Meine erste DJ-Session - zwar ohne Publikum und damit nur so etwas wie eine Probe, aber immerhin, ich habe das Equipment endlich mal aufgebaut.
[07.03.21 / 14:46]✎ Meine erste DJ-Session - zwar ohne Publikum und damit nur so etwas wie eine Probe, aber immerhin, ich habe das Equipment endlich mal aufgebaut. Sonnabend Abend, die Playlist habe ich auf 120 Musiktitel reduziert - aber das sind immer noch viel zuviel. Den Gerätekoffer auf dem kleinen Wohnzimmertisch aufstellen, alles verkabeln, den Laptop mit der Musikdatenbank und der DJ-Software per USB mit dem Controller verbinden, alles einschalten. Die Lichter am Controller blinken auf, den ersten Titel testweise anspielen, die Anlage auspegeln ... es dauert eine Weile, bis ich das mit dem Drehregler für die Vorverstärkung entdecke und überhaupt ein Ton ausgegeben wird. Wie mache ich das über die Kopfhörer? Warum wird das Anhören des als nächstes zu hörenden Titel schon über den Master-Ausgang an die Anlage gesendet? Ach, dazu ist der eine Fader da und der Knopf zum "Routen" zum Kopfhörer...
Bereit zum Start, die virtuelle Plattenkiste voll mit Titeln aus dem Synth-Wave-Genre der letzten 35 Jahre (also eigentlich nur die 80er und die 2010er). Der erste Titel zur Einstimmung - ein Zwanzig-Minuten-Ambient-Track (der Teil, bei dem sonst die ganze Anlage und die Lichter auf der Tanzfläche getestet werden und die ersten Gäste - in einer richtigen Disko - mit ihrem ersten Getränk vorbeischauen). Dann geht es los, Wave aus Mitte der 80er aus Italien, ich habe keine vorgeschriebene Playlist, ich spiele "on the fly" und wähle spontan die Titel, die vom Gefühl her und vom Stil am besten passen könnten. Schnell beschränkt sich meine Playlist nur noch auf ein kleines Sichtfenster von 30 bis 40 Titeln, sortiert nach der BPM-Zahl (oder was die die Software denkt, das ist die richtige Geschwindigkeit - hier muß ich für die nächsten Sets wieder so wie früher eigenständig "tappen").
Von der gespielten Musik bekomme ich nur die Hälfte mit, ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, über die Kopfhörer den nächsten Titel auszusuchen, vorzuhören, die Stellen zu markieren, wo setze ich ein, wo starte ich den nächsten Titel. Es hilft enorm, daß ich nur Musiktitel ausgewählt habe, die mir aus meinen alten Radiosendungen vertraut sind, die ich schon im Kopf hören kann (ich brauche nur den Namen zu lesen). Das "Einfangen des Beats" und das automatische Anpassen der Geschwindigkeit und laufendes, punktgenaues Starten des nächsten Titels (daher die Markierungen) ist eine richtige Erleichterung. Vorbei die Zeiten von meinen alten Mixtapes, als ich noch bis auf 70 ms die Beats manuell überlagert habe. So bleibt mehr Zeit zum Vorhören.
Einmal verpasse ich meinen Einsatz, ein anderes Mal setze ich eine Rhythmusfolge zu früh ein ("Erschießt den DJ!") und das mit den zwei Fader und die Mix-Lautstärke für die beiden Decks habe ich noch nicht ganz raus (es braucht Übung). Aber das ich nur aus dem Gefühl heraus die nächsten Titel spiele und noch gar nicht weiß, wohin die Reise geht, ist schon etwas beeindruckend Neues für mich. Am Ende werden es zwanzig Musiktitel in zwei Stunden (wovon der erste schon zwanzig Minuten gedauert hat). Entgegengesetzt zu meinen alten Playlists, schraube ich mich nach dem Intro langsam hoch, bleibe in der Differenzspanne von etwa 10 BPM (gefühlt so bei 135 bis 145 BPM) und schließe dann mit einem heruntergefahrenen, langsamen Titel als Finale wieder ab (so einen mit einer endlosen Feedback-Schleife am Ende, wird gerne von den auftretenden Künstlern als Zugabe verwendet).
Gerne hätte ich die Nacht noch weiter aufgelegt, aber der Abbau selbst dauert auch wieder seine Zeit. Kurz vor Mitternacht, die Regler herunterfahren, die Geräte ausschalten, das große Deckenlicht wieder anschalten, Kabel abziehen, den Controller in dem stabilen Koffer verstauen und alles wieder aufräumen. Wieder ankommen in meinem kleinen Zimmer auf dem Dachboden, der Musikclub existierte nur in meiner Gedankenwelt. Notiz für die nächsten Sessions: die Playlists noch weiter detailliert ausarbeiten - ich kann nicht alle meine Lieblingstitel auf den Decks auflegen - die einzelnen BPM-Werte wieder selbst eintippen und die Übergänge üben (schon fünf Jahre außerhalb der Routine). Was ich beibehalte, ist die neugewonnene Flexibilität, auch mal die Anordnung in der Playlist zu "variieren" und einfach nach Gefühl zu spielen ... vielleicht auch irgendwann mal live.
Morgana LaGoth, ex-Oscilloworld DJane.
[05.03.21 / 15:10]✎ Nach düsteren Nächten folgen sonnige Tage. Neuzugang in meiner Schuhkollektion: die Keilsandaletten von vor ein paar Wochen und die neuen Wanderstiefel aka "Wald- und Wiesenschuhe" ... für Wald und Wiese. Der Sommer kann kommen (und ich habe noch haufenweise bunte und ungetragene Sachen vom letzten Sommer im Schrank, die ich damit kombinieren könnte).
[05.03.21 / 02:35]✎ Morgana verschwindet ... es waren nie die Tabletten, ich liege nach wie vor die Nächte wach und schlafe bis in den späten Vormittag. Die Wirkung der Rehaklinik verpufft geradezu innerhalb einer Woche, mein Tages- und Schlaf-Wachrhythmus gleicht sich rasend schnell wieder der Zeit davor an. Tief in der Nacht der Lärm der vorbeirauschenden, tonnenschweren LKWs auf der einen Seite, das kleine Fenster, dicht abgehängt mit einem dunklen Baumwollhandtuch und der immerwährenden und niemals aufhören zu dröhnenden Fabrikanlage in Sichtweite, auf der anderen Seite. Tausche Schlaftabletten gegen Ohrstöpsel aus wattiertem Knetwachs ... von der einen psychischen Abhängigkeit in die andere.
Den Mittag, zum Frühstück, liegen Briefe vom Jobcenter auf dem Tisch. Ich weiß genau: "Mach sie nicht auf! Laß sie liegen, verbrenne sie, wirf sie ungelesen weg!" Da steht nie etwas Gutes drin. Zu viele traumatische Erfahrungen. Mit einem unwohligen Gefühl öffne ich sie doch ... sie wollen Kontoauszüge und Einblick in mein Vermögen von vor zwei Jahren. Warum? Was geht euch das an? Die paar wenigen hundert Euro "Kapitalertrag" habe ich schon längst in Wien und auf Ibiza verjubelt. Damals noch, in der alten Zeit, bevor die ganze Welt unterging.
"Die Patientin konnte sich glaubhaft von Suizidgedanken distanzieren." Zitat aus dem Entlassungsbericht der neurologischen Reha. Was die nicht wissen, es nagt weiter an mir und wird auch nicht besser. Das ich die Antidepressiva abgesetzt habe, hinterläßt Spuren in meiner Seele. Mir wird dringend angeraten, eine ambulante Psychotherapie zu machen - oder zumindest noch einmal eine "richtige" psychische Reha zu beginnen. Mir wird das alles zuviel. Die Listen mit den Telefonnummern und Adressen der Therapeuten habe ich nach meiner Rückkehr nicht einmal mehr angerührt. Die Briefe, die da jetzt neu dazu gekommen sind (die beiden da oben in den beschriebenen Zeilen, in den häßlichen Briefumschlägen) tun ihren Rest.
In der Klinik, in den Gesprächen, ist meine erschreckende Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit aufgefallen - die ganze Welt hat gerade dieses Problem! Draußen die Menschen, von denen ich glaube, daß sie da sind (ich höre den Straßenlärm), wirken auf mich nur wie seelenlose Maschinen, die nur noch automatisch funktionieren. Es ist, als hätte man ihnen gesagt, daß sie tödlich erkrankt sind und es keine Heilung mehr gibt - und sie wollen es nicht wahrhaben. Klammern sich an die fixe Vorstellung, daß alles wieder wie vorher wird ... doch das tut es nicht. Für mich gibt es keine Zukunft mehr. Morgana stirbt ... ganz langsam.
So als erste Nachricht, heute und morgen bin ich in Quarantäne und darf das Einzelzimmer nicht verlassen (es hat aber eine große Balkontür, die ich öffnen kann, ich bin nicht eingesperrt). Das Essen wird mir noch die nächsten Tage gebracht - leider ohne irgendeine Auswahlmöglichkeit. In fünf oder sechs Tagen passiert der zweite Corona-Test und dann darf ich an den Therapien und den Mahlzeiten im Speisesaal teilnehmen (mit zugewiesenen Sitzplatz und Essen in zwei Durchgängen, ich habe glücklicherweise den mit dem späten Frühstück um 8 Uhr).
Damit mir nicht langweilig wird: Fernsehempfang gibt es nur mit 14 Sendern (die üblichen Verdächtigen), leider ohne 3sat und Arte. WLAN gibt es nur unten am Empfang, in der Lobby, gegen Aufpreis, und da komme ich jetzt nicht hin. Möglicherweise können in zwei Tagen schon die ersten (Einzel-)Behandlungen für mich starten. Ich habe aber genug Alternativen für mich eingepackt. [Anm. der Verfasserin: Mein Laptop mit meiner gesamten Musiksammlung.]
22.01.2021
Frühstück mit Blick nach draußen auf den Balkon vom Patientenzimmer. Schade, daß der Kaffee morgens schon eine Stunde früher kommt. [Anm. der Verfasserin: Westseite, hier werde ich noch schöne Sonnenuntergänge sehen.] Der erste Corona-Test vom Aufnahmetag ist negativ, die ersten Therapien (Physio und Ergo) beginnen für mich morgen Vormittag.
23.01.2021
Schnee in Sachsen
Frühstück kurz nach 7 Uhr, zwei Brötchen, Butter, Wurst, Käse, Marmelade in den kleinen Päckchen, eine halbe Thermoskanne Kaffee. Der Wurstaufschnitt ist wie abends, wahrscheinlich alles Schwein - Veganer würden hier verhungern (zum Glück sind Kaufhalle und Drogerie in der Nähe, da war ich gestern schon). Ich hoffe auf mehr Auswahl am Bestellautomaten vor dem Speisesaal, wenn der zweite Virusabstrich bei mir am Montag negativ ausfällt. Heute nur das Aufnahmegespräch für die verschiedenen Therapiegruppen (Rücken, Schwimmen, Fitnessgeräte und Korbflechten).
26.01.2021
Der zweite Test war wahrscheinlich auch negativ, ich kann ab morgen normal frühstücken, unten im Speisesaal (mit zugewiesenen Tisch).
27.01.2021
Nächste Woche dann ein Zwei-Stunden-Test mit mir für die "neuropsychologische" Diagnose. Was jetzt schon auf dem Plan steht: Zwei oder drei mal am Tag kleine Sportübungen für nur 20 oder 30 Minuten (Rücken, Gleichgewicht, Schwimmen). Der Tagesplan soll sich die nächsten Tage aber noch füllen.
Ich darf jetzt am Essen im Speisesaal teilnehmen und mir mein Menü selbst wählen - auf Zimmer in Quarantäne gab es (fast) jeden Tag nur Schwein (morgens, mittags, abends ... mit Beilagen).
28.01.2021
Jetzt endlich auch "vegetarisch" zur Auswahl. Was ich gut finde: Für die Schweinegerichte ist auf der Menükarte extra ein großes Schwein abgebildet. Wegen der aktuellen Situation gibt es kein Buffet, nur Ticket am Automaten am Eingang und das Essen wird am Tisch serviert. Übliches Krankenhaus- und Kantinenessen (aber genießbar).
Meine Quarantäne wurde mit dem Schwimmtraining* gestern beendet. Was auffällt: Alle Patienten laufen hier mit Turnschuhen und Trainingsanzügen herum, so etwas fehlt mir noch (ich habe nur leichte Gymnastikschuhe, eine Trainingshose und meine normale Straßenkleidung dabei). Das mit dem Sport ist nur in Kleinstgruppen und dauert allerhöchstens 15 Minuten, aber Turnschuhe mit Klettverschluß sind hier wirklich praktisch (Merken für nächstes Mal). Altersdurchschnitt der Patienten hier: 40 bis 80.
(*) Schwimmen mit so einer Schaumstoffrolle (oder anderen Behelfsmitteln) in unterschiedlichen Lagen und Richtungen. Interessanterweise wurde ich der Herrengruppe zugeteilt, damit habe ich die Damenumkleide für mich alleine.
30.01.2021
Hier liegt schon länger Schnee, die Wege in dem Kurpark neben der Klinik sind schon leicht angetaut.
Minibar
In der Drogerie war ich letztes Wochenende schon, die Kaufhalle heute Vormittag war doch etwas voll und unangenehm. Die Straße runter zu den Einkaufsmärkten und Discountern wird von mehreren Patienten der drei Kliniken in dem Ort genutzt (das sehe ich an den Spuren im Schnee und die höchst "verdächtigen" Menschen, die mir entgegenkommen), für alles, was es in der Klinik nicht gibt (z.B. Schokoladenkekse oder Handseife und Cremes). [Anm. der Verfasserin: Den kleinen Kiosk in der Klinik, unweit der Rezeption, habe ich erst später bemerkt.]
Gestern habe ich das erste Mal im "Fitness-Studio" der Rehaklinik an den Geräten trainiert, ungünstigerweise mit festen Winterschuhen (keine Turnschuhe dabei). Die Gymnastikschuhe (die ich noch aus der Tagesklinik habe) sind dafür ungeeignet, wegen der schweren Gewichte an den Geräten (sind eben nur für leichte Gymnastik gedacht).
31.01.2021
Das Wetter: Die Schneedeckecke ist nicht mehr ganz so dicht, der Boden und die Wege im angrenzenden Kurpark sind aber noch gefroren über Nacht. Aktuell blauer Himmel und Sonnenschein, Temperatur leicht im Minus (ich war schon den frühen Vormittag spazieren).
03.02.2021
Die Phase der schlaflosen Nächte, nach 8 Monaten ohne Kontakt sende ich meinem Ex-Freund eine Nachricht. Ich wünschte, er würde auch in so einer Klinik stationär einen Drogenentzug machen, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen: "Can I remove this number from my contacts?"
04.02.2021
Neuropsychologische Tests sind: Zahlen verbinden, Wörter merken, Wegstrecke planen, so abstrakte Formen und Muster aus dem Gedächtnis nachzeichnen (das war bei mir doch stark auffällig) und das mit dem Brett, drei Holzstäbe und drei Kugeln (so wie für Schimpansen im Labor, siehe "Planet der Affen" oder eine andere Filmszene). Neuropsychologisches Training ist das mit dem Computer, den Verkehrszeichen und schnell ganz große, bunte Tasten drücken. Kognitives Training ist aktuell so wie "Sokoban" (Kisten schieben) als Brettspiel.
Im Gegensatz zu meinem Psychiatrieaufenthalt vor genau zwei Jahren, ist hier nichts aufwühlend, ich habe eher Muskelkater, wegen haufenweise Sport (es geht überraschenderweise). Mein Cholesterin ist zu hoch, mir wurde schon eine "Ernährungsberatung" angeboten. (*die_augen_wegdreh*)
07.02.2021
Schon Schneechaos? Hier hat es nur die Nacht geschneit, der Ort unterhalb von Leipzig liegt auch südlich des prognostizierten Schneebands im Wetterbericht.
Jetzt habe ich auch mal das Café unten in der Klinik ausprobiert, ein Stück Mandarinenschmandkuchen und Cappuccino zum Mitnehmen den Sonntag Nachmittag. Es sind jetzt auch mehr jüngere Patienten da, als noch vor ein oder zwei Wochen. Die Gruppen für die einzelnen Therapien und Behandlungen (Ergo und Sport) sind aber nie fest, immer abwechselnd andere Teilnehmer. Das ist eine Rehaklinik, in der Menschen auf Krücken wieder Laufen lernen (von Schlaganfall bis Tumor ist alles dabei).
08.02.2021
Schneebilder austauschen
Das Foto ist der Blick auf die Terrasse (hinter der Glastür) auf die verschneite Glaspyramide über dem kleinen Hallenschwimmbad im 1. Untergeschoß. [Anm. der Verfasserin: Ich bin den nächsten Tag darunter durchgeschwommen.] Von den Therapeuten sind heute morgen einige nicht da. Das ich den Sport um 7:30 Uhr (vor dem Frühstück) absichtlich verschlafen habe, ist vielleicht noch nicht mal aufgefallen. Ich war kurz draußen, das sind locker 30 bis 40 cm Neuschnee und nur auf dem Klinikgelände etwas geräumt.
09.02.2021
In der Ergotherapie einen Korb flechten, meine Entlassung ist nächste Woche und ich habe in den zwei Stunden bis jetzt gerade mal den Boden fertig. Wenn die Ergotherapeuten nicht krank werden oder es fällt noch mehr Schnee oder andere Gründe, die zum Ausfall führen, bleiben mir vielleicht noch so drei Arbeitsstunden.
Aus der Sozialberatung: Den Antrag auf Teilerwerbsminderungsrente sollte ich möglichst schon jetzt stellen. Wenn ich die nächsten zwei Jahre nichts mehr in die Rentenkasse einzahle, verliere ich den Anspruch darauf. Ob die dann von der Rentenversicherung genehmigt wird, ist ein anderes Thema, weil körperlich habe ich ja nichts, nur psychisch.
Anderes Thema: Schwimmen um 11 Uhr, Mittagessen um 12 Uhr. Wer stellt den Therapieplan zusammen, ein Computer? Das ist so fast unmöglich für Frauen zu schaffen, ich brauche mehr extra Zeit für die Nachbereitung zurück auf dem Zimmer: Duschen, die langen Haare waschen, kämmen und trocknen und den Chlor sorgfältig mit klaren Wasser aus dem Bikini spülen (weil das Material dann irgendwann sonst durchsichtig wird ... regelmäßiges Schwimmtraining vor vielen Jahren).
11.02.2021
Ergotherapie: Vielleicht könnte ich auch einen Teller oder eine Schale daraus flechten. Hier gibt es auch ein Regal für Flechtkörbe ohne oder verlorenen Besitzer. (Aber ich will unbedingt endlich einen beenden und mit nach Hause nehmen ... den aus der Tagesklinik konnte ich schon nicht abschließen.)
13.02.2021
Notiz: FFP2-Masken - Die Dinger sollten nicht durchgehend länger als zehn Tage getragen werden, besser nur fünf (eigene Klinik-Erfahrung).
Heute mal Action in der Klinik, Feueralarm gegen 14 Uhr den Sonnabend. Am Sammelplatz fanden sich dann auch nur die üblichen 10 oder 20 bis 30 Raucher ... ganz gemächlich. Aber die Feuerwehr mit drei bis vier Fahrzeugen und Blaulicht war ziemlich schnell vor Ort. Angeblich ist ein Mitarbeiter "aus Versehen" an den Brandmelder gestoßen.
16.02.2021
Mir wurde eine "Fahrprobe" nahegelegt. Die Ergebnisse der ersten neuropsychologischen Tests waren doch etwas grenzwertig. Hätte ich da einen Wert unterschritten, wäre das vielleicht in dem Abschlußbericht gelandet. Neuropsychologische Therapie ist aktuell nur noch am Computer Auto fahren und Knöpfe drücken (bin schon dreimal zu schnell gefahren, zu viel Input) ... vielleicht etwas ungünstig, wenn ich das Wochenende vorher auf dem Handy "Road Rash" spiele und wild auf dem Gamepad herumklicke und die ganzen anderen Gegner vom Motorrad kicke.
Gedanken: Ich werde doch Donnerstag hier abgeholt? Frühstück geht bis 8:45 Uhr, Zimmer räumen wahrscheinlich vorher, dann warten in der Lobby (diese Prozedur sehe ich jeden Tag, wenn ich zum Frühstück gehe).
17.02.2021
Jetzt ist es eine Schale
Jetzt ist es eine Schale geworden.
18.02.2021
Zimmer bis 7:45 Uhr Frühstück bis 8:45 Uhr, und warten... Mein monatliches Datenvolumen im Mobilfunkvertrag ist mit dem letzten Abend in der Klinik aufgebraucht, das ist die Gelegenheit, endlich meinen VPN-Server über das unverschlüsselte WLAN für Patienten in der Lobby zu testen.
Vier Wochen in der Rehaklinik ... mit all den älteren Menschen, Rollatoren und Rollstühlen - das ergibt einen ganz anderen Blickwinkel auf die aktuelle Virus-Pandemie. Wir sind eins, wir sind zusammen und Mitgefühl ist enorm wichtig!
[10.02.21 / 20:56]✎ Ich muß meine aktuelle Funkstille aus der "Rehab Clinic"* doch unterbrechen ... die Praxis in München hat sich per Telefon bei mir gemeldet, sie gehen die Kontaktdaten bzw. Telefonnummern für die Warteliste auf die geschlechtsangleichende Operation durch und fragen nach dem aktuellen Status. Mein Termin im September 2021 - den ich bis jetzt emotional nicht geschafft habe, abzusagen - wäre dann, nach über vier Jahren Wartezeit, dran gewesen. Ich bin schon operiert. Auch wenn ich nach wie vor immer noch den Gedanken mit mir herumtrage, eine dritte und aufwendige Korrekturoperation zu wagen - und den letzten Funken Hoffnung, vielleicht doch noch irgendwann ganz normal als Frau Sex zu haben, nicht aufgeben kann - so wird dennoch meine Position auf der Warteliste gestrichen. Es bleibt die Option, mit dieser oder einer anderen Praxis einen neuen Termin auszumachen, um überhaupt herauszufinden, ob das bei mir da unten noch chirurgisch möglich ist.
(*) Interessanterweise bedeutet rehab clinic im Englischen etwas leicht anderes, als im Deutschen erwartet ... aber ich mag die Version, wie meine Rockstars in einer "Entzugsklinik" zu sitzen, um "clean" zu werden. Meinen mitgebrachten Tablettenvorrat habe ich mittlerweile aufgebraucht: die erste Woche hätte ich fast sieben Nächte ohne durchgehalten, die zweite Woche mußte ich die allerletzte Dosis rationieren, die dritte Woche ist die (schlaflose) Hölle und die vierte Woche steht mir noch bevor...
[13.01.21 / 20:03]✎ Der erste Eintrag im neuen Jahr, der erste Eintrag aus dem Untergrund, das geheime Tagebuch, der Spiegelserver, das Deep Web ... und so weiter. Aus dem Plan, in der Nacht zu Neujahr ein DJ-Set online zu streamen, ist leider nichts geworden. Abgesehen davon, daß ich auf meinem Laptop zuerst ein komplettes Upgrade des Linux-Betriebssystems durchführen mußte, um überhaupt erst eine neue Version der DJ-Software mit den nötigen Packages für den Controller zu nutzen, saß ich den ganzen Abend an dem kleinen Couchtisch und habe stundenlang die Playlist bearbeitet. Momentan umfaßt diese immer noch 50 Stunden Musik mit etwas über 500 Musiktiteln aus allen meinen Radiosendungen zwischen 1999 und 2015. Zuviel ... außer ich lege nonstop ein ganzes Wochenende auf (und dabei ist mir vollkommen entgangen, daß andere DJs aus meinem Szeneumfeld genau das den Silvesterabend gemacht haben - sogar mit Online-Schaltung zu interessanten Bands, die ich mag und kenne).
Die Tage danach ... die mystischen Tage und Nächte zwischen Sonnenwende, Neujahr und der ersten Kalenderwoche, auch bekannt als die "Rauhnächte" (hier keine Kleidung waschen). Ich sitze vor meinen drei Computerbildschirmen, ein Terminal eingeloggt auf meinem angemieteten Server weit entfernt in einer Großstadt, mein Laptop (genau der aus dem Textabsatz eben) und der Rechner an meinem PC-Tisch. Zeilen mit grünen Buchstaben auf schwarzen Hintergrund rattern in den Konsolenfenstern herunter, der Bildschirm des Laptops am Couchtisch zeigt zusätzlich noch die Oberfläche des Netzwerkanalyseprogramms Wireshark und zeichnet alle Pakete zwischen mir, meinem WLAN und dem Server irgendwo in Deutschland auf. "OpenVPN" steht in der Spalte für das verwendete Protokoll - ein Wahnsinnsgefühl, zu wissen, es funktioniert! Alle Pakete zwischen dem im WLAN eingeloggten Laptop (oder wahlweise meinem Smartphone) werden verschlüsselt im Tunnel zu meinem externen Server übertragen - und von dort aus weiter ins Internet (und zurück).
Hintergrund der ganzen Sache und der ganzen Bastelei an einem eigenen VPN-Server, ist der Gedanke, wenn ich demnächst ein paar Wochen stationär in einer Klinik bin und mich dort in das WLAN für die Patienten einlogge, dann brauche ich unbedingt ein funktionierendes VPN. Als Rückfallösung habe ich sicherheitshalber auf meinem Smartphone (und auf meinem Laptop sowieso seit längerem) den Tor Browser installiert, dieser sollte im Bedarfsfall die von mir aufgerufenen Internetseiten vollständig über HTTP absichern bzw. verschlüsseln. Mails gehen über TLS und Remote-Zugang auf meinen Server über SSH ... wie stehe ich denn sonst da, wenn ich ich mich als "IT-Testerin für sicherheitsrelevante Software" vorstelle? [Anm. der Verfasserin: Mein Blog im Internet sollte jetzt auch fehlerfrei über "https://" funktionieren.]
Dann wäre da noch die andere Sache ... beim Ausräumen der Wohnung unter mir, sind alte Bücher aus der NS-Zeit aufgetaucht, wem genau die mal gehört haben, wer die damals beschafft hat und warum die die ganzen Jahrzehnte von Kriegsende bis jetzt immer noch in dem Bücherschrank lagen, weiß ich nicht. Auf alten Familienfotos sehe ich vieles aus der Zeit, Kriegsbilder, Männer in Wehrmachtsuniformen, gefallene Großonkels auf Familienbesuch, die ich nie kennengelernt habe. An sich nichts Ungewöhnliches, ich bin nun mal in Deutschland geboren. Militaria kann ich verkaufen oder sammeln (ich hätte da noch was im Schrank...) aber diese drei, vier Bücher? Purer Haß, voller Gedankengift über "Rasse und Seele" und "Wie erkenne ich einen Juden, wenn ich ihm auf offener Straße begegne?" (Wahrscheinlich, um ihn dann schnellstmöglich totzuschlagen.)
In mir vibriert es, für die antifaschistische Sache! ich muß diese Bücher verbrennen, vernichten, auf daß nie wieder irgendjemand diesen Scheiß liest und sich davon beeinflußen läßt! Allein, wenn schon das erste Kapitel mit "Die Juden" anfängt ... aber werde ich dann nicht genauso?
Früher zu der finsteren Zeit wurden auch eine Menge Bücher verbrannt - und die Menschen damals waren auch sehr von ihrer Sache überzeugt. Und könnte es nicht auch sein, daß ich gerade Beweise vernichte? Um möglichst jede Verbindung zu dieser Zeit zwischen 1933 und 1945 und zu meinen Familienahnen zu kappen? Ich weiß nicht, was damals passiert ist, ich weiß nur von jetzt, mir wurde meine Nase gebrochen, ich wurde in der Straßenbahn angemacht: "Endstation Auschwitz" und ich wäre ganz bestimmt "damals vergast worden." Und ich war in Israel - und ich habe mich da unter den Menschen sehr wohlgefühlt. Die Bücher müssen weg.
Verbrennen kann ich die so einfach nicht im Garten, vielleicht ist durch die Lettern noch Blei in der Druckerschwärze, unter Umständen könnte noch dunkler Rauch aufsteigen und besorgte Nachbarn hinter ihren Gardinen und Fenstern die Nummer des Ordnungsamtes rufen. Ich stehe den Sonnabend in der Küche und lasse die Bücher eins nach dem anderen in den Papierschredder gleiten (so ein "Aktenvernichterding"). Ausgerechnet das Buch mit dem speziellen und beschichteten Fotopapier - ausgerechnet die Seite mit dem Schwarz-Weiß-Foto des "aschkenasischen, jüdischen Mannes" bleibt stecken und verheddert sich in dem Reißwolf. Ich muß es herausziehen, die untere Buchseite hängt in Fetzen, die obere Hälfte mit dem Portraitfoto von ihm ist intakt - als würde er mir sagen: Vergiß mich nicht. Ich schaue mir auch noch die andere Seite mit der bildhübschen und jungen, jüdischen Frau an ... beide sind schon lange tot. Nach Säuberung der Reißzähne von den Papierfetzen, gehe ich mit meiner Arbeit konsequent weiter. Die Unmengen von alten und vergilbten Papierstreifen mit einzelnen Buchstaben, gesetzt in Frakturschrift, landen in der Papiertonne vor dem Haus. Vier Bücher - von dieser Art - weniger in der Welt ... ich selbst habe mich nur getraut, die Bücher verkehrt herum auf dem Küchentisch liegend, die einzelnen Seiten herauszureißen, um auf keinen Fall irgend etwas von diesem niedergeschriebenen Nazi-Gift in meinen Kopf und meine Gedanken einfließen zu lassen.
Nach dieser dunklen Geschichte etwas Erheiterndes: Neue Schuhe für den Sommer! Ein Paar fabrikneue Sandaletten aus dem Onlineversand, mit Keilabsatz und rundherum einstellbar (Klett- und Schnallenverschluß) für meine Problemfüße (40, breit, hoher Knochen), superbequem und äußerst praktisch. Ich gehe fest davon aus, daß ich (und wir alle) diesen Sommer bald wieder verreisen können...
[Text freigegeben am 10.02.21 - Anm. der Verfasserin.]
[29.12.20 / 03:33]✎ Bilder, die ich nie veröffentlicht habe (bis jetzt). Das eine Foto vom November 2004 - die Session irgendwo im Schneematsch kurz vor Wernigerode - krame ich immer wieder hervor. Jedes Mal überlege ich, ob ich es nicht doch noch bearbeite und auf meine Seite packe. Die billige Kamera von damals, aus der Frühzeit der Digitalfotografie, lieferte so einen ganz besonderen "schmutzigen" Effekt - so wie in den Musikvideos diverser Underground-Bands der frühen und späten Neunziger, die auf den Musiksendern (die es alle nicht mehr gibt) über Satellit im Fernsehprogramm die Nächte gesendet wurden.
Das Foto (weil es so schön im Schnee ist) habe ich jetzt nur ganz leicht bearbeitet, Zuschnitt mit Letterbox auf ein 4:3 Videoformat (also von ursprünglichen 4:3 auf 3:2 und wieder zurück mit schwarzen Balken), die VHS-typische Farbverschiebung zwischen Rot und Blau, eine ganz leichte Bewegungsunschärfe und zum Schluß der obligatorische "Fernseheffekt" (die Maske mit den RGB-Punkten, hier habe ich mich nur für die Variante mit einfachen Linien bzw. Zeilen entschieden).
Der eingeblendete Text und das Logo oben in der Ecke ist eine Hommage an meinen alten Musiksender (es gab nur neun Folgen zwischen 2007 und 2008). Ein paar raubkopierte Videos von YouTube und jeweils fünf davon in einer Sendung zusammengeschnitten und mit den Texten für Interpret und Titel und Erscheinungsjahr (zwischen 1978 und 1995) unterlegt. Feinstes Material - Gothic, Wave und etwas Punk - von mir höchstpersönlich ausgesucht und auf meinem Musikvideo-Spartensender neben meinem offiziellen Webradio als nettes Extra für die Zuhörer auf meiner alten Internetseite präsentiert. Alles das gibt es nicht mehr.
Fette Party im neuen Jahr? Endlich mal den DJ-Controller auspacken, an den Laptop anschließen und auf meinem Server einen höchst illegalen Stream starten? "First time live on decks: Morgana LaGoth (ex-Oscilloworld Radio DJ) !!!"
[27.12.20 / 01:49]✎ Das letzte Mal die Nächte am Wochenende vor dem UKW-Radio verbringen, das letzte Mal der Nachtclub auf NDR Info ... (ist ja nicht ganz vorbei, der zieht im nächsten Jahr nur um auf einen anderen Digital-Sender und einen anderen Sendeplatz).
So viele schöne und für mich unbekannte und unentdeckte Bands, speziell aus den Genres Wave und Post Punk (und ähnliches) so viel Neues gehört. Den Flair, um kurz vor 2 Uhr nachts (wirklich) gute Musik zu hören, werde ich vermissen.
[18.12.20 / 17:29]✎ So viele Optionen ... ich könnte mit meiner Seite ganz offline gehen oder ein Paßwort setzen. Ich könnte das Blog-Modul deaktivieren - die Einstellungsmöglichkeit mit der Checkbox im Backend habe ich extra einprogrammiert. Ich könnte aber auch nur alle kommenden (und vielleicht sogar die alten) Blogartikel auf "privat" setzen, das wäre in meinem CMS der Status: "Warten auf Freigabe" - mit dem Nebeneffekt, die Kommentarfunktion bleibt erhalten (für eventuelle "Fan-Fiction" oder ähnliches).
Warum eigentlich? Was zieht mich herunter in die Nachdenkphasen? Ist es, weil mein Tagebuch mich an einigen Stellen schon überholt und ich von Dingen schreibe, die ich noch gar nicht erlebt habe? Ist es, weil ich meinen Blog-Kodex nicht mehr strikt einhalte? "Keine medizinischen Sachen, keine finanziellen Dinge, niemals über etwas schlecht schreiben, was andere vielleicht gut finden - und niemals, wirklich niemals darüber schreiben, wo ich mich in der Zukunft aufhalten werde, sondern immer nur darüber, wo ich in der Vergangenheit war." (Letzteres bezieht sich speziell auf Ortsangaben.)
Das Schreiben kann ich nicht so einfach aufgeben oder vorübergehend pausieren, das Internet ist mein Psychotherapeut. Ich hätte immer noch meinen Backup- und Spiegelserver, auf dem nur ich Zugriff habe...
In den 18 Jahren, die meine Seite seit 2002 online ist, war die erste Triade die Zugriffsstärkste ... einfach weil es nicht viele andere TS gab. Danach habe ich für sehr lange Zeit hier nur Selbstgespräche geführt. Seit meiner geschlechtsangleichenden Operation im Sommer 2018 und meinem Bericht darüber, steigen die Zugriffszahlen wieder und mein Blog überschreitet die Wahrnehmungsschwelle in den Ergebnislisten der Suchmaschinen im Internet. Nicht viel, aber spürbar (also in den Logfiles erkennbar).
Zeit zum Abtauchen, irgendwie das machen, was meine Musik-Ikonen in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern mit ihren Kunstfiguren gemacht haben. Baue ich damit nicht gerade einen Kult auf? Zu unbedeutend, zu introvertiert, zu weltfremd und nur in einer Phantasiewelt lebend. Vielleicht ist es aber auch ... weil ich das Gefühl habe, ich wiederhole mich hier nur noch.
Epigone: "The Rise and Fall of Morgana LaGoth."
[17.12.20 / 18:32]✎ So wie zur Sonnenwende die (neue) Wohnung ausgeräuchert wird, so wird zum Jahresende im Dezember das eigene Leben ausgemistet und alter Ballast abgeworfen. Ich entschlacke mein Bewerbungsprofil für die Stellensuche im Internet und entferne über die Hälfte an "Fähigkeiten und Fachkenntnissen" - den ganzen Kram, den ich mir nur hobbymäßig angeeignet habe, in denen ich sowieso nur Laienkenntnisse besitze (und die für Personaler nicht relevant sind). Weniger ist mehr ... mein Profil sieht jetzt auch viel professioneller aus.
Tag Zwei des zweiten Lockdowns und der zweiten Welle der Viruspandemie in Deutschland. Nach dem neusten Dialog mit meiner Ärztin, gehöre ich so gar nicht mehr zu der relevanten Risikogruppe, höchstens nur noch: "...formell." Nach den Werten auf ihrem Bildschirm auf dem Schreibtisch in dem Behandlungszimmer und meinem letzten Blutbild vom September - und meiner obskuren "80-Prozent-Hochrechnung" - noch ungefähr 600 T-Zellen / µl und ein stabiler Verlauf. So schlecht geht es meinem Immunsystem gar nicht. Momentan trage ich eine neue Gesichtsmaske im modischen Tarnfarben-Camouflage.
Fast ein Jahr (präzise seit März 2020 neun Monate) ohne den Zauber ... mir ist erst jetzt bewußt geworden, wie viele schöne Abendkleider ich da im Schrank hängen habe, kein einziges davon getragen diesen Sommer. Keine Festivals, keine Konzerte, keine glitzernden Clubnächte. Schwarze Schnürstiefel und Punkerkutte geht jeden Tag.
Wie empfinden das die Menschen da draußen? Vom unveränderten Straßen- und Zivilisationslärm, der von draußen durch die (geschlossenen) Fenster in meine Wohnung dringt, spüre ich keine Veränderung zum normalen Alltag. Die Katastrophennachrichten im Fernseher schalte ich gelangweilt weg, die Propagandaschlachten um den neuen, allrettenden Impfstoff tangieren mich nicht. Ich stehe zwar auf der Seite der Medizin und Wissenschaft - und war sofort dabei, als die Warn-App online veröffentlicht wurde (das Konzept an sich ist genial) - aber der Impfstoff? Ich befürchte, wenn der ausgereift auf dem Markt verfügbar ist und alle bedenkenlos damit versorgt werden können, ist die globale Viruspandemie schon längst wieder am Auslaufen. Die Medizinforscher erleiden dasselbe Schicksal wie die Programmierer der Warn-Software: "Könnte ja ’was Böses ’hinter stecken, dem traue ich nicht!" (Nicht mein Zitat.)
Zurück zum Anfang des Textes ... wie so oft und in der dunklen Zeit immer wiederkehrend, denke ich darüber nach, Morgana mal wieder sterben zu lassen - damit sie sich im neuen Jahr als Feuervogel aus der Asche neu emporheben kann - so als rituelle Reinigung. (Und bitte dieses Mal nicht höchst besorgt die Polizei rufen, das ist nur literarisch und spirituell gemeint.)
Prosatext in Kursiv!
[10.12.20 / 22:58]✎ Jetzt wird es knifflig ... Post vom Jobcenter. Mit Ablauf des kommenden Monats Januar (nach dem Jahreswechsel) endet auch schon wieder der kurze Bewilligungszeitraum für die "Arbeitslosenstütze". Ich habe tatsächlich nicht aufgepaßt und den Antrag auf Hartz IV im August einen Monat zu früh gestellt, von den sechs Monaten (die mir "Corona-bedingt" zustehen) werden mir nur fünf ausgezahlt, der erste wurde mit dem regulären Arbeitslosengeld auf Null gegengerechnet ... Pech gehabt. Hättest du mal genauer hingeguckt, steht extra da: "Rückwirkend auf den Ersten des Monats, in welchem Sie den Antrag gestellt haben!"
Den Weiterbewilligungszettel fülle ich nicht aus, dafür hätte ich zuerst mein bescheidenes Vermögen aufbrauchen müssen (von den paar Kröten, die das abwirft, finanziere ich meine angemieteten Internetserver). Durch die Viruspandemie und der in den Abwärtsstrudel gerissenen Wirtschaft, sieht es auf dem Arbeitsmarkt momentan nicht so besonders gut aus ... und ich weiß auch nicht, ob ich überhaupt noch in der IT-Branche arbeiten will. So eine Punkertranse im schwarzen Kapuzenhoodie erfüllt so gar nicht das Rollenbild eines "seriösen Ingenieurs" ... war ich an dem Punkt nicht schon einmal? Zurück in die Vergangenheit: 2009 - ich verbrenne meine wertlose Diplomurkunde mit meinem alten männlichen Namen drauf (nur bildlich).
Irgendwo muß die Kohle jetzt herkommen, die Krankenversicherungsbeiträge werden ab Februar mein angespartes Guthaben rasch auffressen. Vor der bewilligten Reha im nächsten Jahr ist es eigentlich sinnlos, noch irgendwohin Bewerbungen rauszuschicken ... was ich sowieso schon seit einiger Zeit nicht mehr tue (ich habe von den Dingen und technischen Fachbegriffen, die da in den Stellenanzeigen immer genannt werden, absolut keine Ahnung und noch nie von gehört oder gelesen).
Plan B ... im Internet vor der Kamera nackt ausziehen und für Geld herumräkeln? Die bald neu eingerichtete Wohnung ließe das vielleicht zu ... aber ich werde nächstes Jahr schon Vierzig - bin ich nicht da ein wenig zu alt für? Nur weil ich einmal vor fast zehn Jahren (mit blutjungen 29) in einem Hotelzimmer irgendwo im Hannover Rotlichtviertel von einem älteren Herrn etwas als Bezahlung angenommen habe, nach erotischen Dienstleistungen, macht mich das nicht gleich zu dem Ex-Escort-Girl mit umfangreicher Erfahrung in dem Geschäft.
Weiter abwarten ... die Viruspandemie aussitzen, offen für Neues sein, mich aus festgefahrenen Strukturen und Klischees lösen. Ich bin weder die Edelprostituierte, noch der besonders fleißige IT-Ingenieur ... ich bin einfach nur eine unverheiratete Frau in ihren späten Dreißigern, die den ganzen Nachmittag vor dem Computer sitzt, an ihrer Internetseite herumbastelt, das CSS hin- und herschiebt, einen Blogartikel schreibt und sich dann den Abend auf der Couch vor dem Fernseher in ihre Leopardendecke hüllt und Science-Fiction-Serien auf ihrem Stream-Abo ansieht (und das letzte Stück Schokolade "verschwinden" läßt).
Plan B streichen, Plan C: Einen reichen Kerl angeln und bis spätestens 40 verheiratet sein.
3:30 Uhr, nachts, ein Badezimmer, im Halbdunkeln beleuchtet, ein weißes Waschbecken, rechts und links mit breiten Ablageflächen, ein großer Spiegel reicht bis runter an die Kante des Beckens mit einem in Chrom glänzenden Wasserhahn. Über dem Badezimmerspiegel, der die volle Breite ausnutzt, befindet sich eine Leiste mit drei gelblich-weiß leuchtenden Halogenlampen, von den drei Lampen leuchtet nur noch eine, die anderen beiden sind schon lange ausgefallen.
Eine Hand streicht über die weiß schimmernde Keramikfläche links neben dem Waschbecken ein paar Krümel und Pulverreste einer soeben mit einer Rasierklinge zerteilten Tablette zusammen, ungeachtet der hygienischen Zustände, wird das weiße Pulver über die Kante der Badezimmergarnitur in die darunterliegende, andere Hand geschoben, aufgefangen, mit einer Bewegung zum Körper hin in den Mund eingeworfen, mit einem Schluck Wasser nachgespült, die letzten, weißen Krümel mit der Zunge von der Handfläche abgeleckt - und was an Pulverresten noch über ist - mit der Nase aufgesaugt und durch die Atemwege gezogen.
Zurück im Schlafzimmer, ein winziges, senkrecht stehendes Fenster in der Dachgaube, geschlossen und an den Fensterkanten oben und rechts neben dem Fenstergriff, in den Ritzen mit dicken Baumwollhandtüchern notdürftig ausgestopft, ein kalter Windzug zieht trotzdem noch hinein. Fern abseits am Horizont, beim Blick nach draußen in die Nacht, leuchtet eine Fabrikanlage, angestrahlt von großen Scheinwerfern, einen Lichtkegel in den dunklen Himmel werfend - ein ohrenbetäubender, alles durchdringender und niederfrequenter Schall zerreißt die nicht und niemals vorhandene Stille der Nacht ... jeder Nacht.
Ein mit schweren Steinen beladener Güterzug rangiert quietschend auf den Gleisen des Güterbahnhofs zwischen dem Wohnhaus mit dem kleinen Dachgeschoßfenster und der ein paar hundert Meter weiter entfernten Fabrikanlage hin und her. Der seit zwei oder drei Jahren durch den fehlenden Regen, ausgetrocknete und in dieser Gegend sonst übliche Moorboden überträgt jede Vibration - alles in dem kleinen Zimmer wackelt und scheppert.
Ein Konvoi an LKWs rauscht an der ausgeschalteten Ampelkreuzung dicht neben dem Haus vorbei, eine Umgehungsstraße wird den Einheimischen schon seit 30 Jahren versprochen - seit diesem Jahr existiert auch schon am Ortsrand eine Geisterkreuzung ins Nichts - aber wann dort wirklich mal eine Straße gebaut wird, ist unklar. Wer hier wohnt, zieht entweder weg oder ist durch andere Umstände gebunden und gefangen ... und stirbt irgendwann.
"Diese Kleinstadt in der tiefsten Provinz hat ein ernsthaftes Drogenproblem ... wo doch alle so glücklich sind?"
[29.11.20 / 03:27]✎ Noch mehr Blut ... ich sieche so dahin. Den Kampf gegen die Pilzinfektionen habe ich schon aufgegeben (der halbe Fußnagel ist weg), jetzt kriechen die ganzen Bakterien, einen Meter höher, durch die Harnröhre meines angegriffenen Körpers. Typisches Frauenleiden. Harnröhrenentzündung ... eklig, mit blutigen Ausfluß.
Das so etwas nach der geschlechtsangleichenden Operation mit der verkürzten Harnröhre bei mir dann häufiger auftreten kann, das hatte ich schon, vielleicht vorher, in Gedanken - aber daß das auch blutet? Und ich dachte, Transfrauen bluten "da unten" nur einmal - nach der großen Operation. Irgendwo im Badschrank habe ich noch eine halbe Packung Damenbinden / Slipeinlagen, wenn sich das nicht die nächsten Tage bessert...
Corona Lockdown - Irgendwo auf der anderen Seite der Welt sterben hunderttausende Menschen ... und irgendwo auf dieser Seite der Welt geht das Leben normal weiter. Alle Menschen gehen arbeiten, alle Menschen gehen einkaufen - nur jetzt eben mit einem Stück Papierfetzen unter und über der Nase. Und es gab dieses Jahr irgendwie keine richtige Urlaubsreise. Die Menschen, die hier unbeachtet sterben, sterben alleine, isoliert in ihren Wohnungen, isoliert in einem Krankenhauszimmer.
Betrifft mich das auch? Momentan wird im Netz diskutiert, ob ich mit meiner chronischen Erkrankung (die "MS") und der immunmodulierenden Therapie (die mit dem Risiko für "schwere Lymphopenie") überhaupt zu einer besonders schützenswerten Randgruppe gehöre. Ich könnte bei dem nächsten Arzttermin in der neurologischen Praxis in zwei oder drei Wochen mal wieder nach einer Blutabnahme fragen ... gefühlt bin schon wieder kurz vor der Definitionsgrenze zu AIDS. (Auch wenn es mir moralisch schwerfällt, mich mit den wirklich tragischen HIV-Patienten zu vergleichen - ich müßte einfach nur meine Medikamente absetzen, mich mit einer ungewissen Zukunft arrangieren, als "matschige Tomate" leben ... wenn ich nicht vorher schon an PML krepiere.)
Düstere Gedanken. COVID-19 ... und bis vor wenigen Tagen war meine einzige Sorge, ob meine Kreditkarte noch gedeckt ist, damit ich mein monatliches Amazon-Prime-Abo bezahlen kann, damit ich in meiner häuslichen (und selbstgewählten) Isolation immer mit "Seriennachschub" versorgt bin.
Zu etwas Anderem ... die Renovierung der Wohnung unter mir geht voran, die Küche kann ich so übernehmen (da steht schon meine Minibar aus Leipzig drin), das "Schrankzimmer" ist auch schon fertig. Schlafzimmer, Flur und Wohnzimmer fehlen noch (das sanierte Bad muß ich noch umgestalten). Ich lasse meine ganzen Vorstellungen für das Innenraumdesign in die laufenden Arbeiten mit einfließen ... woher meine Inspirationen für die "Themenzimmer" kommen, wird erst nach und nach sichtbar: Swingerclubs, Laufhäuser, Bordellwohnungen und schummrige Nachtclubs mit Rotlicht. Bis die neue Wohnung einzugsbereit ist, vergehen noch einige Wochen.
Mehr passiert momentan nicht...
[13.11.20 / 14:38]✎ Drei Monate nach der Antragstellung, der Bescheid mit der "vorläufigen Bewilligung" vom Jobcenter. Ich traue der ganzen Sache noch nicht. Warum überlappt sich der Corona-bedingte sechsmonatige Auszahlungszeitraum der "432-Euro-Stütze" mit dem letzten Monat meines regulären Arbeitslosengeldbezugs im August? Warum wird dieser Monat dagegengerechnet und abgezogen? Hätte ich den Antrag auf Hartz IV doch erst im September stellen sollen - und nicht so pflichtbewußt (wie ich es getan habe) zwei oder drei Wochen bevor das Arbeitslosengeld ausläuft? Bescheißen die mich etwa? (Nicht, daß das auf Gegenseitigkeit beruht...)
Wie ist das in dem "Behördengeschwurbel" ein paar Blätter weiter gemeint, das mit der "Erstattung von Überzahlungen" nach "abschließender Entscheidung" des "monatlichen Leistungsanspruchs" - blickt da überhaupt jemand durch? Muß ich irgendwann nach einem Jahr das alles wieder zurückzahlen, weil dann die "vorübergehende Aussetzung der Vermögensprüfung" rückwirkend wieder eingesetzt wird? So viele Fragezeichen.
Wie einfach war das noch vor neun oder zehn Jahren, als ich mittellos nur ein paar Zahlen in das Antrags- oder Weiterbewilligungsformular gekritzelt habe und mit der Kohle nach Kalifornien abgehauen bin...
Zumindest die Beiträge für die Krankenkasse sind noch für die nächsten zweieinhalb Monate gedeckt.
[07.11.20 / 22:19]✎ Ich werde hier noch verrückt ... eingeschlossen in der Isolation. Alles was ich tun kann, ist dagegen anzutanzen. Das Strobo-Effektgerät allein in meinem Zimmer, mein Schatten an der weißen Wand. Über den Computer und die Lautsprecher läuft auf der Streamingplattform Twitch schon den ganzen Tag (und noch die ganze Nacht) eine Online-Spendenkampagne der Gothic-DJs rund um die Welt mit Livesets: "Light It Black".
Seit März (wenn nicht sogar Februar) - keine Partys, keine Discos, keine Clubs, keine Tanzflächen, nicht Ausgehen, nicht Menschen treffen, keine Kontakte, keine körperlichen Kontakte ... kein Sex! Ich gehe ein.
Die Musiker und die DJs, die von ihrer Musik leben, trifft es hart. Es bricht alles weg. Ich mache meine Musik nur hobbymäßig, mein DJ-Koffer steht seit dem Sommer weiterhin ungeöffnet in der Ecke (ich baue immer noch meine Musiksammlung auf). Während ich (zurück von der "Tanzfläche" / Wohnzimmerteppich) vor dem Computer sitze und den Online-Stream mit der aufgelegten Musik beobachte, bastle ich an dem anderen Bildschirm daneben an dem Booklet für mein neues Album (eine Zusammenstellung aller meiner Singles auf CD).
Keine Arbeit, keine Kontakte, keine Perspektive, keine Hoffnung - nur die wirre Vorstellung, wenn das alles vorbei ist, beruflich etwas "vollkommen Neues" zu machen (von dem ich noch nicht einmal weiß, in welche Richtung das gehen soll).
(Kleines Update: Ich habe etwas investiert ... in ein neues, "professionelles" Headset, für Online-Videochats!)
[07.11.20 / 14:04]✎ Knapp drei Monate, seit ich meinen Antrag auf Hartz IV gestellt habe - bewilligt (oder abgelehnt) ist immer noch nichts. Es kommen nur alle paar Wochen (bzw. Monate - seit September!) Briefe bei mir zu Hause an ... mal fehlt noch dieses oder jenes Formular (die habe ich doch schon dreimal ausgefüllt und abgeschickt!), mal sind "Unklarheiten", mal muß ich weitere neu erdachte Formulare und Nachweise noch "fristgemäß" nachreichen. Stasi-Methoden. Es wird auf Zeit gespielt, hinausgezögert, ich werde wie bei einem Verhör unter Druck gesetzt, bis ich einen Fehler mache und mich in Widersprüche verwickele. Ziel ist es, etwas zu finden, um den Antrag abzulehnen. Das das Geld auf meinem Konto seit mehreren Wochen immer weniger wird (kommt ja auch nichts mehr rein) - egal. Das ich seit zwei Monaten faktisch gar keine Krankenversicherungsbeiträge mehr zahle (oder abgeführt werden) und daß ich eine Krankenversicherung eigentlich dringend benötige - weil die monatlichen MS-Medikamente mit mehreren tausend Euro für mich ansonsten unbezahlbar sind (amerikanische Verhältnisse) und weil ... weil ich sonst auch keine Hormone mehr auf Rezept bekomme (der Alptraum aller Transpersonen) - auch egal.
Menschen, die nie Leistungen beim Jobcenter beantragt haben, wissen nicht, wie es da abläuft. Das sind keine netten Menschen! Stellt euch einfach mal vor, was deutsche Behörden in der jüngeren Geschichte schon alles gemacht haben: Gestapo, Stasi, Repressalien, Willkür, Machtmißbrauch. Eins zu Eins. Der bedürftige Antragsteller (in meinem Fall die bedürftige Antragstellerin) ist nur ein "asoziales Element" - Abschaum der Gesellschaft.
Ich wollte nie wieder Hartz IV beziehen ... die Jahre zwischen 2009 und 2012 haben mir emotional zu sehr zugesetzt.
[05.11.20 / 14:58]✎"Niemand hat gesagt, daß es einfach wird." Kurz nach 3 Uhr nachts suche ich wieder den Badezimmerschrank nach Schlaftabletten ab. Die letzten Nächte waren gemischt, einige vollkommen normal - mit um Mitternacht Einschlafen und um 8 oder 9 Uhr wieder Aufwachen - andere hingegen schwer ... mit Alpträumen, stundenlangen "Gedankenrausch-Phasen", langes Wachliegen und Herumdrehen. Ich will von dem Zeug wegkommen, jedes Mal, wenn ich eine von meinen Tabletten einwerfe, für gewöhnlich so zwischen 2 oder 4 Uhr die Nacht, bin ich den nächsten Tag kurz vor Mittag, beim Aufwachen, extrem träge, mürrisch, mies gelaunt - und es dauert noch Stunden bis in den frühen Nachmittag, bis ich wieder halbwegs normal in meinem Kopf bin.
"Die letzte Tablette! Es gibt keine mehr! Da mußt du jetzt durch!" Das letzte Viertel der mit der Rasierklinge gestückelten Antidepressiva- und Schlaftablette werfe ich erneut gegen 2 Uhr nachts, vor dem Badezimmerspiegel stehend, ein. Die Wirkung verpufft geradezu, zurück im Bett liegend, unter dem ganzen Streß, es könnte meine letzte gewesen sein und da ist keine mehr im Medizinschrank im Badezimmer. Was mache ich, wenn ich wirklich mal eine brauche? Panik, Gedanken. Irgendwann schlafe ich trotzdem ein.
Die zweite Runde, etwa 24 Stunden später: "Die Packung ist leer! Es ist alles weg! Da sind jetzt wirklich keine mehr!" Ich lege mich die folgende Nacht schon kurz nach Mitternacht in mein Bett, an meinem Plan, alle Geräte mit Bildschirm schon vor 0 Uhr auszuschalten, halte ich mich - ich habe sogar den Dark Mode auf meinem Smartphone aktiviert, mit Zeitschaltung! (Und ebenso wie auch den Fernseher und den Computer dann ausgeschaltet.)
Hin- und herwälzen, ständig erneut von Null bis Hundert zählen, die Atmung anpassen und verlangsamen, jedes Mal ein "Gedankenstop!" laut denken, sobald die Gedanken wieder anfangen zu kreisen. (Die üblichen Themen, was wird aus mir ohne Arbeit und Beruf, ohne Geld und ohne soziale Kontakte?) 2 Uhr nochwas: Da im Schrank im Badezimmer liegen irgendwo noch solche leichten Tabletten aus der Drogerie, die noch nie gewirkt haben. Ich stehe auf, gehe ins Badezimmer, schalte das Licht vor dem großen Spiegel ein, öffne das Schränkchen neben dem Waschbecken und suche nach der Packung ... alles vollgekramt, irgendwo dahinten ist sogar noch eine - wahrscheinlich leere - Schachtel mit dem anderen, härteren Zeug. Ich breche eine Tablette aus der Packung mit dem leichten Drogerie-Zeugs.
Zurück im Bett ... hin- und herwälzen, ständig erneut von Null bis Hundert zählen - hatte ich das nicht eben gerade schon? 3 Uhr die Nacht: Ist die Packung mit den anderen Schlaftabletten wirklich leer? Das klang nicht so, als ich die vorhin in der Hand hatte und mal geschüttelt habe. Zurück ins Badezimmer, geradezu ein sich seit Jahren festgefahrenes, allnächtliches Ritual. Ich räume mitten in der Nacht das Regal in dem Badezimmerschrank neben dem Spiegel und dem Waschbecken leer. Es ist voller Pappschachteln mit den unterschiedlichsten Tabletten, Pillen und Mittelchen gegen alles was mich so plagt (Erkältungszeugs, Schmerzmittel, leicht und heftig, diverse Cremes gegen alle möglichen Haut-, Nagel- und Schleimhautpilze - mein Immunsystem ist definitiv runter).
Ich öffne die hervorgekramte Packung mit den schlaffördernden Antidepressiva - und da sind wirklich noch zwei Blister drin. Zweimal zehn Stück, umgerechnet auf jede Tablette auf ein Viertel durchgebrochen, könnte ich damit noch die nächsten 80 Tage bzw. Nächte durchkommen. Und so hat sich mein Vorhaben, in den kalten Entzug zu gehen, in Luft aufgelöst. Alles beim alten, keine Veränderung, ich habe nicht mal zwei Nächte durchgehalten.
[01.11.20 / 12:35]✎Corona Lockdown 2020 #IchBinDieseRisikogruppe - Ich werfe jetzt einfach mal so einen Hashtag in den Raum. Mein Immunsystem ist durch die schweren MS-Medikamente, die ich nehme, ständig auf einem bedenklich (wenn nicht sogar gefährlich) niedrigen Niveau ... keine Ahnung, ob das jetzt vom medizinischen Standpunkt aus für oder gegen ein "erhöhtes" Risiko spricht. (Der Hashtag kann von allen weiterverwendet werden.)
[27.10.20 / 23:13]✎ Ein paar Wochen nach der letzten IPL-Behandlung, das Telefonat den Tag. Ich mache für die nächste Zeit keine weiteren Termine mehr, auf der linken Wange habe ich nur ein einziges, dunkles Haar entdeckt ... und außerdem werde ich für die nächsten Wochen (oder Monate?) wohl nicht mehr aus dem Haus gehen wollen (die Viruspandemie). In spätestens fünf Jahren werden sich wieder genug neue, dunkle Haare "zusammengerottet" haben (die Heilkräfte des eigenen Körpers nicht unterschätzen) und dann kann ich eine weitere, kosmetische Haarentfernung starten.
[21.10.20 / 15:55]✎...oder etwa doch nicht? Der Brief mit dem Datum meiner bevorstehenden Reha überrascht mich nicht wirklich - mit einer etwas längeren Wartezeit habe ich gerechnet (es sind noch drei Monate). Aber was sich da gerade herauskristallisiert ... es ist gar keine "psychische" Reha - es ist eine neurologische Rehabilitation. Es geht hier nur um meine kognitiven Beeinträchtigungen - also die MS-typische Fatigue.
Bin ich am Ende vielleicht gar nicht verrückt? Wurde ich nur in diese Richtung gedrängt und abgeschoben? Die letzten Nächte waren wieder sehr intensiv, Mitternacht ins Bett gehen, fünf oder sechs Stunden wach liegen und grübeln, fünf oder sechs Stunden anschließend schlafen - bis Mittag. Zeit genug, um über alles nachzudenken.
Was, wenn ich ganz am Anfang, als ich mit der Arbeitsstelle in der Ingenieur- und Softwarebranche angefangen habe und mir mit meinen neuen, übertragenen Aufgaben viel Zeit gelassen habe - um alles ganz genau und richtig zu machen, die Arbeitsschritte dreimal zu wiederholen, alles noch einmal zu überprüfen - weil ich wußte, ich mache Fehler mit meiner nicht so guten Konzentration ... und das irgendwie vom Management negativ aufgenommen wurde? Das ich MS habe, habe ich lieber als furchtbares Geheimnis für mich behalten [Anm. der Verfasserin, fast bis zum Schluß, aber da war es schon zu spät].
Die Abwärtsspirale setzt sich in Gang: "Frau K. macht zu viele Fehler. Frau K. hält die Termine nicht ein." (Frau K. übertragen wir ab jetzt keine Aufgaben mehr.) In tödlicher Langeweile ziehe ich von da an, frustriert und demotiviert, nur noch "Kreise mit dem Mauszeiger" auf dem leeren Arbeitsbildschirm. Weiter die nächsten Wochen, Monate, Jahre, unzählige schlaflose Nächte, Depressionen, Selbstmordgedanken ... jeden Tag mit dem Auto durch diese gespenstische Baumallee auf dem Weg zur Arbeit fahren. Frau K. muß von ihrem Arbeitsplatz entfernt werden.
Die Geschichte läßt sich in meinen Tagebucheinträgen nachlesen, mir wurde nahegelegt, mich auf unbestimmte Zeit krank schreiben zu lassen, mich in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen und danach (ein halbes Jahr später), mit enormen psychischen Druck und vollgepumpt mit Psychopharmaka, "freiwillig" den Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Immerhin, ich bin aus diesem Scheiß Laden (ein nicht näher genannter, großer, deutscher Technologiekonzern) raus. Es stört mich nur, daß ich so behandelt wurde, wie Menschen mit MS noch einige Jahrzehnte vorher, abgeschoben in Heilanstalten und Kliniken, zusammen mit all den anderen psychisch Kranken, reduziert auf die Stufe des: "Für die produktive Gesellschaft nicht mehr tragbar." (Oder von keinem Nutzwert.)
Ich verbringe wirklich viele Stunden die Nächte mit Nachdenken. Das ich auch noch eine transsexuelle Frau bin - die in diese ultrakonservative (und in Teilen erschreckend faschistoide) Gesellschaft weder hineingehört, noch in dieser erwünscht wird, ist nur der dritte Pfeiler in meinem ganzen Gedankenkonstrukt.
Die Gesellschaft ist nur so stark, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht.
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)
[14.11.17 / 20:13]Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
Kommentar:
[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana
Mail ist heute rausgegangen
LG Daniele
[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana
aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.
LG Daniele
[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,
Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.
Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.
Liebe Grüße
Daniele
[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,
Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.
Liebe Grüße
Daniele
[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,
eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.
[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana
Ich habe Dir eine Mail geschickt.
Lg
Daniele
[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea
[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
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