Ständen. Das Taxi setzt mich neben dem Eingang auf das Gelände ab. Keine Fotos - vor lauter Touristen sehe ich die Stände nicht.
Meine Einkaufsliste: eine bunte Tasche für mein Smartphone, ein geflochtener Ledergürtel passend zu meinem Kleid, und vielleicht noch ein Häkeltop. Ich schiebe mich mit den Massen und Busladungen an Touristen an den Marktständen vorbei. Mein 5 Euro Hippiekleid aus Leipzig, Made in India, entdecke ich für 35 Euro wieder ... soviel zu den Preisen dort. Das bunte Täschchen kaufe ich gleich am Eingang, das schwarze Häkeltop an einem Stand mit der Aufschrift "Outlet" (eine Modedesignerin aus Ibiza), den Gürtel an einem anderen Stand wieder zurück am Ausgang. Eigentlich hatte ich an einem weiteren Stand eine Auswahl an farbigen Gürteln an meinem weiß-grünen Kleid minutenlang ausprobiert - aber die Verkäuferin hat mich entnervt fortgejagt? Irritiert suche ich einen anderen Stand. Zurück nach draußen, zurück zum Taxistand, zurück nach Portinatx (oder "Portinaxt"), so viele Menschen auf einem Haufen bin ich nicht (mehr) gewohnt.
"Wo ist meine Full-Moon-Beach-Party?" Es gibt keine Clubszene in diesem beschaulichen Örtchen (außer angeblich eine Bar mit Elvis-Imitator und Bingo-Abende). Nur ein paar gepflegte Restaurants, und die Beach Bar macht nach Sonnenuntergang zu und räumt die Stühle und Liegen weg. Ich wechsle in mein weißes, neues Häkeltop (das aus Kassel) und bleibe für das Abendessen in der Gegend um das Hotel (ich möchte mich nicht allzuweit von einer Toilette entfernen - und im Umfeld des WLAN bleiben). Noch einmal das teure Restaurant, Tagliatelle in Trüffelsoße.
Den Abend entspanne ich, zunehmend müde werdend, bei einer Live-Musikshow im Hotel. Die Getränke an der Bar gehen auf meine Zimmernummer, die Sängerin benutzt dasselbe portable Mischpult wie ich, für die Echoeffekte am Mikro. Eine Nachricht an meine Begegnung von letzter Nacht: "In only one night you got the whole compressed experience of my past relationships." Er versteht meinen Text nicht, schreibt, daß er sein Verhalten bereut (Warum?), würde mich aber gern nach Mitternacht wieder treffen. Ich bin zu müde und zu kaputt, darauf einzugehen.
Über die weit geöffnete Terrassentür die Nacht, plätschert das Meer in der Ferne vor sich hin.

[14.09.19 / 11:33] Ein Regentag, da passiert nicht viel, ich stehe mit meiner Lederjacke, meinem olivgrünen Wickelkleidchen und meinen Flipflops (die ich später wechseln werde) an der kleinen Bucht mit den Felsen und praktiziere mein tägliches Kaffeeritual den Vormittag. Ein paar Fotos von der dunkelblauen Wolkendecke.

Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Den Mittag zurück im Hotel, ein gebuchter Musiker spielt auf seinem elektrischen Synthesizer-Saxophon ein paar Songs im Atrium, es sind nur eine handvoll Hotelgäste anwesend ... ich versuche eigentlich auch nur die Zeit rumzukriegen, bis vielleicht die Sonne durch die Wolkendecke bricht. Es bleibt bedeckt (auch gut für meine sonnengestreßte Haut).
Sein Solokonzert geht bis nach 15 Uhr den Nachmittag, ich möchte ihn nicht alleine spielen lassen - aber eigentlich hatte ich den Nachmittag vor, den anderen Felsen gegenüber der Bucht zu erklettern. Ich beobachte schon die ganze Zeit (von meinem Sitzplatz im offenen Atrium des Hotels aus), wie immer wieder ein paar junge Menschen vorsichtig wagemutig den Felsen erklimmen und posieren - auf der Jagd nach dem besten Selfie - das will ich auch! Nicht allzuviel später, klettere ich auch da oben herum.
Hinter dem Felsen ergeben sich mit den Wellen und der Meeresbrandung auf den Klippen beeindruckende Fotomotive. Am Horizont in den dunklen Wolken zieht ein Seegewitter auf. Ein paar Blitze ... hoffentlich zieht das nicht rüber - die feuchten und scharfkantigen Felsen sind so schon rutschig genug. Ich kehre nach ein paar Fotos wieder um und suche meinen schmalen Pfad, der am Strand neben der Beach Bar aus der rauen Wildnis herausführt. (Eigentlich sollten da nicht so viele Touristen herumtrampeln, die zarten Flechten und kleinen Gewächs, die dort vereinzelt zwischen den Felsen den rauen Meeresklima trotzen.) Zurück an der Beach Bar, ein Orangensaft, eine Pause ... immer noch keine Sonne, es bleibt bedeckt.
Für das Abendessen wechsle ich von meiner Lederjacke in mein Strickjäckchen und von meinen festen Schuhen in meine Flipflops. In meiner kleinen Handtasche ist nur Platz für einen Schirm - und mein ganzes Arsenal an Anti-Mücken-Gift! Ich habe den Plan, etwas früher essen zu gehen, bevor diese Viecher auftauchen. Zu den Restaurants und Bistros in der Nähe des großen Strandes (S'Arenal gran) von Portinatx.
Was sind Tapas? Der Kellner in dem Restaurant erklärt es mir, ich verstehe das als so eine Art spanisches Sushi mit vielen kleinen Portionen und Tellern. Zu viel als Starter - ich entscheide mich wieder für die Fischplatte, im Ofen gebackene Dorade (mein bevorzugter Fisch, die ist einfach zu essen, mit ihren dicken Gräten).
Es wird dunkel, sehr dunkel, tiefschwarz - pünktlich zum (gefühlten) Sonnenuntergang zieht ein schweres Unwetter auf. Der Himmel zuckt in wenigen Millisekunden hell auf ... in einer Blitzfrequenz, wie ich das noch nie zuvor gesehen habe (und ich war schon in der Nähe des Äquators in Sri Lanka und Südindien). Die Blitze ziehen über den Wolken. Ist das ungefährlich? Mit dem Gedanken fängt es stark an, zu regnen ... ein paar Minuten, zu hageln. Die paar Gäste flüchten von den Tischen im Außenbereich (überdacht und mit Blick auf den in der Dunkelheit verschwindenden Strand) in das Innere des Restaurants. Mit meinem Abendessen war ich glücklicherweise schon fertig und nehme nur mein Glas Wasser mit hinein. Ich beobachte von einem Barhocker an der Eingangstür aus, wie der starke Regen nach und nach nachläßt (ich hätte keine Chance mit meinem kleinen Regenschirmchen gehabt).
Das Übliche ... ich zähle in Gedanken schon mit meinen Fingern meine letzten Reisen auf und die Männer, die ich immer wieder kennengelernt habe. Es ist Freitag Abend, kurz vor Vollmond und in diesem winzigen Ort am nördlichsten Zipfel von ganz Ibiza gibt es so gut wie keine Partyszene. Ein Bargast spricht mich an ... er ist schwarz, kommt aus Afrika. Ich bin so rassistisch!
Ein nettes Gespräch eröffnet sich, ich erfahre, daß er ursprünglich aus dem Senegal kommt und die letzten zehn Jahre in Spanien und Europa gearbeitet hat. Ich erzähle ihm von meinem Leben, gebe ihm ein paar Einblicke, mein Job als Ingenieur, das teure Hotel da hinten (das ich mir gerade so noch leisten kann) und meine getrennte Beziehung zu meinem Ex-Freund ... zu viel? Er lädt mich ein, noch etwas an einer Bar auf der gegenüberliegenden Seite des großen Strandes zu trinken ... seine Unterkunft / Wohnung ist nicht allzuweit davon entfernt. Warum nicht? "Let's go!"
Quer über den Strand, der Regen hat nachgelassen, durch die Wolken bricht der strahlend weiße Vollmond. "Actually I come to Ibiza to join a Full Moon Beach Party ... I want to dance naked across the beach!" (Ob ich das überhaupt in die Tat umsetzen kann, bin ich mir gar nicht mehr so sicher ... schon allein wegen der Mücken, und der Kälte und dem Strickjäckchen.) Die kleine Bar, in die er mich führt, ist verbunden mit der "Orangensaftbar" eine Etage weiter unten zum Strand ... ich glaube, den Barkeeper wiederzuerkennen. Auch hier ist den Freitag Abend nicht viel los.
Ein Coconut-Mocktail (ohne Alkohol) für mich, unsere Gespräche drehen sich um Afrika, das eigentlich ein sehr reiches Land (bzw. Kontinent) ist - aber von allen nur bestohlen und ausgeplündert wurde, bzw. wird ... erst die Imperialisten, jetzt die oberen Eliten. Der Armut und Hoffnungslosigkeit zu entkommen, ist sehr schwer geworden, "Residence Cards" für Europa gibt es nicht mehr so einfach. Laß uns das Getränk bezahlen und zu dir gehen. (Also zu ihm ... es würde merkwürdig aussehen, würde ich ihn mit in mein Hotelzimmer nehmen.)
Seine Unterkunft, ein paar Minuten zu Fuß entfernt, eine winzige Abstellkammer, ich kann mit beiden ausgestreckten Armen die Wände ertasten. Das Zimmer kaum größer, als das Etagenbett, das darin steht. Ich mache ein paar Einrichtungsvorschläge, wie man den beengten Wohnraum noch optimaler nutzen könnte. Er schlägt vor, zu einem Freund zu gehen, dieser hat eine größere Wohnung (und sogar ein Bad).
Über einen großen Umweg über mein Hotel, schnell noch die Gleitcreme in die Handtasche packen, noch etwas frisch machen, Kleidung wechseln (von der Hippie-Hose in die schwarze Jeans) ... er wartet geduldig draußen vor dem Hotel. Blick auf die Uhr ... 0 Uhr nach Mitternacht. Das teure Restaurant gegenüber vom Hotel (das vom ersten Abend) schließt gerade, die Angestellten und der Boss gehen zu ihren Autos. Er möchte nicht gesehen werden ... meine neue Bekanntschaft hätte dort eigentlich den Abend arbeiten sollen (kommt mir sehr bekannt vor).
Die Wohnung seines Freundes - ein Palast verglichen mit seiner Abstellkammer, eine offene Miniküche, zwei Betten, ein Bad. Eigentlich ein nicht genutztes Apartment für Touristen ... 700 Euro den Monat die Miete. Seinen Freund lerne ich nur kurz kennen, er überläßt uns das Apartment für ein paar Stunden ... alles was jetzt kommt, kenne ich irgendwie schon.
Wir legen uns auf das Bett, ziehen uns aus, ein paar Scherze ... flirten, küssen. "Unfortunately I just have a Two-Inch-Vagina", ich gebe ihm ein paar Puzzleteile über das, was ich wirklich bin ... ich bin vorsichtig, weiß nicht, wie er reagieren könnte, wenn er alles erfährt. Der Analsex ist für ihn eine neue Erfahrung, ich weite mit etwas Gleitcreme an meinen Fingern professionell meinen Anus. Er findet noch ein Kondom und zieht es über seinen - beachtlichen - Penis. Ja, das ist auch für mich das erste Mal mit einem Afrikaner. Aber mit genug Gleitgel fühlt sich das mehr als angenehm an. Schade nur, daß er in kurzer Zeit in mir kommt. "Where are my multiple orgasms?"
Die weiteren Momente die Nacht ... er wünscht sich wahrscheinlich, daß ich bis zum Morgen bleibe, neben ihm schlafe. Ein Problem für mich, ich hänge neben ihm liegend in einer Gedankenschleife fest. Ich kann mich nicht fallen lassen, habe immer wieder den Wunsch, zu fliehen. "I have a secret", ich erzähle ihm von meiner transsexuellen Vergangenheit - wenn er mich jetzt rausschmeißt, kann ich der ganzen innerlichen Konfliktsituation entkommen. Er bleibt ruhig und gelassen ... aber so richtig glücklich ist er damit jetzt auch nicht, ich sehe es ihm an.
Minuten später, er schläft ein. Ich steige aus dem Bett, tapse im Dunkeln umher, suche meine Unterwäsche, meinen schwarzen String-Tanga - und stolpere laut scheppernd über einen gläsernen Aschenbecher neben dem Bett. Soviel zu meinem Plan, leise zu verschwinden. Er wird wach, macht das Licht an ... ich möchte gehen.
Ich ziehe mich an, er zieht sich an. "Sorry, I'm Miss Complicated", meine gescheiterte Beziehungsgeschichte zu meinem Ex-Freund kennt er schon. "I'm talking too much, destroying everything again and again (you're not the first one). Keep away from insane people", der allseits bekannte Ratschlag.
Wenig später begleitet er mich den frühen Morgen zurück zu meinem Hotel, ich erzähle nicht mehr viel, ich notiere seine Telefonnummer auf meinem Smartphone ... vielleicht gibt es noch eine zweite Nacht, eine zweite Chance?
4:30 Uhr zurück alleine in meinem großen, weißen Bett in meinem Zimmer.

[12.09.19 / 23:35] Selfie-Fotoreihe - wo mein Kaffeebecher schon alles war. Erneut stehe ich mit meinem Thermobecher nach dem Frühstück an den Klippen und schlürfe meinen Kaffee. Die Nacht und den Morgen hat es geregnet (mit Blitz und Donner), den Vormittag trage ich noch meine Jeans und meine Lederjacke / Punkerkutte ... wenn es so kühl bleibt, kann ich den Weg zum Leuchtturm in Angriff nehmen. Zurück ins Hotel, die Lederjacke gegen das Strickjäckchen tauschen (könnte ja kühl und windig da oben sein), die festen Schuhe behalte ich an.
Wenig später vor dem Taxistand in der Nähe des Strandes von Portinatx, ein Taxi hält. "To the lighthouse and back, if it is possible", ich habe den Leuchtturm in einer Reisereportage über Ibiza im Fernsehen gesehen. "It is a rough road", nur für Allradfahrzeuge befahrbar - und ganz sicher kein normales Taxi. Mir wird gleich bewußt, daß das gar nicht geht und ich irgendwie anders dahin kommen muß, der Taxifahrer erzählt mir etwas über nur ein paar Minuten zu Fuß. Zurück am Hotel und den Klippen starte ich meine Wandertour.
Der "Lighthouse Trail" ist ausgeschildert und mit Farbe auf dem steinigen Weg markiert. Stellenweise teilt sich der schmale Weg und führt dann wieder zusammen. Nur wenige Zentimeter vorbei an der Steilküste ergibt sich immer wieder ein atemberaubendes Fotomotiv. "Jetzt fall da bloß nicht runter!" Ahh... Ich paß auf und setze vorsichtig ein Schritt nach dem anderen - den Weg lesen (wie beim Motorrad die Straße). Ab und zu kommen mir andere Wanderer entgegen - auch ein oder zwei Mädels mit Flipflops.
Auf halber Strecke merke ich, daß ich mit den ganzen Fotos machen zu viel Zeit vertrödle - die Wolken sind weg, die Sonne brennt, es wird heiß. Ich krame aus meiner alten Gasmaskentasche (aka die "Indiana-Jones-Abenteuer-Umhängetasche") die kleine Packung Sonnencreme heraus ... später werde ich sehen, wo ich mich nicht richtig damit eingerieben habe.

Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Die Steilküste und die felsigen Hänge entlang klettern - irgendwann den Mittag erreiche ich den Leuchtturm ... Selfiepoint! Die Stelle wird rege von anderen kleinen Besuchergrüppchen genutzt. Ich bin schon ziemlich fertig (hätte ich eine Flasche Wasser mitgenommen), vor mir liegt noch der ganze Weg wieder zurück.
Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Nach einer langen Fotopause mache ich mich auf den Rückweg, setze weiter instinktiv, automatisch und prüfend ein Schritt nach dem anderen, wenn ich auf diese scharfkantigen Felsen ausrutsche, ganz alleine, in der verlassenen Wildnis im Nirgendwo ... noch bevor die brennende Sonne 14 Uhr im Zenit steht, bin ich wieder zurück im Hotelzimmer. Das olivgrüne Top ist komplett durchgeschwitzt. Eine Dusche nehmen und ich bin erst mal für die nächsten Stunden raus aus der Sonne!
Den Nachmittag meine Beine rasieren und meinen schwarzen Bikini anziehen - den für das Meereswasser. Kurz vor 17 Uhr bin ich wieder draußen und auf dem Weg zum Stadtstrand von Portinatx - mit dabei in meiner Strandtasche in Häkeloptik - mein neues Regenbogenhandtuch in den LGBT-Farben. "The only gay on the beach", an den belebten Strand angekommen, lege ich mich demonstrativ und ein Statement setzend auf mein Handtuch im Schatten einiger Bäume (wenig später gehe ich auch mal kurz baden).
Die Sonne sinkt in weniger intensive Sphären, ich bleibe bis zum Abend. Dadurch, daß Spanien am westlichsten Rand der mitteleuropäischen Zeitzone liegt, verschiebt sich der ganze geregelte Tagesablauf um ein, zwei Stunden nach hinten. Noch zwei Flaschen Wasser aus dem kleinen Supermarkt gegenüber vom Strand und ich bin den Abend wieder zurück auf mein Hotelzimmer, Dusche Nummer Zwei und umziehen für das Abendessen.
Nach Anbruch der Dunkelheit befinde ich mich in einem Restaurant nur unweit meiner letzten Badestelle. Die Preise sind moderat, das Essen - Shrimps in Mayo, Calamares-Tintenfischringe mit Chips und Salat - eher auf Bistroniveau, kein Vergleich zu dem exquisiten Restaurant vom ersten Tag (aber auch hier wird gerne vorreserviert). Wenn nur nicht diese Mücken wären ... verdammte Viecher! Die aggressive Sorte, stechen gezielt in alles, was nicht vorsorglich (durch lange Hosen und Strickjäckchen) verhüllt wurde - Ohrläppchen, Hals, Wangen, Stirn, Mundwinkel. In kürzester Zeit werde ich an dem Außentisch mit Meerblick übel zugerichtet. Noch bevor der Kellner mit der Rechnung kommt, flüchte ich zum Bezahlen in das Innere des Restaurants.
Den späten Abend wieder zurück zum Hotel, einen alkoholfreien Mojito an der Hotelbar bestellen. Es ist ein gehobenes Hotel nur für Erwachsene mit Erwachsenenunterhaltung - zwei Musiker spielen im Außenbereich kubanische Lieder. Ich schlürfe meinen "Mocktail" und fingere gegen Ende (des Auftritts und meines Getränks) die Minzblätter aus dem Glas.

[11.09.19 / 22:50] Meine Lieblingsecke - die Klippen hinter dem Strand, den späten Vormittag erst mal einen Kaffee aus meinem Thermobecher trinken (ein American Coffee aus dem Automaten beim Frühstück im Hotel). Danach ... die Klippen raufklettern - aber nicht mit den Flipflops! "Be careful, Honey!" Ich war extra nochmal zurück im Hotel, um festes Schuhwerk anzuziehen. Spektakuläre Wellenbrandungen, spektakuläre Klippen, spektakuläre Selfies? Mach nicht den Fehler und geh zu weit an den Rand.

Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Im weiteren Verlauf des Vormittages und frühen Nachmittags erkunde ich die anderen beiden Badebuchten und die zwei (kleinen) Strände ... und muß immer wieder stehenbleiben für ein neues Fotomotiv, der erste Orangensaft an einer Strandbar. Entgegengesetzt den schlimmsten Vorhersagen des Wetterberichts vor einigen Tagen, knallt die Sonne von oben herab durch den blauen Himmel und ein paar Quellwolken (bleibt aber angenehm kühl) ... gut, daß ich meinen ecuadorianischen Strohhut aus Wien mit eingepackt habe.
Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Den Nachmittag die beiden Pools im Hotel antesten - während alle Gäste knusprig braun in der Sonne liegen, werfe ich mit meiner noblen Blässe und meinem olivgrünen Bikini mein Pool-Handtuch (vom Hotel) auf eine Liege im Schatten der Bar. Ein paar Runden im Wasser drehen, zurück auf der Liege eine Moppedzeitschrift lesen ... dezent die anderen Hotelgäste mustern ... Sehen und Gesehen werden. (Welches von den Pärchen könnte wohl schwul sein?)
Im weiteren Verlauf des späten Nachmittags ziehe ich mich in mein Hotelzimmer zurück (ich habe meine Beine nicht ordentlich rasiert) und wechsle für den bevorstehenden Abend die Kleidung: von dem olivgrünen Wickelkleid mit den Spaghettiträgern (H&M) zur Hippie-Stoffhose und einem olivgrünen, ämellosen Top. Abendessen in einem der Restaurants gegenüber dem Hotel. Aber vorher sitze ich noch gefühlt ein, zwei Stunden an der Strandbar der kleinen Bucht zur Westseite hinaus und beobachte bei einem zweiten Glas frisch gepreßten Orangensaft, wie die Sonne langsam den Himmel bis zum Horizont nach unten zieht. Wird sie es schaffen? Sie liefert sich ein Wettrennen mit den über das Meer aufziehenden Regenwolken. (Sie schafft es und das Ganze wird von den anwesenden Besuchern zelebriert ... zu Goa-Trance-Musik aus der Bar - "Tel-Aviv-Feeling", ich allein habe schon über 30 Fotos vom Sonnenuntergang gemacht).
Zum Abendessen gibt es wieder Dorade - aber diesmal echt fangfrisch und mit dicken Gräten. Leider läßt das Dessert für hinterher auf sich warten und ich muß die Zeit bis nach 22 Uhr an dem Tisch neben dem Meereswasser und den Wellen aushalten, werde von fiesen Moskitos belästigt - zum Glück kann ich das Meiste mit meiner langen Hose und meinem Strickjäckchen abhalten, und muß dann durch den einsetzenden Regen über die Straße zurück zum Hotel ... mein Bikini hängt zum Trocknen auf der Terrasse - der ist jetzt wieder naß.

[10.09.19 / 21:55] Ich wollte ja die Intensiv-Durchsuchung und mußte unbedingt für den Security-Check am Flughafen Hannover mein grünes Bob-Marley-T-Shirt anziehen - Ergebnis: mein verschachteltes Tasche-in-Tasche-Handgepäck wurde solange durchsucht, bis das kleine Tütchen Trockenpulver in meiner Smartphone-Tasche entdeckt wurde ... hätte ja auch Crystal sein können (auf dem Röntgenbild). Unterwegs nach Ibiza - Tag 1. (Natürlich hat der Bummelzug den frühen Morgen Verspätung und ich verpasse alle meine Anschlußzüge, aber der afrikanische Taxifahrer am Hannover Hauptbahnhof holt das wieder raus.)
Ankunft mit dem Flugzeug (Holzklasse ohne Entertainment) auf Ibiza den Nachmittag, eine aufregende Landung mit den ganzen Sturm- und Regenwolken. Weiter mit dem Minibus durch die überraschend grüne Insel (Sri-Lanka-Feeling, mit den Regen). Das wahrscheinlich nördlichste Hotel auf der ganzen Insel.
Vor vier oder fünf Wochen habe ich mich von meinem Ex-Freund getrennt und mußte mir erst mal eine Reise für mich alleine buchen. Das Adults-only-Hotel in Portinatx entspricht meinen Erwartungen - ruhig und weit abgelegen (ich hatte schon die Befürchtung, Ibiza wäre eine Senioreninsel, bei den ganzen Grauhaarigen im Flugzeug).

Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Zimmer beziehen ... Meerblick ... Sachen auspacken, die Hotelanlage und die Umgebung erkunden - es ist kalt! Ein Glück, daß ich vorher den Wetterbericht gelesen und ein Strickjäckchen mit eingepackt habe. Auf der Terrasse eines gegenüberliegenden Restaurants die ersten Selfies machen.
Portinatx, Ibiza / September 2019 / Alter 37
Das Restaurant selber - ich bin gezielt in den Norden gereist wegen dem Hippie-Flair - sehr hübsch eingerichtet, aber wahnsinnig teure Preise. Wenn ich wie diesen Abend jeden Abend für eine Person für 50 Euro esse, komme ich mit meinem Budget nicht weit ... trotzdem, der Couscous-Salat mit Feigen und die marokkanische Tajine mit Dorade sowie die Kugel Eis in der Kokosnuß mußte einfach sein.
Später den Abend, zum Strand laufen, einen Supermarkt finden, zurück in das Restaurant an der Bar etwas trinken, das Gewitter über dem Meer beobachten, das Gewitter zurück auf der Zimmerterrasse (bei Lounge-Musik) weiter beobachten (und diese Zeilen schreiben ... in meiner Strickjacke frierend, im Koffer war nur noch Platz für die Flipflops).

[30.04.19 / 08:40] 8:40 Uhr morgens, Ankunft am Hannover Hauptbahnhof, ein fettiges Croissant und ein schlechter Kaffee zum Frühstück (ich vermisse jetzt schon die "Wiener Melange"). Die Damentoilette in dem Bahnhof ist mein Badezimmer und ich breite alle meine Utensilien vor dem Waschbecken und dem Spiegel aus. Eine junge Mutter zieht ihre kleinen Töchter von mir weg - ja so sieht das aus, wenn frau für die Nacht keinen Mann gefunden hat und damit auch keine Aufwachmöglichkeit mit Dusche.
Danach die Wartezeit vertrödeln, etwas auf dem Bahnhofsvorplatz vor dem Haupteingang und in den Gängen "rumpunken", einem Obdachlosen ein paar Cent geben und weiter warten auf den Zug zurück in Richtung Leipzig ... es ist viel Betrieb, um mich herum wuseln haufenweise Menschen, komische Menschen, gehen morgens zur Arbeit. Ich bleibe nicht lange gern in Hannover, ich weiß, daß das Steintor und die Rotlichtszene nur ein paar Fußschritte vom Hauptbahnhof entfernt sind.

[29.04.19 / 22:29] Schloß Belvedere Teil 2 - den Vormittag zu Fuß vom Hauptbahnhof aus. Kurz vor 11 Uhr stehe ich mit meinem kleinen Rollkoffer an der Rezeption in der Hotellobby für den Check-out, das Gepäck verstaue ich wenig später wieder in dem Schließfach am Hauptbahnhof, bevor ich ein paar 100 Meter weiter - im tiefsten Nieselregen - zum Belvedere laufe. Die Schlange am Ticketschalter ist genauso lang, wie die am Eingang des oberen Palais ... aber es geht zumindest zügig voran (und ich muß bei dem naßkalten Mistwetter, ohne Schirm - den habe ich zu Hause gelassen - nicht lange im Regen stehen). Ein Kombiticket für die Galerie im oberen und die Wechselausstellung im unteren Palais. Mit mir besuchen die Galerie eine Menge Russen, Chinesen und einige andere Nationalitäten - was auffällt: während ich alles an der Garderobe abgebe (außer die Eintrittskarte und das Smartphone) und mir für die Galerie gebührend viel Zeit nehme (zweieinhalb Stunden bis 14 Uhr), laufen viele andere Besucher (wahrscheinlich Bustouristen in Zeitdruck) in Jacke und Anorak an mir vorbei. Rein, Foto vom Klimt machen (der hier nicht hängt, der ist auf Leihgabe in Tokio) und wieder raus. Die Warteschlange vor Klimts Gemälde "Der Kuß" ist entsprechend genauso lang wie die Schlange am Eingang und des Ticketschalters.
Danach ein paar Schritte über den Barockgarten ins untere Palais ... noch beschisseneres Wetter als vor zwei Tagen, jetzt erst recht keine Selfies. Im unteren Teil befinden sich, zu dem Zeitpunkt meiner Reise, ein paar interessante und sehenswerte Videoinstallationen. Touristen gibt es hier unten nicht, nur ganz wenige Besucher - was eigentlich schade ist, den die Gemälde der aktuellen Wechselausstellung der weiblichen Malerinnen der Moderne in Wien um 1900 sind denen der männlichen Pendants mehr als ebenbürtig. Leider sind alle Malerinnen komplett vergessen (oder verdrängt) worden. Für diese Wechselausstellung nehme ich mir auch wieder anderthalb Stunden Zeit.
Danach den Nachmittag zu Fuß zurück zum Hauptbahnhof, eine Pizza essen (eine gigantische Pizza in der Osteria am Hbf.) und ... Einkaufen gehen! Die Mariahilfer Straße habe ich bei meiner Tour durch Wien nicht gesehen, obwohl der Punkt "Shopping" auf meiner To-Do-Liste ansonsten fest verankert ist - diesen Teil hole ich in den Promenaden des Hauptbahnhofes nach. Bis zu meiner Abfahrt mit dem Nachtzug sind noch ein paar Stunden Zeit.
Erster Laden (die spanische Kette, bei der ich nicht weiß, wie man den Namen ausspricht), viele bunte Sachen. Mein Blick fällt zuerst auf ein schwarzes Spitzenkleid, danach auf einen schwarz-weißen Rock mit Blumenmuster, ähnlich meines Lieblingssommerkleides (dieselbe Marke) ... leider ist der Rock nur zum Anprobieren (und Ködern) als Einzelstück vorrätig ... ich ziehe ihn in der Umkleidekabine an und er paßt super zu mir, Größe 38. Die Bestellnummer auf einem Kärtchen für den Online-Shop bekomme ich von der Verkäuferin zugesteckt. [Anm. d. Verfasserin: Der Rock wird sofort nach meiner Rückkehr bestellt, geliefert und liegt schon bei mir zu Hause.] Da ist schon wieder dieses Gefühl: Ich muß etwas kaufen! Ich kann diesen Laden nicht ohne einen Papierbeutel verlassen. Das schwarze Spitzenkleid ... XS lehne ich sofort ab, in eine S passe ich zwar rein, aber sehe in dem Spiegel in der Kabine total f...unvorteilhaft aus, M - eine österreichische L - geht da schon viel besser. Es landet in der Kasse in dem besagten Einkaufsbeutel (idealerweise kann ich in Österreich problemlos mit meiner deutschen EC-Karte bezahlen).
Weiter in das Bademodengeschäft, von deren Kette ich auch den olivgrünen Bikini von meinem letzten Strandurlaub habe. Ein Badeanzug könnte mir noch in meinem Schrank fehlen, aber leider passe ich da beim Anprobieren nicht wirklich hinein, zu dicker Hintern, breites Kreuz, Brust flach wie nichts (mein kleines A-Körbchen) - ich bleibe bei der Bikinimode.
Gegen 20 Uhr hole ich mein Gepäck aus dem Schließfach, aber da weiß ich noch nicht, daß der Zug für die Rückreise anderthalb Stunden Verspätung hat (kommt ja auch als einziger aus Deutschland, alle anderen regionalen Züge aus Österreich haben auf der Anzeigetafel keine nennenswerten Verspätungen).
Endlich den Abend am Gleis wartend in den einfahrenden (und haltenden) Zug einsteigen, mein Bett in dem Liegeabteil beziehen und gegen 22:30 Uhr die paar Zeilen für mein Reisetagebuch notieren - ich muß mich beeilen, die anderen zwei Zuggäste in dem Abteil wollen schlafen und bitten mich, das Licht auszuschalten. Mein letzter Tag in Wien (und ich habe bis zum Schluß auf eine Antwort von ihm gewartet, die nie kam).
Nachtrag: Ein paar Abteile weiter geht der Lärm einiger mitreisenden Fahrgäste noch bis Mitternacht - bis dann bei einem Halt über die Grenze die Bundespolizei den Zug durchläuft und alle Abteile kontrolliert. Ich bin wach und bemerke, nachdem die Polizisten wieder weg sind, scherzhaft: "Das ist nicht der Drogenhund", keine Panik, "der kommt nur manchmal durch die Schweiz." Danach ist auch in dem Nachbarabteil Ruhe. Weiterschlafen mit Ohropax.

[28.04.19 / 21:46] Ein brutaler Schock ... diese Touristenmassen in der U-Bahnstation, ganz anders, als die Ruhe auf dem Friedhof zuvor. Ich fahre mit der U-Bahnlinie weiter in Richtung des Prater, die Adresse der syrischen Bäckerei Aleppo Sweets habe ich über das Internet herausgefunden - nur eine Station entfernt von der Gegend, in der ich vor zwei Tagen gesucht hatte. Ich betrete das kleine Café mit dem Blick vom Schaufenster aus auf das markante Riesenrad in der Ferne. Ein Cappuccino, Baklava - und K'nafah (der Mann am Tresen freut sich, als ich das bestelle und richtig ausspreche). Jeder Bäcker (oder Koch) hat sein eigenes Geheimrezept für den cremigen Käse (im Original der Ziegenkäse aus Nablus / Palästina).
Danach weiter zum muß-man-mal-fotografiert-haben-Prater - das markante Riesenrad - der Eiffelturm Wiens ("Prater" ist tatsächlich nur die Bezeichnung des Geländes mit den Amüsierbetrieben darauf, so eine Art Freizeitpark, oder "Rummelplatz"). Soll ich am Ticketschalter für eine Fahrt auf dem Riesenrad Schlange stehen, neben einem Haufen Touristen und Plärrkindern? Ich überlege genau, lieber spare ich den zweistelligen Geldbetrag für ein Abendessen auf.
18 Uhr, zurück im Hotel, ich tausche die Netzstrumpfhose gegen die viel wärmere, schwarze Jeans. Ich habe die Idee, wieder am Naschmarkt Essen zu gehen ... vielleicht italienisch. Dort angekommen, merke ich, was nicht im Reiseführer steht - es ist Sonntag und die Bistros in der Marktpassage sind alle zu! Alles ist gottverlassen und verwaist, ich irre in der anbrechenden Abenddämmerung in den Straßenzügen rechts und links davon umher, auf der Suche nach etwas Eßbaren und finde nur asiatische Restaurants oder Bistros. Auf dem Rückweg zur U-Bahnstation entdecke ich letztendlich doch ein veganisches Bistro, das meinen (kulinarischen) Ansprüchen gerecht werden könnte. Ich bestelle ein veganes Bürgermenü, Saté mit Süßkartoffelpommes und Erdnußsoße. Es ist immer wieder interessant, wie ich ein Veganer-Bistro betrete - komplett in Lederkluft (Lederjacke, Lederhandtasche und -schuhe): Haut von toten Tieren. Ich bin (meistenteils) vegetarisch, mit Fisch und Leder, und esse eigentlich alles - außer Schwein (die sind dem Menschen zu ähnlich, arme Viecher).
20 oder 21 Uhr nochwas, wieder zurück ins Hotel, der letzte Abend in Wien. Ich könnte auch einfach so noch eine Woche dranhängen, ich habe keine Verpflichtungen, nichts hält mich in Deutschland - aber ich brauche meine Medikamente. Die Dosis, die ich auf die Reise mitgenommen habe, reicht nur noch für zwei Tage.

[28.04.19 / 21:45] Nächster Stop auf meiner Tour: der Wiener Zentralfriedhof, eine gigantische Anlage. Entlang der Hauptachse liegen einige sehr hübsche Grabsteinmonumente, eine Vielzahl an Ehrengräbern und Familiengruften - aber davon mache ich keine Aufnahmen. Im Gegensatz zu dem Friedhof St. Marx ist der Zentralfriedhof ein aktiver Friedhof mit gepflegten, frischen Gräbern, teilweise liegen die Toten hier erst ein paar Jahre. Aus Respekt vor den Angehörigen unterlasse ich jede Fototätigkeit.
Anders der Bereich des alten, jüdischen Friedhofs. Das Judentum ist eine andere Religion, jedes Grab wird nur ein einziges Mal benutzt und danach sich selbst überlassen. Bestückt mit meiner Fotokamera laufe ich wieder (die Wege entlang) über das große Gräberfeld. An einer Grabanlage bleibe ich fasziniert stehen und überlege, ob ich eine Fotosession starte. Es ist das Grabmal einer Baronin [Anm. d. Verfasserin: Ich habe es recherchiert, es ist das Mausoleum einer jüdische Industrieellenfamilie]. Zögerlich gehe ich weiter, nach ein paar Schritten muß ich mich wieder umdrehen - es zieht mich zurück. Ich habe auf meinem Telefon ein Foto eines alten Gemäldes, ein Portrait einer jungen und hübschen adeligen Frau, Mitte / Ende des 19. Jahrhunderts. Ich betrete das Grabmonument und vergleiche die Geburts- und Sterbedaten ... könnte passen. Ich weiß nicht, wer die Frau auf dem alten Portrait ist, und genausowenig, wie die Baronin ausgesehen hat - aber in diesem Moment sind beides die gleiche Person. Ich mache ein paar Probeaufnahmen, justiere die Kamera und den Selbstauslöser und starte meine Fotosession. Die Baronin und ich (die "Comtesse"), wir verstehen uns, ich bedanke mich für jedes einzelne Foto (für mich sind die Toten lebendig). Nach meiner (kurzen) Fotosession (endlich das wunderschöne Friedhofsbild, das ich mir gewünscht habe) verabschiede ich mich von ihr vor dem Grab mit einem leichten Knicks (wie sich das für eine Dame gehört) und fahre nach Verlassen des Friedhofs den Nachmittag mit der Straßenbahn zurück ins Zentrum von Wien.

[28.04.19 / 21:44] Der Tag für die Friedhofstour durch Wien, zuerst St. Marx am späten Vormittag und danach den Zentralfriedhof am frühen Nachmittag, idealerweise liegen beide Friedhöfe an derselben Straßenbahnlinie. Der Friedhof St. Marx: viele alte Grabsteine, teilweise mit Pflanzen verwachsen und überwuchert, ein wildromantischer Denkmalfriedhof mit morbidem Charme ... und nur wenige Besucher verirren sich bis hierhin. Ich bin eigentlich nur in Wien für eine Gothic-Fotosession, ich will endlich auch so ein Friedhofsbild von mir. Ein Grab scheint geeignet zu sein - auch wenn das Betreten der Grabplatte strenggenommen nicht erlaubt ist - ich versuche es trotzdem. Mit einer Mischung aus Respekt vor den Toten und doch wenig Berührungsängste starte ich meine Session ... "Grabsteinschubser". Eine bittende Geste in Richtung des Grabes vor jedem Betreten und dem Hin- und Herwechseln zwischen Kamerastativ, Selbstauslöser und umzäunter Grabplatte. Das Licht der Mittagssonne zwischen den Blättern der umgebenden, hochgewachsenen Bäume und Sträucher ist nicht gerade ideal für eine düstere Stimmung.

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Kommentar:

[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana

aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.

LG Daniele

Morgana LaGoth: Einige Kommentare müssen auch nicht allzu öffentlich sein …

[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,

Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.

Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Danke. Endlich wieder verreisen … lange darauf gewartet. Lebendig bleiben, solange es noch geht.

[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,

Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Vielen Dank, ich wünsche dir ebenfalls ein schönes, neues Jahr.

[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,

eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.

Morgana LaGoth: Danke dir.

[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana

Ich habe Dir eine Mail geschickt.

Lg
Daniele

Morgana LaGoth: Hey ... vom Lenkrad aus mit der Hand winken, von einem MX-5 zum anderen. *freu*

[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend

das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele

Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.

[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele

Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).

[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Dann wünsch ich dir jetzt noch viel mehr Glück bei deiner Genesung!

[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)

[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.

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