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Morgana LaGoth (808 Einträge):

Grüße aus der Vergangenheit, mein altes Ich – eine Foto-Collage.

[29.11.22 / 02:00] Grüße aus der Vergangenheit, mein altes Ich – eine Foto-Collage.

Von links nach rechts, oben nach unten:

Poser-Foto mit Disassembler / Dezember 1998 / Alter 17
Foto für die Abizeitung / Mai 2000 / Alter 18
Ausweisfoto beim Team Oliv / Oktober 2000 / Alter 18
Foto für einen Programmierwettbewerb / Februar 2002 / Alter 20
Die Drogen-Fotoserie 1 / April 2002 / Alter 20

Promo-Foto für meinen Radiosender / April 2002 / Alter 20
Profilfoto für meine Internetseite / Oktober 2002 / Alter 20
Poser-Foto mit Hexeditor / Februar 2003 / Alter 21
Die Drogen-Fotoserie 2 / Juni 2003 / Alter 21
Profilfoto als Psycho / August 2003 / Alter 21

Profilfoto als DJ und Klangkünstler / September 2003 / Alter 21
Videoausschnitt aus dem Menhir-Film / Februar 2004 / Alter 22
Foto-Grüße an eine Freundin / September 2004 / Alter 22
Poser-Foto mit Gitarre / Juni 2005 / Alter 23
Ausschnitt aus einem Musikvideo / August 2005 / Alter 23
Ein nie verwendetes Profilfoto / August 2006 / Alter 24

[16.11.22 / 03:19] Dinge, die mir in einer weiteren schlaflosen Nacht durch den Kopf gehen (schreib es auf, dann ist es weg). Innerhalb des letzten Jahres kam es zu massiven Schäden in meinem Gehirn, flächendeckend, überall, winzige Läsionen … so viel, wie nie zuvor. Es ist keine Einbildung, es ist da, es ist sichtbar – im MRT! So viel kann nicht einfach ohne spürbare Auswirkungen bleiben, vielleicht ist es bei mir nicht körperlich, aber dafür psychisch?
Zu viele Scheiße ist passiert, zu viele Verluste (familiär), beruflich alles Kacke, dreimal rausgeworfen, davon zweimal: „Du brauchst morgen nicht mehr wiederzukommen.“ Aus dem Leben gerissen. Der (seelisch) Halt gebenden, täglichen Routine. Nichts ist sicher.
Den Abend wenige Stunden zuvor schon wieder die täglichen Mails gelesen und die Absagen – ohne, dass die sich jemals näher für mich interessiert hätten – in meine Tabelle archiviert. Zugegeben, bei meiner letzten Arbeitsstelle war ich doch schon irgendwie sehr überfordert. Ich kann 35 Stunden arbeiten, nur wie ich es tue, ähnelt mehr der heranführenden Beschäftigung von „Reha-Patienten“, langsam und tunlichst darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Was bleibt noch von mir? Ich bin immer weniger der Mensch auf meinem Lebenslauf (manchmal wirkt der nur, wie ausgedacht).

Ich könnte auch meine alten Tagebucheinträge von 2009 bis 2011 lesen, dort müssten dieselben Zweifel und nächtlichen Notizen stehen … Warum nimmt es mich immer noch so sehr mit? Wieso geht das Leben an mir vorbei und wieso ist die vorgespielte Normalität anderer Menschen für mich ein erstrebenswertes Ideal? Ich zerbreche daran, das niemals zu erreichen. Es macht mich kaputt.

[12.11.22 / 01:45] „Die neue Herbstkollektion ist da!“ Schön, dass martialische Springerstiefel wieder „in“ sind (auch ohne Stahlkappe). Ein Paar extra-lange Schnürsenkel in oliv (oder gleich in camouflage) würde die Militanz noch viel besser akzentuieren … In Kombination mit einem längeren, schwarzen Kleid – der Blickfang auf der nächsten Gothic-Party!

[09.11.22 / 23:19] Mein Plan, gesellschaftlich aufzusteigen, ist gescheitert. Das der letzten Monate angelegte Vermögen, muss ich wieder aufbrauchen, ohne jemals mein Ziel der finanziellen Unabhängigkeit erreicht zu haben. Die Fixkosten lassen meine beiden anderen Konten innerhalb der nächsten zwölf Wochen auf Null schrumpfen. Der bereits gekündigte Mietvertrag verschlingt noch die Hälfte dessen.
Absagen über Absagen, es hat keinen Sinn, mich für Arbeit zu bewerben. Ich sehe, dass die Stellen, nachdem ich meine Unterlagen gesendet habe, ein interessantes und versprechendes Telefonat geführt habe, nur wenig später wieder neu ausgeschrieben werden. Die enttäuschende Antwort, sofern sie jemals gesendet wird, kann ich schon erahnen, noch bevor sie mich erreicht. Nichts Unbekanntes für mich, Jahre der phasenweisen Langzeitarbeitslosigkeit liegen hinter mir. Sie gibt mir das Gefühl, als Frau nicht erwünscht zu sein.
Ich experimentiere, probiere, krame ein altes Bewerbungsfoto von vor zwölf Jahren von mir heraus – der Mann der ich war – schmücke meinen Lebenslauf damit, vernichte alle weiblichen Attribute von mir, ändere die ausgeübten Berufe und Abschlüsse wieder in die alte und männliche Form … vielleicht auch in „divers“, nur um einen Tag später alles wieder zurück zu ändern, ohne diese Variante der Bewerbungsunterlagen jemals zu versenden. Es gibt kein Zurück in mein altes Ich, das ebenso wenig glücklich war. Ich bin zu lebend gern eine Frau und darf mich nicht an mir selbst verraten.
In extremen Nächten reißt mich die innere Unruhe nur nach wenigen Minuten im Liegen aus dem Bett, treibt mich zum ziellosen Umherwandern gegen fünf Uhr morgens in die Kälte der Dunkelheit auf die Straße nach draußen. Keine Menschen, ich bin allein. Wie es weitergeht? Ich weiß es nicht.
Die ganzen Singlebörsen und Dating-Portale im Internet, bei denen ich mich angemeldet habe und für ein paar Wochen – oder nur einen Tag – ausprobiert habe, alles wieder gelöscht. Verschwunden, ohne Spuren zu hinterlassen … scheinbar. Die neuen Narben in der Seele sitzen tief.
Es dreht sich alles. Wiederholungen, mein Leben existiert nicht wirklich. Alles ist bereits schon einmal geschehen, ich bin müde vom Zusehen. Innerlich zurückgezogen, nach außen keine Kontakte mehr. Alles was mir bleibt, ist das Warten. Warten auf die ungewisse Zukunft. Kein Zurück.

Und schon wieder die nächsten Reisen gesucht: Istanbul? Wien? Oder London? Da bin ich zuletzt, jung mit siebzehn, alleine herumgestreunt. Alles Geld heraushauen. Es ist mir alles egal …

(Ich hoffe, ich konnte meine momentane Gefühlslage kompakt in einen Tagebucheintrag verpacken.)

[29.10.22 / 18:56] Dinge, die hier nicht stehen: die kurze Last-Minute-Pauschalreise nach Tunesien.

Am Flughafen abends angekommen, den ersten Fußstapfen auf afrikanischen Boden. Das abgerockte Zimmer in dem zum Saisonende fast leeren Hotel im Nirgendwo an der langezogenen Bucht.
Der Hamam als Spa und Sauna nur für Frauen, drei Behandlungen mit Massage gleich für die nächsten sechs Tage im Voraus gebucht. Das ultraflache und kristallklare Meer. Der schwarze Bikini. Die Sonnenuntergänge am Strand und das hübsche Kraftwerk im Hintergrund: „Magnifique!“
Die Medina in Monastir und die aggressiven Händler, die einen in den Laden ziehen und fast alles verkaufen können. Die schwarze indisch-arabische Tunika. Das Gefühl, durch die lebendigen Straßen zu laufen, wenn das Tageslicht verschwindet.
Die Quad-Tour durch das Hinterland und die Olivenplantagen, die ich nach der ersten Kurve schon wieder abgebrochen habe (weil ich als Motorradfahrerin überhaupt nicht damit klarkam) und dann einfach beim Tour-Guide als Sozia mitgefahren bin.
Die Alleingänge (während die Familie die Tage andere Touren unternahm) und die Flirtversuche eines Gastes, die ich schon gleich wieder abgewiesen habe. Der grüne Bikini. Der Sand überall.
Die ewig gleiche Song-Playlist an der Hotelbar und die drei Gläser Wein, jeden Abend eins.
Der Nebel an dem einen Morgen über den Pool und den Strand und das Wissen, dass der Sommer nicht ewig andauert. Zurück in der Altstadt einen Haufen überteuerten Tinnef eingekauft, vom Fünffachen auf das Zweieinhalbfache heruntergehandelt. Einen Kaffee trinken mit Blick auf die Kreuzung, den Verkehr und das Minarett zum Mittagsruf dahinter. Der Ribat in Monastir als kultureller Ausflug (um wenigstens etwas von der Geschichte des Landes zu erfahren) – aber eigentlich nur, um die Perspektive der Kamera einzufangen, dessen Film einer nicht näher genannten, britischen Comedy-Truppe hier vor über 40 Jahren entstand: „Romani ite domum“. Die leichten Schnürschuhe mit den rosa Schnürsenkeln extra für das steinige Terrain. Das andere bunte Kleid / die Tunika mit den eingenähten Taschen, der freundliche Hinweis beim Herausgehen aus der Festung, mein Telefon nicht griffbereit darin verschwinden zu lassen, es lieber in die schwarze Umhängetasche mit dem Reißverschluss zu stecken. Einen zweiten Kaffee in einer ruhigen und begrünten, schattigen Ecke weit abseits. Die Taxifahrer, die einen überall hinbringen, nur nicht immer da, wo ich eigentlich hin wollte.
Und … das scharfe Essen, Tunesier essen sehr scharf, ich auch.

[11.10.22 / 23:25] Unterwegs zu einem Rave in Leipzig. Was ziehe ich an? Die Auswahl liegt schon seit längerem bereit: mein grünes Spitzenkleid, das Pfingsten noch zurück im Schrank bleiben musste, und meine neue Clutch als trägerlose Handtasche für ihren ersten Einsatz. Die Schuhe, die ich eigentlich anziehen wollte und mein Outfit perfektioniert hätten – die schwarzen Plateau-Pumps – muss ich kurzfristig doch mit anderem Schuhwerk ersetzen: die schwarzen Stiefeletten mit Absatz, die ich schon in Paris anhatte. Es wird zu kalt die Nacht von Freitag auf Sonnabend das zweite Oktoberwochenende. Auch die 24 Stunden zuvor gekauften und brandneuen absatzlosen 14-Loch-Schnürstiefel (die meine alten Springer ersetzen werden) muss ich stehenlassen – zum die-erste-Nacht-Durchtanzen sind diese noch ungeeignet. Meine schwarze Lederjacke mit dazu, die Tragetasche ins Auto und den Freitag Abend zu dem Hotel (das wie immer) auf der Autobahn nach Leipzig.
OK … das Zimmer ist winzig, ich wusste gar nicht, angekommen in dem Hotel, das die auch so kleine Einzelzimmer haben, dafür ist die Ein-Personen-Matratze so gut wie unbenutzt und die kleinen Fenster an der Wand in dem etwa Gefängniszellen-großen Zimmer lassen sich immerhin aufklappen. Für Frischluft ist gesorgt und die Zimmertür kann ich selbständig von innen öffnen und verschließen. Mit Hauptaugenmerk auf „öffnen“ (ja … ich war schon einmal eingesperrt). Zum Schlafen reicht es, wenn ich später den Morgen nach der Disko wieder zurück bin.
Make-up auftragen, Feuchtigkeitscreme (vorher Duschen), schwarzer Kajal und üppig Mascara. Die YouTube-Tutorials zum Auftragen von mehrfarbigen Lidschatten, lasse ich doch lieber sein, so talentiert bin ich nicht … erst recht nicht ohne die Brille aufzusetzen. Das Geheimnis, warum ich so dunkel geschminkte Augen habe: alle schwarzen Striche gehen halbblind kreuz und quer daneben und dann „verblende“ ich alles großflächig mit einem Pinsel.
20 oder 21 Uhr, das grüne Kleid habe ich schon vor dem Auftragen der Schminke angezogen, meine schwarze Leggings, meine schwarzen und hohen Stiefeletten, das Mitgenommene für die Nacht auf das Nötigste reduziert und alles in meine Clutch sortiert unter Ausnutzung jeder freien Ecke. Meine Lederjacke, die Schlüsselkarte für das Hotelzimmer in der Hand, das Zimmer verlassend. Ich gehe aus … in die Oper.
Es ist dunkel draußen, mit der Straßenbahn steige ich an dem Platz in der Innenstadt vor der Oper aus, tatsächlich kommen da wirklich Gäste heraus – es muss so 22 Uhr nochwas sein – fein angezogen mit meiner kleinen Handtasche unter dem Arm mische ich mich unter die Gäste, die dann nach der Abendvorstellung in dem benachbarten italienischen Schnellrestaurant noch etwas Essen wollen. Für mich Bruschetta und einen kleinen Salat. Weiter gegen 23 Uhr zu dem Club für diese Nacht … der junge, biertrinkende „Pöbel“ an der Haltestelle mit der einfahrenden Straßenbahn sieht so gar nicht aus, als würden die auch zu dem Opernpublikum gehören, eine interessante Gemengelage.
Der Club – eine Leipziger Instanz – liegt im Süden dieser Stadt, eingerahmt von neuen Gebäudekomplexen und Baucontainern, die es auf den alten Satelittenfotos noch nicht gab. Dieser Club wird bald verschwinden und ich war hier noch nie (ein Techno-Schuppen). Nach einem etwas längerem Fußweg die Straße entlang erreiche ich den Einlass und die kleine Warteschlange davor. Es dauert, bis diese mit mir darin Meter für Meter eins vorrückt. Ich bin aufgeregt, wird es Türsteher geben? Sehe ich gut aus? Habe ich die richtigen Schuhe an? Ich mache mir zu viele Gedanken von Dingen, die es gar nicht gibt, die nicht passieren werden. Der Einlass ist unkompliziert, ein nettes Awareness-Team: „Hab einfach Spaß.“
Mit großen Augen (es ist dunkel) erkunde ich das Gelände hinter dem Einlass, finde die Tür in den Club, die Garderobe, den Raum mit der ersten Tanzfläche und der ersten Bar. House-Musik wird aufgelegt. Meine Lederjacke / die Punkerkutte lasse ich halbgeöffnet noch an, der Club muss sich noch füllen und aufheizen. Auch die zweite Tanzfläche, deren Eingang die Treppe runter ich erst noch erfragen muss, ist noch nicht eröffnet, sie macht erst Mitternacht auf. Ich bestelle mein erstes Getränk, tausche dann doch meine Jacke gegen eine Marke und beobachte die Gäste … so viele junge Menschen, so viele interessante Menschen!
Mitternacht – runter zu der zweiten Tanzfläche, überaus exotisch, visuell ansprechend, ästhetisch eingerichtet. Links die einladende Bar mit den Lichtern unter dem Gewölbe, rechts die dunkle Tanzfläche mit den großen und doch sparsam eingesetzten Lichtern. Ich fühle mich berauscht. Diese Tanzfläche füllt sich sehr schnell und bleibt für die ganze Nacht mein Favorit. Die angekündigten DJs versprechen viel, die Musik dreht ins harte, Techno-lastige, die durch die PA sich aufbauenden und basslastigen Schallwellen lassen meinen Körper bis auf die kleinsten Haare erbeben. Ich bin so fasziniert … ich muss in der dunkelsten Ecke die Wand ertastend ein eigenartiges Bild abgeben und werde von dem (möglicherweise) Awareness-Team schon angesprochen, ob alles mit mir in Ordnung ist. Ich fühle mich so überwältigend und entrückt, ich könnte auch auf Drogen sein.
Ich verschwinde die nächsten Stunden immer wieder in die tanzende Menge, die Dunkelheit, die aufleuchtenden Lichter, der Nebel. Ich kann mich zu der stampfenden Musik mit rhythmischen Körperbewegungen in Trance bringen – einzig meine Anteilnahme und Vorsicht, nicht mit den anderen Gästen zu kollidieren, verhindert, dass ich mich komplett fallen lasse. Die Flasche Club Mate in der einen Hand, die schwarze Clutch in der anderen (sie macht sich gut und es fühlt sich doch freier an, als mit einer schwereren Handtasche über die Schulter).
Ich wechsele zur Bar mit den beruhigenden Lichteffekten, eine Chill-Out-Area wäre nicht schlecht gewesen – die Bar tut es auch und dämpft den harschen und technoiden Klang. Weiter die Unisex-Toiletten oben, eine Kabine speziell für FLINTA wird angeboten? Schade, dass genau auf der das Klopapier alle ist (ich brauche Klopapier). Im Spiegel mein Outfit und meine Haare richten, weiter zu der Tanzfläche oben.
Auch hier stehe ich ein paar mal an der Bar, beobachte die andere Tanzfläche, beobachte die anderen Gäste. Ein Mann fällt mir besonders auf, er ist älter als die anderen … könnte auch mein Alter (oder mehr) sein. Ich sehe ihn nur einmal. Getränk bestellen … mein obskurer Wunsch auf einen „Cola-Tonic-Mix“ wird mit der Lautstärke nicht verstanden:
„Gin-Tonic?“
„Nein! Cola-Tonic!“
„Whisky-Cola? Oder meinst du Rum-Cola?“
„Nee“, ich gebe es nach mehreren dieser Dialogfragmente auf und deute dann doch auf meine leere Club-Mate-Flasche, „jetzt doch lieber das!“
„Wodka-Club-Mate?“
„Keinen Alkohol!“, ich bin merkwürdig?
Auch auf der Tanzfläche oben tanze ich mal, den Moment, als ich mir draußen kurz die Sterne angesehen habe und in der Lounge-Ecke etwas durchatmen konnte, höre ich ein interessantes Mash-up mit einem meiner alten Wave-Helden aus den Achtzigern. Ich muss auch hier oben mal tanzen.
Irgendwann fällt mir auf, dass es wieder weniger Menschen geworden sind, der eben noch volle Club leert sich langsam wieder. Wie spät ist es? Das Smartphone mit der Uhr liegt eigentlich griffbereit in der Außentasche meiner gut sortierten Clutch (und ja, ich musste ihm mal wieder eine unbeantwortet werdende Textnachricht schreiben), ich schaue nach: Vier Uhr dreißig. OK … ich werde dann auch mal wieder langsam gehen.
Meine Lederjacke hole ich an der Garderobe ab, die paar Schritte raus aus dem Club und auf ein vorbeifahrendes Taxi warten, eines steht wenig später (in der Kälte) auf der Kreuzung und biegt nicht ab … es wartet und ist damit meins, ich gehe hin und steige ein. Wieder zurück zum Hotel, alleine, keinen Mann kennengelernt (allerhöchstens ein paar Wörter mit dem Taxifahrer, welcher auch meinem „südländischen“ Beuteschema entspricht). Die Nacht war nur für mich zum Tanzen, Ausgehen, Leben.
Im Bad des Hotelzimmers das Make-up entfernen, mein entledigtes grünes Spitzenkleid verströmt das charmante Aroma von Chanel und Zigaretten. Die winzigen angekippten Fenster hatte ich die ganze Zeit meiner Abwesenheit zum Lüften offen, in der Kühle der Nacht auf dem schmalen Bett an der Wand ein paar Stunden schlafen, alle meine Sachen schon so griffbereit zurechtgelegt, dass ich den Sonnabend späten Vormittag alles schnell wieder zusammenpacken kann. Gut organisiert möglichst die Zeit bis zum Check-out mit dem längstmöglichen Schlaf füllen, ich muss den bevorstehenden Tag noch ein paar hundert Kilometer Autobahn fahren – und vorher noch ein Frühstück finden.

Wenige Stunden später, 10 oder 11 Uhr, ich stehe auf, eines dieser kleinen Zimmer in denen wirklich alles in Griffweite verstreut liegt. Den Check-out schaffe ich mit meinem leichten Gepäck ohne Probleme … dieses Mal habe ich das Zimmer bezahlt (logisch). Mein Auto steht auf dem Hotelparkplatz, ich bin so pünktlich, ich entscheide mich für ein Frühstück bei meinem Lieblings-Bäcker/Café nur wenige Autominuten weiter im Norden von Leipzig, in der Nähe meiner alten Wohnung. Zwei Croissants, Nuss-Nougat-Creme, Obst und ein Kaffee an diesem sonnigen und doch windigen Oktobermorgen (eigentlich Mittag). Und ein Stück Kuchen … wenn ich schon einmal hier bin, nehme ich ein Stück Leipziger Eierschecke mit! Für den Nachmittag, für meine Zweitwohnung in „SZ-XXX“.
Die Autobahn weiter die Harzroute nach Salzgitter – nur ein Routinebesuch, nachsehen ob in der verlassenen und immer noch angemieteten Wohnung alles in Ordnung ist. Der Weg führt mich an Wernigerode vorbei, hier will ich den einen Rastplatz anhalten. Der Sturm fegt über das planierte Gelände, die vorbeirauschenden Autos und die paar LKWs erzeugen ein unheimliches Dröhnen. Die Hügelkette erkenne ich wieder, mein Auto lasse ich stehen und laufe ein paar Schritte, irgendwo dahinten auf dem Acker steht er: „Der Menhir von Benzingerode.“
Vor vielen Jahren, eine Ewigkeit, gab es diese Autobahn hier noch nicht, das war immer mein Lieblingsplatz mit der mystischen Aura. Die Energie, die „zwei Sonnen“, die ich hier mal gesehen habe (ein meteorologisches Phänomen mit Eiskristallen), die Menschen aus dem Neolithikum haben hier vor tausenden Jahren nicht ohne Grund einen Kultplatz aufgebaut und einen Hinkelstein aufgerichtet – jetzt ist es ein Autobahnrastplatz, ein Sakrileg! Das Opfer der modernen Zeiten.
Zurück die nächsten Kilometer am Steuer und halb in meinen Gedanken an die letzte Nacht, wenn ich mich unter Trommelklängen (oder harten stampfenden Bässen) in Trance tanzen kann, wäre ich dann vor tausenden von Jahren eine Schamanin geworden? Oder kann das auch jeder Mensch, irgendetwas muss meine Zweigeschlechtlichkeit und meine Transition ja bedeuten … ?

[24.09.22 / 16:12] documenta fifteen – Mein Werk existiert nur für einen kurzen Moment, einmal den Rücken zugewendet und es verschwindet sofort wieder unter den Stiefeln und Knien der nächsten Zeichnenden. Gekritzelt, hinterlassen, weggewischt und weggefegt auf der riesigen Interaktions-Kreidemalfläche, irgendwo in einem der großen Ausstellungsräume, irgendwo an einem der vielen Veranstaltungsorte verstreut in Kassel …

[01.09.22 / 19:30] „Der Mann aus Zimmer XXX hat seine Schlüsselkarte nicht mitgenommen“, kurz nach sechs Uhr stehe ich wieder angezogen in Jeans und Tunika, mit meiner Lederjacke und meiner Handtasche an der Rezeption.
„Sie wollen abreisen? Wie ist ihr Name?“, der Hotelmitarbeiter schaut in das Buchungssystem.
„Mein Name steht da nicht“, ich überlege erst noch, wie ich in meiner Rolle als Escort-Girl eine amüsante Spitze loswerde und darauf hoffe, dass „mein Klient“ wenigstens das Zimmer bezahlt hat, aber dafür mich nicht, als sich alles schon auflöst. Er hat wirklich die Kosten für das Zimmer übernommen. Wenn er zurückkehrt, muss er an der Rezeption nach der Karte fragen, sie ist dort hinterlegt.
Die paar Schritte den kühlen Montag Morgen zur Straßenbahnhaltestelle am Baumarkt, den fernen Stadtrand. Andere Leute gehen jetzt zur Arbeit, ich komme von da. Mit aller Anmut einer Dame des anrüchigen Gewerbes schreite ich dahin.
Zurück am Leipziger Hauptbahnhof, die Zeit bis zur Abfahrt auf dem Gleis gegenüber reicht gerade noch so für einen doppelten Espresso im Pappbecher und ein Schokobrötchen in der Tüte. Wenn ich wieder in Magdeburg bin, nehme ich ein zweites Frühstück, dann aber eine Porzellantasse. Der Pendlerzug ist ebenso voll wie alle Züge des Wochenendes und sowieso der letzten drei Monate für das Aktionsticket, das, so wie ich, anscheinend sehr viele Menschen ausgiebig genutzt haben. Im Zug versuche ich etwas weiter zu schlafen, die große Sonnenbrille schützt meine Augen vor der durch die dichte dunkelgrau-blaue Wolkendecke immer wieder durchstechenden Morgensonne. So viele Punk- und Gothic-Konzerte, die ich mit dem Zug noch vor vielen Jahren quer durch Deutschland bereist habe.

Magdeburg Hauptbahnhof, den Reißverschluss der Punkerkutte halb geöffnet, den nächsten Bäcker in dem Food-Court des gegenüberliegenden Shoppingcenters angepeilt, wenigstens da drinnen sollte ich mal meine Sonnenbrille abnehmen.
Komische Menschen, gehen zur Arbeit, an dem Stehtisch mit zwei viel zu niedrigen Barhockern, die anderen beobachtend, schlürfe ich meinen zweiten Espresso und esse ein weiteres Schokocroissant … oder war es umgekehrt? Wenige Meter weiter, die Rolltreppe runter, verschwinde ich wieder auf der Damentoilette, das Wasserlassen brennt. Zurück am Waschbecken zum Händewaschen mache ich mich frisch, Zähneputzen und die langen, blonden Haare kämmen. Blick in den Spiegel. Ich habe gleich noch meinen 9:30 Uhr Termin bei meiner Frauenärztin. Ihm habe ich die Nacht vorher noch erzählt, dass alles was er da unten kaputt macht, morgen die Ärztin sehen wird. „My pussy's a wounded soldier.“ Endlich kann ich dieses Zitat anwenden.
Wenig später in dem Untersuchungszimmer der Praxis auf dem Gyno-Stuhl, tastet sie alles ab, die Haut ist tatsächlich an der oberen Seite, nahe der Klitoris, leicht eingerissen, die Spuren der Nacht. Auf ihren ärztlichen Rat sollte ich vielleicht davon Abstand nehmen, mir da alles von den Männern, unter extremsten Schmerzen reindrücken zu lassen. Die kleine Hautfalte ist dafür einfach nicht ausgelegt. Sie tastet auch meine Brüste ab, ich nehme seit Januar schrittweise mehr Hormone, es fällt auf, ich passe wieder in mein A-Körbchen. Eine Brustvergrößerung mit Implantaten lehne ich weiterhin entschieden ab! Sie sind genauso schön, wie sie sind (nur leider zu selten beachtet).
Selbstbewusst zurück zum Bahnhof und weiter in mein heimatliches Provinzkaff. Dort angekommen in meinem Badezimmer (und nach einer Dusche) bedecke ich meine Vulva und alles was in ihr drin ist, mit einer umfassenden, weißlich-gelben Schicht an pflegender und beruhigender Wundsalbe für sehr empfindsame Hautpartien. Sie sieht niedlich aus, die kleine Ritze, so weiß eingecremt.
Mein „Freund-Ex-Freund“ wird sich nicht weiter bei mir melden, eine Nachricht von mir an ihn, ich danke dir so sehr, dass du mir wieder die Angst vor dem Sex genommen hast. So viel Zeit ist vergangen, zweieinhalb oder drei Jahre – ich glaubte mich wieder in meiner zweiten asexuellen Phase – und doch bin ich wieder wie vorher, abenteuerbegierig mit der Lust auf neue Männerbekanntschaften. Die in echt, nicht die mit dem Online-Dating und den Video-Calls, die mir letztendlich gar nichts bringen (und bei denen nie etwas Erwähnenswertes passiert ist). Nur das da unten … meine Frauenärztin hat es erneut angesprochen, bin ich wirklich so glücklich damit? Noch eine weitere Operation mit einer wesentlichen Vertiefung (oder Neukonstruktion) birgt ein immenses Risiko, nur um die Männer – nur um mich – beim Sex zu befriedigen (mir ist das mit den Schmerzen bewusst). Weiter in die noch kommenden Nächte … (Ende Teil 3/3)

[31.08.22 / 19:35] Der Bahnhof im Nirgendwo ist verlassen. Wo bin ich hier? Ich laufe eine Treppe hoch, eine Treppe runter, vorbei an einer dunkel werdenden Haltestelle der Straßenbahn. Die Treppe erneut hoch zu einem Parkplatz. Ich kann die beleuchteten Reklameschilder am fernen Horizont nirgendwo entdecken – aber das Hotel muss hier irgendwo in der Nähe sein! Ich rufe ihn an.
„Ich weiß nicht, wo ich bin? Hilf mir (beruhige mich), ich habe es getan! Ich bin aus dem Zug gestiegen!“
Seine vertraute Stimme an meinem Ohr: „Komm runter, atme durch, nutze das Navi auf deinem Telefon, ich warte hier an dem Hotel auf dich.“
„Du hast einen sehr schlechten Einfluss auf mich!“, ich bin selbst noch überrascht, von meiner wahnsinnigen und vollkommen spontanen Tat. Bin ich das wirklich?
Nervös laufe ich an der Haltestelle im Kreis umher, wann kommt denn jetzt endlich die nächste Straßenbahn? Das Telefongespräch mit ihm musste ich beenden, die Navigationssoftware auf meinem Gerät zählt mehrere Haltestellen auf – die anderthalb Kilometer laufe ich nicht zu Fuß in der Dunkelheit der anbrechenden Nacht irgendwo im unbewohnten Stadtrand von Leipzig. Die Scheinwerfer der Straßenbahn, zurückkommend von der Endhaltestelle und der Wendeschleife, wirken wie eine Erlösung.
Das hell beleuchtete Innere der so gut wie leeren Tram, ist wie ein Kontrast zu den vorangegangen Minuten. Ruhiges Atmen und die Anspannung lösen. Alles wirkt wieder vertraut. Ich habe in dieser Stadt für ein paar Jahre gewohnt. Die Haltestelle mit dem Baumarkt im Norden, die beginnenden Häuser, seine alte Wohnung, der Fußweg zurück zum Hotel über das fiese Kopfsteinpflaster, welches ich nur zwei, drei Monate vorher – zum Gothic-Wochenende – in meinen hochhackigen Schuhen verflucht habe. Ich eile weiter zu dem Hotel, in meinen Keilsandaletten kein Problem.
Wo bist du? Er wartet nicht vor dem Hotel. Er hat in dem letzten Telefonat die griechische Taverne daneben erwähnt. Eine Nachricht (und ein Gedanke) von mir: Lass uns etwas Trinken gehen.
Meine Nervosität ist wieder da, um wie ein vor dem Hotel wartendes und abgebrühtes „Escort-Girl“ zu wirken, bin ich zu aufgekratzt. Ich wirke eher wie ein verliebtes, junges, Teenie-Mädchen das auf ihren Schwarm wartet.
Sein markantes, arabisches Lachen schallt von irgendwo her … er sitzt bereits in der Taverne? Durch die hohe Hecke, die die Gaststube von der Straße trennt, sehe ich ihn nicht, ich muss die Treppe zum Eingang dieses Lokals hinaufgehen.
Er winkt mich an seinen Tisch, da sitzt er! Ich liebe ihn. Er ist nicht alleine, wer ist die hübsche Blondine neben ihm?
„Hey, Andrea! Setz dich!“
Ich schaue ihn an, er hat sich kaum verändert … vielleicht ein graues Haar an seinem ansonsten schwarzen Bart. Er hat leicht zugenommen? Ein geselliger Trinker und Lebemann. Vor ihm sein Glas Bier. Die Frau neben ihm trinkt einen Cocktail, sie lachen … flirten? Mir fällt auf: „Du hast dich kein bisschen verändert!“ Er schleppt immer irgendeine ab, auch wenn ich da bin.
„Möchtest du auch etwas trinken? Ich bezahle“, er scheint gerade wieder etwas Geld und vielleicht sogar eine Arbeit zu haben. Von irgendetwas muss er ja auch seinen Mobilfunkvertrag finanzieren, um mich anrufen zu können. In meinen düstersten Befürchtungen sah ich ihn noch als obdachlosen Drogenjunkie, wie die am Hauptbahnhof in der einen Fernsehreportage eines privaten Senders (das ist alles echt).
Ich studiere die Karte und bestelle einen alkoholfreien Cocktail. Während ich mit meinem Strohhalm in dem vollen Glas herumstochere und ab und zu etwas schlürfe, beobachte ich die beiden. Er stellt sie mir vor, sie kennen sich schon drei oder vier Monate. Sie kommt aus der Ukraine. „Gute Bildung“, kein so instabiles Wesen, wie ich. Er stellt mich auch ihr vor und lässt nicht dabei unerwähnt, dass ich früher mal „ein Mann“ war, trans bin und untenherum operiert? Ich war nie ein Mann.
Was hat er vor? Einen Dreier, ich kenne seine Phantasie ganz genau … zu lange. Sie lässt sich darauf nicht ein, versucht zu gehen, verabschiedet sich, er holt sie zurück. Du hast dich wirklich überhaupt nicht verändert! Bis sie letztendlich dann doch geht. Mehr von ihm für mich … ich teile nicht gerne (und sie wahrscheinlich auch nicht).
„Lass uns hoch auf das Zimmer gehen“, er bezahlt noch die Rechnung bei dem Barmann.
In der Lobby zieht er ein paar Flaschen aus dem Automaten, Bier und Cola für nachher. Der Fahrstuhl wird ihm gezeigt. Ich dagegen kenne mich hier noch ganz gut aus. Ich erzähle ihm die kleine Anekdote, wie ich Pfingsten meine Kiste voller Schuhe für das Gothic-Festival hier die Treppe (und den Fahrstuhl) hoch und runter getragen habe. Sein gebuchtes Zimmer ist in der obersten Etage, zwei über meinem.
Das Eckzimmer auf der Rückseite, warum nicht gleich alle Fenster öffnen und die Vorhänge aufziehen? Warum sollte uns in dem hell beleuchteten Zimmer jemand sehen? Da draußen in der Dunkelheit ist und wohnt niemand. Er fängt sofort an, mich auszuziehen und wirft mich auf das große, weiße Bett. In mir kribbelt es, ich kann meine Erregung da unten spüren. Er zieht sich auch aus und kommt zu mir.
Sein Körper, seine Haut, dieser südländische Teint, den ich so liebe. Sein … beginnender Bierbauch? Ich stelle amüsiert fest, dass seine Brüste schon fast so groß sind, wie meine. Nur das sein Oberkörper nicht frei von dunklen Haaren ist. Nichtsdestotrotz, ich habe eine Schwäche für diesen Typus Mann.
Zungenküsse, gleitende Hände, eng umschlungen. Noch weiß ich nicht, wohin es geht. Er ist an meiner Vagina interessiert. Ich habe doch keine Vagina! Fasziniert spielt er mit ihr, ich liege auf dem Rücken, er kniet vor meinen gespreizten Beinen. Mach nur … Er dringt leicht in mir ein, er weiß, dass er nur wenige Zentimeter weit kommt. Ich wünschte nur, er hätte noch den letzten Schwung Feuchtigkeitssekret abgewartet.
Ich schließe meine Augen, reiße sie wieder auf. Wenn er zu weit geht, drücke ich meine Hand gegen seinen Bauch. Ich kann aus meiner liegenden Position nicht sehen, wie weit er ihn tatsächlich in mich einführt, eigentlich sollte es gar nicht gehen, da ist nur eine winzige Hautfalte, kaum größer als die Spitze der Penis-Eichel.
Er berührt meine Klitoris, würde es nicht so verdammt wehtun, könnte es für ein Orgasmus-ähnliches Gefühl reichen, sie ist so unberührt und sensitiv wie alles, was gerade ins Leben gefunden hat. Stoßatmung.
„Wenn du tiefer willst, das geht nur mit der anderen Öffnung.“
Er dreht mich mit seinen kräftigen Armen … schade, ich hätte so gerne weiter die auf dem Rücken liegende Position behalten und ihn dabei zugesehen. Dieses Mal lässt er mir die Luft zum Atmen und stützt sich mit seinen Oberarmen ab. Der einzige Weg schlechten Sex zu heilen, ist guten Sex zu haben.
Anal … wird es klappen? Da war schon seit gefühlt drei Jahren keiner mehr dran.
„Du musst ein Kondom benutzen!“, das ist mir wichtig, „Das dient auch zu deinem Schutz!“ Nicht nur, denn was ich habe, könnte ich auch über ihn an andere Frauen weitergeben. Ich rolle das Kondom mit meinen Lippen an seinem Glied runter, die untersten Zentimeter mit den Fingern. Der Analsex ist kurz und heftig. Vertraute Stöße, die ich kenne. Meine Hände greifen in das weiße Kopfkissen vor mir. Vor Jahren hat er mich so noch bis zum Höhepunkt getrieben.
Meine Spezialität, das macht nicht jede Frau mit ihm: Ich liege vor ihm, vor seinen Beinen, mein Blick fängt sich in seinen Augen, er liegt auf dem Rücken, seine Hände wuscheln durch meine langen Haare. Meine Lippen berühren seinen erigierten Penis, mein Spielzeug, ich setze an und gehe tief.
Meine Kehle ist rau, den Würgereflex kann ich unterdrücken, er drückt meinen Kopf tiefer, lässt mir aber immer wieder die Freiheit, hochzukommen, durchzuatmen, den Speichel herunterzuschlucken … und die Magensäure auch. Er will so in mir kommen, ich bin fest entschlossen, alles zu schlucken. Er kommt nicht, wir probieren es unendlich lange, immer wieder, immer tiefer, immer länger. Ich brauche eine Pause.
„Können wir auch was für mich tun?“, kurzes Durchatmen, kurz auf der Toilette in dem Badezimmer wenige Meter daneben, etwas frisch machen und ich steige, zurück im Bett, über ihn und nehme ihn zwischen meine Beine. Meine Schamlippen gleiten an seinem Penis auf und ab, ich blicke ihn dabei in seine Augen, mein Kopf neigt sich immer wieder seinen Lippen, meine Haare streifen sein Gesicht, ich küsse ihn. „Jetzt habe ich die Kontrolle, du kommst hier nicht weg!“, als würden wir kämpfen. Meine Machtposition wird jäh beendet, als er mich mit einem Schwung wieder umdreht und mich von hinten nimmt. Ich achte darauf, dass er das nächste Kondom verwendet.

Kommt er? Ich weiß es nicht. Er lässt mit einem Stöhnen von mir ab, steht auf, zündet sich eine Zigarette an, öffnet das Fenster, geht auf den Balkon – ich habe ihm gesagt, das ist ein Nichtraucherhotel und die Reinigung wäre sehr teuer. Er schaltet den Fernseher an, ein Film im Nachtprogramm irgendwo zwischen ein und zwei Uhr.
„Geh eine Dusche nehmen! Die Frau, die du vorher kennengelernt hast, hat es sich anders überlegt und will doch zu uns kommen.“
„Wirklich?“, sie ist tatsächlich hübsch, ich wäre nicht abgeneigt. Während ich in die Dusche verschwinde und überlege, wie ich ihr an der Tür begegne – am besten doch nicht nackt und dafür in dem weißen Badetuch gehüllt – verlässt er das Hotelzimmer. Ich sitze noch eine Weile auf dem Bett neben dem geöffneten Fenster und warte. Aus der Ferne dringen die Geräusche der durchrollenden Güterzüge und Fabrikanlagen.
„Alles kann, nichts muss“, während ich noch überlege, wie ich der anderen Frau so angenehm wie möglich entgegenkommen kann, wird es immer später. Die Zeit vergeht in dem Hotelzimmer.
Ich schalte den Fernseher erst stumm, dann aus. Mein Blick schweift. Ich räume etwas auf … aufgerissene Kondomverpackungen verstreut auf dem Boden. Vielleicht lege ich mich etwas schlafen, bis die beiden wiederkommen? Er hat die Schlüsselkarte nicht eingesteckt, vielleicht wegen dem Strom, sie müssten dann an der Zimmertür klopfen.
Nach und nach dämme ich das Licht, schließe die Fenster, ziehe die Vorhänge zu und versinke immer tiefer in die Bettdecke. Sie müssten schon wirklich laut klopfen, für den Fall, dass ich fest schlafe. Ich schalte letztendlich auch das kleine Schreibtischlicht aus und erkenne, dass von ihm nichts geblieben ist außer zwei ungeöffneten Getränken. Ich bin vollkommen allein. Schön für mich, ich kann in Ruhe schlafen und stelle den Wecker an meinem Telefon auf die nächsten vier Stunden. Wenn ich um sechs Uhr wieder aufstehe, sollte ich alles schaffen. Geduscht und die Zähne geputzt habe ich schon, dann nur noch meine Sachen anziehen und zurück mit der Straßenbahn die paar Stationen zum Hauptbahnhof. (Ende Teil 2/3)

[30.08.22 / 19:32] Ein perfekter Tag, warum nicht das letzte Wochenende im August noch einmal nach Leipzig fahren und mein „9-Euro-Ticket“ voll ausnutzen? Den Zug sonntags um zehn Uhr nehmen, einen Sitzplatz finden, hier und da auf einem Umsteigebahnhof ein Schokocroissant und einen kleinen Espresso als zweites Frühstück? Die Sonne scheint, angenehme, spätsommerliche Temperaturen, ich trage meine neue, indische, schwarz-goldene Tunika … sie würde ihm bestimmt gefallen.
Ich habe wieder Kontakt zu meinem syrischen Ex-Freund aufgenommen, ich vermisse ihn zu sehr. Er schreibt nie zurück … bis den Tag, an dem ich meine Arbeit verloren habe und mich nach meinem alten Leben zurückgesehnt habe. Finde mich, heirate mich, hole mich aus dieser grausamen Welt raus, entflieh mit mir! Er schreibt: „Lass uns am Sonntag in Leipzig treffen … Lass uns ein Hotelzimmer nehmen.“ Ich ignoriere Letzteres.
Das Grassi Museum kenne ich noch nicht, den Mittag angekommen, laufe ich die Leipziger Innenstadt zielgerichtet darauf zu, ich trage noch meine Punkerkutte über der Tunika, meine Keilsandaletten und eine leichte, schwarze Jeans … die große Sonnenbrille ist schon gar nicht mehr erwähnenswert, sie gehört organisch zu meinem Körper dazu.
Das Museum ist schön leer, kaum Menschen, die Eintrittskarte für die Ausstellung für angewandte Kunst gar nicht so teuer. Ein mehrstündiger Rundgang durch die verschiedensten Epochen der Design-Geschichte, eine äußerst umfangreiche Porzellansammlung, so viele niedliche und bezaubernde Exponate, Tässchen für Mokka und Tee, von siebzehnhundertnochwas bis kurz vor jetzt. Die Möbelstücke und die anderen greifbaren Dinge, Art déco, Jugendstil, Bauhaus … traumhaft.
Ich habe meinem Ex-Freund wissen lassen, dass ich unterwegs nach Leipzig bin … er will mich den Abend treffen und fragt, ob ich schon ein Hotelzimmer gebucht habe. Fehlende Kommunikation, ich hatte nie vor, bis in die Nacht hierzubleiben … auch wenn ich für diese Eventualität ein kleines Kit – bestehend aus Zahnbürste und Zahnpasta, eingerollt in einem kleinen Handtuch – mit in meiner Handtasche führe.
Den Nachmittag nach dem Museumsbesuch laufe ich ein paar Schritte in das Stadtzentrum. Es muss etwas später in der Uhrzeit sein, das markante Jugendstil-Café wird sonst von „alten Omchens“ bevölkert, jetzt sind ein paar mehr Tische frei. Ich bestelle ein Stück Kuchen für mich und trinke einen Cappuccino … der Kellner fragt mich, ob noch jemand zu mir kommt oder ich alleine bin. Liebend gern hätte ich meinen Ex-Freund hier getroffen, wir hätten so viel zu besprechen gehabt: Wie ist es dir ergangen? Wie hast du dich in diesen einen verhängnisvollen Moment im Juli 2019 gefühlt? Hilf mir, das alles aufzuarbeiten, einen Schlussstrich zu ziehen, die Fäden zusammenzuführen. Er schreibt, ich soll ein günstiges Zimmer buchen. Ich antworte, ich bleibe nicht mehr lange, ich muss zurückreisen, den nächsten Montag Morgen noch einen unaufschiebbaren Arzttermin bei meiner Gynäkologin. Ich lasse ihn hängen.
Ein paar Schritte weiter, das indische Restaurant in der Straße der Fußgängerzone zurück zum Hauptbahnhof, ich muss in meiner neuen Tunika unbedingt indisch essen gehen! Die Halskette mit dem silbernen Ganesha-Anhänger blitzt durch, der Armreif, genauso silbern, funkelt mit all seinen geschliffenen Glaskristallsteinen. Ich bestelle die gefüllte Paprika und ein Fladenbrot. Würdest du nicht auch gern mit mir essen gehen? In meiner Phantasie taucht er jetzt einfach auf setzt sich auf den zweiten, leeren Stuhl an meinem einsamen Tischchen unter dem Sonnenschirm in der schon längst schattenspendenden Häuserreihe in dieser ansonsten so belebten Leipziger Gasse. Er schreibt, ich soll einfach den Zug morgen nehmen, er bezahlt das Zimmer … es ist wieder in dem Hotel, das wir all die Jahre vorher schon gebucht haben, dasselbe, in dem ich auch dieses Jahr Pfingsten übernachtet habe.
Zu kompliziert, zu umständlich, ich bin in meiner sentimentalen Traumwelt gefangen, nach meinem Restaurantbesuch gehe ich den Sonntag Abend die letzten Schritte wieder zurück zum Hauptbahnhof. Noch zögere ich kurz und überlege, steige ich in die Straßenbahn? Nein … Das tut mir jetzt Leid, das ist jetzt vielleicht nicht so optimal gelaufen, auf seine fragenden Nachrichten, wo ich bleibe – er hätte schon ein Zimmer gebucht – antworte ich ihm: „Es ist zu spät, ich bin bereits am Bahnhof und werde jeden nächsten Moment in den Zug steigen.“ Ich fürchte mich vor dem Sex mit ihm? Mein Automatismus drängt mich auf das wartende Gleis mit all den Menschen und dem einfahrenden Regionalzug. Ich steige ein, ein Sitzplatz am Fenster, warte nicht mehr auf mich, es ist vorbei. Meine Nachricht an ihn: „Der Moment der letzten Umkehr ist erreicht und der Zug setzt sich bereits in Bewegung.“

„Nächster Halt: Leipzig Messe!“, die Lautsprecherdurchsage. Die Motoren des Personenzuges surren, das Tempo wird wieder heruntergenommen. In mir entsteht eine noch nie dagewesene Gefühlsregung.
„Einmal im Leben etwas total Verrücktes tun!“
Ich springe auf, greife meine Handtasche und meine Jacke. Lasst mich durch ich muss hier raus!
Der Zug fährt in den Bahnhof ein, der letzte Halt in Leipzig, bevor er für immer wegfährt. Wild drücke ich auf den grün leuchtenden Knopf der daraufhin automatisch öffnenden Tür des wieder stillstehenden Zuges. Ich springe raus in die beginnende Nacht. (Ende Teil 1/3)

[27.08.22 / 21:42] Ein Personalgespräch: „…sind wir letztendlich zu der Entscheidung gekommen, das Arbeitsverhältnis mit dir in der Probezeit zu beenden und du wirst ab sofort für die nächsten zwei Wochen der Kündigungsfrist, freigestellt.“
„Oh … so schnell?“, das habe ich jetzt nicht so drastisch erwartet. Kreidebleich sitze ich da.
„Bitte unterschreibe hier, dass du das Kündigungsschreiben bekommen hast.“
„Kann ich nicht noch die vollen sechs Monate arbeiten?“, ich brauche die Zeit, damit ich überhaupt einen Anspruch auf das Arbeitslosengeld habe.
„Nein.“
„Aber … ich habe doch gesagt, dass ich mindestens die ganzen sechs Monate benötige, um mich einzuarbeiten und das Team näher kennenzulernen“, der Kündigungsgrund ist meine Introvertiertheit.
„Bitte unterschreibe.“
„Und wenn ich mich weigere?“, jetzt werde ich pampig.
„Wir sind zu zweit und das ist nur die Empfangsbestätigung“, der Teamleiter und die Mitarbeiterin von der Personalabteilung, „es macht keinen Unterschied.“
„Hmh … und wenn ich den Chip (der für die Eingangstür) einfach behalte und morgen wieder zur Arbeit komme?“
„Du musst den Chip und alle deine Unterlagen heute noch abgeben.“
„Und … und meine Arbeit, meine Ergebnisse, die Übergabe?“
„Brauchst du nicht.“ (Es ist ihnen egal.)
Ich kann meine Tränen jetzt nicht mehr unterdrücken und fange an zu weinen: „Liegt hier irgendwo eine Box mit Taschentüchern? 'Tschuldigung … zu viel Hormone“, ich brauche eine Weile, das zu verarbeiten.
„Nimm dir die Zeit.“
„Aber … ?“
„Keine Chance“, knallhart formuliert, sie sitzen da wie Salzsäulen, „du wirst ganz sicher schnell wieder Arbeit finden.“
„Bekomme ich ein Arbeitszeugnis? Bitte nur ein einfaches und ohne die Beurteilung!“, ich fürchte, es könnte genauso beschissen ausfallen, wie das andere.
„Klar bekommst du das.“
Und jetzt erzähle ich meine tragische Geschichte, mein Rauswurf in der anderen großen, namenlosen Firma nur wenige hundert Meter weiter in Braunschweig und meine ganzen traumatisierenden Erfahrungen. Aber die Entscheidung, mich zu entlassen, wurde schon längst getroffen.
“Bitte unterschreibe das hier noch, die Kopie der Empfangsbestätigung ist für dich, das andere Exemplar für uns“, ich habe mein Kürzel schon während des Gesprächs auf ein Exemplar gekritzelt, „gut, dann sind wir hier durch.“
Das Gespräch ist damit beendet. Es folgt der Laufzettel und die Abgabe des Chips. Eine von mir initiierte Übergabe unten im Testlabor und die Sicherung aller meiner digitalen Notizen, Word-Dokumente und Excel-Tabellen in einem öffentlichen Ordner auf irgendeinem Server. Die handschriftlichen Notizen liegen akkurat sortiert auf meinem Schreibtisch, penibel rechtwinklig ausgerichtet und mit einem Kugelschreiber fixiert. Wahrscheinlich werden sie verworfen und meine Arbeit wird von jemand anders ganz neu von vorne angefangen … als hätte ich nie existiert.

Schon wieder arbeitslos.

Ich fahre das Autobahnstück zurück zu meiner für die Arbeit angemietete, fast leere Zweitwohnung. Weiter weinen.

„Was stimmt nicht mit mir?“ Das zweite Mal hintereinander in der Probezeit gekündigt.

„Und so … beschloss ich … mein Leben ein Ende zu setzen.“ Gedanken. Es hat alles keinen Sinn mehr. Keine Zukunft.

Die nächsten Tage falle ich zurück in meine tiefste und dunkelste Vergangenheit. „Hallo Escort-Girl.“

[24.08.22 / 23:38] Der dritte Pride für diesen Sommer, den ich unbedingt noch mitnehmen will: der CSD in Magdeburg. Kurz vor dem Frühstück, Sonnabend Morgen, schnell noch ein neues „9-Euro-Ticket“ für den letzten Aktionsmonat am Computer online gekauft und ausgedruckt – die Wahl des Transportmittels fällt erneut auf den Regionalzug (auch wenn es hier nur wenige Kilometer sind). Vorteil: keine umständliche Parkplatzsuche, keine Unmengen an Münzen an den Parkautomaten verfüttern – und ich kann sofort die Stiefeletten mit den höchsten Absätzen tragen! Die, die ich die beiden letzten Male nach Berlin und Leipzig schon traurig im Schrank zurücklassen musste. Dieses Mal ziehe ich sie an, mein Outfit: die militanten Schnürstiefeletten mit den purpurfarbenen Schnürsenkeln und der groben Sohle, dazu meine Lederjacke und das schwarz-weiße, etwas dickere Kleid aus New York (2013), das ich schon ewig wieder anziehen wollte. Wird es kalt und regnen … oder warm? Ich lasse das optionale, schwarze Spaghettiträgertop darunter weg, das Kleid genügt. Die markante Sonnenbrille auf der Nase, bereit für die Zugfahrt.
Auf dem Provinzbahnhof stehen schon ein paar sehr junge Pride-Anhänger, mein Regenbogenbändchen hängt dezent an meiner Handtasche, sie sind wirklich sehr jung.
Wenig später am Hauptbahnhof in Magdeburg, die Dichte an gefühlt nicht volljährigen Schülern und Regenbogenfahnen tragenden Jugendlichen nimmt „exorbitant“ zu. Laute Musik wird aus kleinen Boxen gespielt, der Bestand an mitgenommenen Alkohol geprüft … ich fühle mich etwas unwohl in dieser Menge. Was wollt ihr alle hier? Kulturelle Aneignung, anderswo auf der Welt werden Menschen wie ich noch auf brutalste Weise ermordet, nur für das was und wie sie sind – trans – und ihr feiert hier eine riesige Party? Ich weiß, ich wiederhole mich … ich verstehe nur den Zusammenhang nicht.
Weiter zu dem CSD-Stadtfest, der aufgebauten Bühne, der bereitstehenden Trucks, nicht die vielen Parteien, nicht die ganzen Firmen, für mich auch keine Redebeiträge, keine sozialen Kämpfe für Gerechtigkeit, keine politischen Forderungen. Vielleicht wurden diese doch noch auf einer Bühne in ein Mikrofon gegeben, für mich und die meisten bleiben sie ungehört. Zu viel Fremdlärm.
Ich bin da, ich stehe dazwischen, eine leere Dose Energy-Drink rollt vor meinen Füßen, ich schaue sie an – verliere ich eine Träne? Ich brauche etwas, was mich aufheitert, mir ein besseres Gefühl gibt. Ich schaue mich um, beobachte die Menschen, hier die Gruppe mit den Hundemasken, dort in der feiernden Menge zwei, drei einsam auffallende Drag Queens und ein oder zwei Leder-Liebhaber. Leder. Ich liebe dieses knarzige Geräusch, wie meine schwarze Lederjacke an meiner genauso schwarzen Lederhandtasche reibt. Hinter mir, nur wenige Meter entfernt, entdecke ich ein Lederwarengeschäft.
„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
„Nein, ich bin nur rein zufällig hier“, ich laufe etwas durch den kleinen Laden, „die Handtasche da, die Clutch, was kostet die?“
Sie ist mir aufgefallen, diese schwarze und trägerlose Clutch aus Leder würde bestimmt elegant zu meinen Abendkleidern mit Spitze passen. Sie komplettiert damit mein Ensemble aus meiner großen Handtasche (die ich so gut wie immer trage), der kleinen Handtasche mit Tragehenkeln (die für Urlaubsreisen) und ersetzt die alte Clutch aus Satin und Pappe (die schon ewig, seit der Bootstour 2010, im Schrank liegt). Sie ist komplett aus echtem Tierleder und sehr weich und anschmiegsam, ich probiere sie mit der Verkäuferin aus und packe diverse Sachen aus meiner großen Handtasche in den schmalen und mit purpurfarbenen Stoff bezogenen Innenraum (dieselbe Farbe wie meine Schnürsenkel). Ein Kamm passt rein, die kleine Stifterolle mit dem Mascara, Kajal und Augen-Make-up … das Portemonnaie aber leider nicht, dafür gibt es ein kleines Seitenfach mit Reißverschluss. Ich kaufe sie (sie passt in meine große Handtasche). Der Stand auf meinem Girokonto nähert sich schon wieder gefährlich nah dem Dispokredit zum Monatsende.
Zurück nach draußen, den Laden verlassen, meine intime Shoppingwelt mit der der auf den Beginn des CSD-Umzuges wartenden Menschenmassen tauschen. Ich entferne mich weit abseits zum Startpunkt, beobachte wie sich die Trucks in Bewegung setzen, das junge Party-Volk dahinter herzieht. Der letzte Wagen ganz hinten zieht auch mich mit. Mehrere tausend Menschen vor mir bis weit in die nächsten Straßenkreuzungen.
Ich bin nicht in der Stimmung, zu der lauten Musik zu tanzen, es ist nicht wirklich meine Musik. Das einzige, was mir noch bekannt vorkommt, ist 90er-Jahre-Eurodance. Ich laufe etwas weiter vom hintersten Ende zum nächsten Wagen … und treffe hier wieder auf eine kleine Gruppe mir bekannt vorkommender Gesichter, die aus Berlin und Leipzig und Magdeburg letztes Jahr – ich bin doch nicht allein! Auch diese kleine Gruppe, kämpfend für die Rechte von Transpersonen, ist ihr Ungemach zu erkennen. Die fehlende Radikalität und der politische Diskurs auf dieser Riesen-Party. Ich werde von ihnen aus meiner fremdelnden Gefühlslage herausgeholt.
Die temporär existierende Gruppe läuft einige Abschnitte des Demozuges mit, verlässt ab und zu die Route, um wenig später wieder aufzuschließen … wir bräuchten auch einen eigenen Wagen (die hohen Schnürstiefeletten waren vielleicht doch nicht die optimale Wahl).
Der CSD-Straßenumzug endet, wie auch in den letzten Jahren in Magdeburg, auf dem Start- und Endpunkt: dem alten Markt vor dem Rathaus und der aufgebauten Bühne für das Stadtfest. Früher Nachmittag, die kleine Gruppe zerstreut und verabschiedet sich ebenso schnell, wie sie entstanden ist, ein bekanntes Ritual aus dem letzten Jahr. Auch ich habe wieder nicht die Absicht, dem Bühnenprogramm weiter zu folgen … nicht meine Welt, meine Musik, meine Interessen. Auch nicht die, meiner Begleitung für die nächsten Stunden.
Anregende Gespräche, Kennenlernen, Gemeinsamkeiten, Tipps von Transfrauen unter sich. Ein Bistro, ein Café, eine Bar bis in den Abend. Vergessen, wie der Tag anfing, lachen, scherzen. „Du bist jetzt eine Frau, du kannst nicht mehr so breitbeinig dasitzen“, ladyhaft knicke ich meine Beine schräg weg und zupfe am Saum meines Kleids, die schwarze Strumpfhose zieht schon wieder die erste Laufmasche.
Den Zug zurück in mein Provinzkaff fahre ich wieder alleine, aber gut gelaunt und mit einem Lächeln. Vielleicht sehe ich sie wieder? Neue Bekanntschaften, neuer Einkauf, neue Tasche, der Tag war nicht umsonst.

[07.08.22 / 16:01] Resümee (eine Woche später) des Trans Pride in Berlin: Die Regionalzüge waren noch bis in den späten Abend voll, mein schwarz-weißes Patches-Kleid mit dem Blumenmuster ein Traum, die schweren Doc Martens Stiefel für den Zweck angemessen, das schwarze Baumwolltop für das heiße Wetter ein Muss – und die Wegstrecke für die Demo durch Berlin-Kreuzberg mit gerade mal einen Kilometer (?) viel zu kurz. Die vielen Menschen, die ich gesehen habe, die einfach so sind wie ich – trans – und die kleine Gruppe bekannter Gesichter, die mich aus meiner Isolation und meiner „Zwei-Meter-Distanz-Luftblase“ abgeholt haben, ein wunderschöner Glücksfall.
Hier war ich schon einmal … der Kreuzberger CSD vor gefühlt zehn Jahren, die nicht ganz so radikale und Nachmittagsvariante der Revolutionären 1. Mai Demo vor mehr als zwanzig Jahren. Ich glaube, einige Straßenzüge wiederzuerkennen: das Kottbusser Tor, der Mariannenplatz mit der Abschlusskundgebung und irgendwo in der Nähe der Oranienplatz. Den Weg zurück zum Ostbahnhof (hinwärts die U-Bahn vom Alexanderplatz), vorbei an dem einen Club von eines der legendären Underground-Festivals in meiner Erinnerung zehn Jahre zurück. Und irgendwo hier muss ich auch die S-Bahn genommen haben, als ich zurück ins Jahr 2018 die Nacht in einem weiteren Club verbracht habe und am nächsten Morgen für meine Operation „untenherum“ nach Potsdam weitergereist bin. Ich weiß, ein Klischee, aber diese Stadt atmet so viel Geschichte.

Jetzt weiß ich auch, warum Transfrauen in allen erdenklichen Situationen und bei jedem möglichen Wetter auf so schwere Schnürstiefel zurückgreifen … sie sind einfach breit genug und bequem zu tragen für die nicht ganz so schmalen und leider durch ein abgebrochenes Chromosom bedingten „Problemfüße“.

[06.08.22 / 01:43] Zwanzig Jahre ist es schon her … für dieses besondere Jubiläum habe ich die alte Jugendstil-Schrift aus dem entferntesten Winkel meiner Festplatte hervorgekramt und zwei Bereiche meiner Internetseite damit herausgeschmückt: Das Tagebuch und die Seite mit dem Profil sind jetzt zwar vollkommen unleserlich – aber ich fand die Schrift damals dafür einfach fetzig und passend! Als gerade zwanzigjähriges und blutjunges „T-Girl“.

6. August und 9. September 2002 – diese beiden Daten, als Zeitstempel der ersten Grafiken und Fotos, stehen für den Ursprung und die Geburt meines Internet-Coming-outs. Das wird einen Monat lang zelebriert! (Und dann wechsele ich wieder zu der normalen und serifenlosen Schrift.) Wen es interessiert, es gibt noch das Internet-Archiv mit Überresten meiner alten Seite (http://de.geocities.com/moonlayhidden).

[19.07.22 / 22:31] Mal wieder zum CSD nach Leipzig? Der Termin für den Sonnabend im Juli ist schon seit Wochen in meinem Terminkalender fest eingetragen. Die extra neu gekaufte Schermaschine für den Haarbewuchs ist so scharf, meine Beine sehen aus, als hätte ich eine frische Rasierklinge verwendet … blutig. Den Abend vor dem betreffenden Wochenendtag alles in Gedanken bereit legen, was ziehe ich an? Wird es heiß und regnen? Kühl und Sturm? Und schaffe ich es, rechtzeitig aufzustehen, um den Regionalzug den frühen Sonnabend Vormittag nach Leipzig zu erreichen? Ich bin fest entschlossen, mich auf das Abenteuer „9-Euro-Ticket“ einzulassen.
Sonnabend Morgen, Wetter beobachten … prognostizieren. Ich wähle die schwarze Jeans, die Pikes mit den moderaten Absätzen, das kurze, schwarze Top mit dem großen Ausschnitt (frisch gewaschen) und meine Punker-Lederjacke – wenn es warm wird und die Sonne brutal auf mich niederscheint, kann ich diese in dem extra dafür mitgenommen, schwarzen Umhängebeutel (den mit dem Festival-Logo von Pfingsten) verstauen. Alles weitere in meine obligatorische, schwarze Handtasche und nach dem eilig hineingeschlungenen Frühstück zu Fuß zum nächsten Provinzbahnhof irgendwo im mysteriösen Sachsen-Anhalt (ich starte von meinem Erstwohnsitz).
Die Regionalbahn nach Magdeburg geht noch, gefühlt alles normal. In Magdeburg selbst, ein Kaffee und ein Schoko-Croissant vom Bahnhofsbäcker als zweites Frühstück, weiter zum Gleis für den Regionalexpress nach Leipzig … es wird voll (nicht unerwartet). Glück für mich: der Zug startet in Magdeburg, steht hier schon ganz viele Minuten und endet in Leipzig – kein Problem für mich, einen Sitzplatz zu finden. Alle anderen Fahrgäste, die in den nächsten anderthalb Stunden zusteigen wollen, müssen im Gang stehen. Keiner der Fahrgäste schenkt dem anderen was.
Mittag, Leipzig, so viele Menschen. Kurz an den Bankautomaten am Ausgang, eine der beiden Kaufhallen im Untergeschoss, eine Liter-Flasche Wasser kaufen, wieder hoch zu der Bahnhofstoilette. Beim Anstehen in der Schlange vor den Damen-WCs vergeht die Zeit. Die Kundgebungen auf dem Platz vor der Oper waren um elf Uhr nochwas geplant, ich hatte nie wirklich vor, da pünktlich zu erscheinen.
Weiter zu Fuß über die Ringstraße zum magischen Treffpunkt der vielen jungen Menschen in ihren buntesten Farben für diesen Tag. Mein kleines blau-rosa-weiß gestreiftes Fähnchen hängt in meiner Gesäßtasche, fixiert durch den blitzenden Nietengürtel an meiner Jeans.
Am Platz angekommen, die Trucks stehen schon bereit, wirklich viele Menschen, schnell vorüberziehende, tiefdunkle Wolken und die brennende Mittagssonne. Wo ist mein Wagen? Erst den nächsten Tag (oder den Abend?) erfahre ich, dass sich das linksradikale Bündnis mit dem kleinen Pritschenwagen am hintersten Ende der Demo aufgelöst hat und dieses Jahr (so wie auch letztes Jahr) nicht dabei sein wird. Aber die hatten immer die beste Musik! Und die schönsten Menschen! Ich bin kurz davor, enttäuscht alles abzubrechen und wieder zu gehen, ich schaue mir aber doch noch von einem Seitenplatz an einer Mauer den beginnenden Umzug an. Schnell noch etwas Sonnencreme auf das Gesicht und ich wähle den Wagen der Bären-Community – die haben wenigstens noch etwas angenehmere Musik und ich habe sowieso ein kleines Faible für diese kernigen Kerle und ihren verwegenen Bärten. (Würde ich jetzt einen Blick auf mein Datingprofil werfen und die ein halbes Dutzend gesammelten Onlinebekanntschaften, trifft es genau mein Beuteschema.) Alles was irgendwie noch in Leder oder Latex dabei ist, läuft in sichtbarer Nähe auch mit … vereinzelt versteckt unter den wirklich vielen und immer jünger werdenden Menschen.
Der Demo-Zug drückt sich durch die Straßen, komprimiert, gestaucht, gefühlt Zehntausende. Die Route ist abweichend von der die letzten Jahre, es wirkt, als wurde der Kern der Innenstadt mit der stark frequentierten Fußgängerzone bewusst ausgespart … um die einkaufenden Menschen dort nicht mit diesem lärmenden Zirkus zu belästigen? Der Müll der von den Massen an Menschen in ihrem Zug durch die Straßen hinterlassen wird, wirkt befremdlich auf mich. Laute Bässe, Partymusik, Alkohol und grölende Menschen. Ich gehe hier auf die Straße mit meinen gesammelten Erfahrungen, alles was Traumata und tiefe Selbstzweifel und seelische Narben in mir hinterlassen hat. Für den Kampf für nur eine einfache Akzeptanz … und ihr macht hier Party?
Ein oder zwei Stunden später – ich habe keine Ahnung – irgendwann den Nachmittag, der CSD kehrt zurück an den Startpunkt zum Eingang der Fußgängerzone, meine Flasche Wasser ist leer, meine schwere Lederjacke liegt in dem geschulterten Beutel, die Sonnenbrille trage ich schon seit Verlassen des Bahnhofs – ich sondere mich schnell von der Bewegung ab und starte meine Einkaufstour … wenn ich schon einmal wieder zurück in Leipzig bin. Ein Eis, ein Schuhladen, weiter die Fußgängerzone. Ein Paar bequeme Sneakers, leicht und für den heißen Sommer, steht auf meiner Wunschliste, so ziemlich alle Menschen, die ich sehe, laufen auch nur in Turnschuhen herum. Ich grase all die Orte ab, die ich kenne, ein Kaufhaus, ein Geschäft für Sportartikel, das teure Kaufhaus am Marktplatz – ich verliere meinen Fokus und stehe schon wieder zwischen den bunten Sommerkleidchen im Ausverkauf – und noch ein Schuhladen im eher günstigen Preissegment. Will ich wirklich solche Schuhe, wie sie alle tragen? Sehe ich dann nicht ständig Menschen, die dasselbe Modell tragen? Es muss schon der späte Nachmittag sein, als ich in einem Kaffee am anderen Ende der Fußgängerzone einen freien Sitzplatz finde und ein Stück Kuchen und einen Cappuccino bestelle. Im Schatten der großen Kirche und mein Stück Heidelbeerkuchen essend, überdenke ich mein weiteres Vorgehen.
Ich sollte irgendwann auch wieder zurück zum Bahnhof laufen, so viel unbegrenzte Zeit habe ich hier nicht für den allerletzten Regionalzug, das andere große Shoppingcenter schaffe ich so nicht, wenn ich vor der Abreise auch noch wieder etwas essen will – und wenigstens eine Runde zurück zu dem Veranstaltungsplatz an der Oper mit all den aufgebauten Ständen und der Bühne für den CSD will ich auch noch machen. Die Rechnung bezahlen und wieder zurück durch die vielen jungen Menschen mit all ihren „Regenbogen-und-anderen-Farben-Fahnen“.
Der große Platz ist bei diesem immer schöner werdenden Wetter gut gefüllt, schade nur, dass ich hier so gut wie niemanden kenne. Einzig eine andere Transfrau entgeht nicht unserem gemeinsamen „Radar“ – ein kurzer Erkennungsblick mit Lächeln, mehr nicht. Am Stand für die Rechte der Transcommunity stecke ich noch eine Broschüre mit ein – angeblich um sie anderen Menschen in meinem Bekanntenkreis „vorzulegen“ – ich werde aber selbst noch interessiert darin blättern und neue Argumente für das zur Debatte stehende Selbstbestimmungsgesetz finden.
So schnell wie ich hier war und einmal im Kreis gelaufen bin, so schnell bin ich auch wieder weg. Von dem Bühnenprogramm bekomme ich so gut wie nichts mit, mir missfällt die Ansammlung an politischen Parteien, die Mixtur mit den großen Firmen und die nicht wirklich an all dem interessierte „Party-Crowd“ (oder „Squad“, wenn ich „up-to-date“ sein will).
Wieder zurück in die mir bekannte Seitenstraße mit den Restaurants, dem Hauptbahnhof in Sichtweite am nördlichsten Ende – und den noch kommenden, kleinen Geschäften auf dem Weg dahin … noch ist alles geöffnet, es muss den frühen Sonnabend Abend kurz vor 18 Uhr sein.
Ein Schuhladen, und ein Schuhladen daneben, deren teure Schuhe ich schon das ganze laufende Jahr trage, zum Einkauf wähle ich den zweiten Laden, in dem ich noch nicht Kundin war.
„Wann macht ihr denn so zu? Kann ich hier noch Einkaufen?“
„Achtzehn Uhr dreißig.“
Oh, das geht noch …
Das Paar teure Barfußschuhe in schwarz und in Sneakeroptik trage ich minutenlang Probe, es sitzt bequem und sieht gut aus, ist perforiert für den Sommerurlaub und vom Gewicht her sehr leicht. Auch wenn ich mich mit dem Konzept des Barfußlaufens noch nicht sehr auseinandergesetzt habe, dieses Paar landet wenig später in meinem Einkaufsbeutel – ein Paar modisch elegante, pinke Schnürsenkel gleich mit dazu. So sehr achte ich nicht auf den dreistelligen Preis, ich schiebe einfach nur meine Plastikkarte durch das Gerät an der Kasse … da geht es hin, das Ingenieursgehalt. Der (erfahrene) Verkäufer hat sich die ganze Zeit schon über meine spitzen Stiefeletten mit den Absätzen geäußert, wie ich nur damit laufen könnte. „Die neuen Schuhe, die ich jetzt kaufe, sind gesund und stärken meine Wadenmuskulatur.“ (Die ich wiederum dafür trainiere, um Schuhe mit noch höheren Absätzen zu tragen!)
Eine Stunde, eine Pizza und zurück zum Bahnhof … noch einen Zug später und ich hätte irgendwo auf der Strecke in oder vor einem weiteren Bahnhof übernachten müssen. Auch dieser Regionalzug den Abend kurz vor Sonnenuntergang ist voll. Rentner und junge Fahrgäste drängeln sich an den Einstiegstüren des wartenden Zuges am Gleis. Das Spiel wiederholt sich, ich habe einen Sitzplatz, alle anderen, die nach dem Verlassen des Hauptbahnhofes noch irgendwo dazwischen zusteigen wollen, nicht. Hin wie zurück rauscht Bitterfeld an mir vorbei (das Synonym an verlassenen Ost-Städten).
Angekommen in Magdeburg … wo bin ich hier gelandet? Verglichen mit Leipzig, geradezu einsam und menschenleer. Der weitere Regionalzug in mein Provinzkaff fährt nur alle zwei Stunden – den letzten habe ich gerade verpasst. Die Sonne ist schon vor gefühlt einer Stunde untergegangen, vor dem Bahnhofsgebäude stehen Einsatzfahrzeuge der Polizei – irgendwo den Abend muss ein Fußballspiel stattfinden. Ich laufe ein paar Meter weiter in Richtung des Zentrums der Domstadt und entdecke eine Bar, die ich so noch gar nicht kannte (ich bin auch nicht wirklich oft in dieser Stadt). Mein schon im Regionalexpress zurecht gelegter Plan: sollte ich keinen Anschlusszug mehr haben und hier stranden, gehe ich einfach die Nacht noch irgendwo aus oder in eine Bar und fahre erst den Sonntag Morgen weiter. Der (vor)letzte Zug fährt aber noch kurz vor Mitternacht.
Die Bar neben dem großen, ehemaligen DDR-Hotel bietet alkoholfreie Cocktails an – auch den von mir so geliebten „Ipanema“. Die Deko und die Ausstattung dieser Cocktailbar ist hübsch – fast viel zu gut, um diesen Tag ausklingen zu lassen. Ich bestelle noch eine weitere Cola, bevor ich mich dann wieder rechtzeitig für die weitere Fahrt zurück zum Bahnhof begebe. Ich teile die letzten vierzig Fahrminuten mit den vielen Fußballfans, die so wie ich auch einen ereignisreichen Tag beenden (und sie sind alle friedlich und entsprechen so gar nicht meinen klischeebehafteten Vorurteilen).

Ob ich nächstes Jahr noch einmal zum CSD nach Leipzig fahre? Eine Ära geht zu Ende. Ein weiteres Event steht für mich schon in meinem Terminkalender …

[03.07.22 / 12:17] Ich entdecke gerade das Online-Dating für mich – ein Blind Date mit Abendessen in einer Pizzeria den letzten heißen Junitag, endet bei ihm zu Hause, in seiner hübsch orientalisch eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung irgendwo nördlich der Innenstadt von Braunschweig. Ob es mehr wird? Mal sehen …

(Und ich bin zum ersten Mal nicht mehr die Trans-Prostituierte, die vom parkenden Auto aus, heimlich das Treppenhaus hoch geschleust wird!)

[19.06.22 / 00:54] Kurzes Zwischenspeichern meines Berufsstatus auf meiner Profilseite (zur späteren Verwendung): aus „serienlangzeitarbeitslose Ex-Psychiatriepatientin / Webmistress“ wird „Testingenieurin / Wochenend-Webmistress“ – and in english: from „serial long-term unemployed ex-psychiatric patient / webmistress“ to „test engineering / weekend webmistress“

[12.06.22 / 16:06] Dienstag Morgen, der Rückreise-Tag, nach dem Check-out kurz nach elf Uhr meine Tragekisten, Taschen und den Rollkoffer zum Auto schleppen, das Hotel hat einen Fahrstuhl und ich parke mein Auto um, vom Hinterhofparkplatz auf die Straße vor dem Eingang. In dem kleinen Veranstaltungssaal neben der Rezeption liegt sehr viel Konfetti und Glitzer … eine ausländische Hochzeit muss hier stattgefunden haben. Die Stimmen und die Sprachen der Hotelgäste der letzten Tage konnte ich nicht einordnen, zu viele verschiedene Sprachen, Russisch, Ukrainisch, Arabisch, Türkisch, Persisch?
Mit dem Auto nach dem Verstauen des gesamten Gepäcks nur wenige Meter weiter auf das Gelände der Tankstelle gegenüber. Die zurückgezahlte Kaution für den Schlüssel vom kleinen Safe im Hotelzimmer, reicht gerade noch so für ein Frühstück. Das Auto vom Reifenluftdruckstand umgeparkt auf die Parkflächen auf der anderen Seite des Geländes zur Ausfahrt auf die mehrspurige Bundesstraße Richtung Autobahn. Das Schoko-Croissant verdrücken und den Pappbecher mit dem doppelten Espresso austrinken. Die Sonnenbrille auf der Nase und den Ellenbogen auf dem geschlossenen Verdeck meines Roadsters, die vorbeirauschenden Autos wahrnehmen, bevor ich mich dann wieder hineinsetze und losfahre. Tankstellen haben schon etwas Besonderes.
150 Kilometer weiter zu meinem Erstwohnsitz, alles wieder auspacken, umziehen, ausruhen. Viele Stunden später, 100 Kilometer weiter zu meinem Zweitwohnsitz. Spät abends ankommen, ins Bett fallen. Verdammter Wochenend-Jetlag (oder besser Festival-Jetlag), schon wieder nicht viel schlafen können. Das Meeting um zehn Uhr den nächsten Tag muss ich wohl leider ausfallen lassen (und das in meiner Probezeit die ersten Wochen). Schade, dass die Mitarbeiter noch gar nicht soviel wissen, über ihre neue Kollegin und warum sie jetzt die nächsten drei Tage vollkommen übermüdet sich an ihren Schreibtisch schleppt. It's Deathrock, babe!

Hätte ich mit meinem neuen 9-Euro-Ticket nicht vielleicht viel lieber auch nach Sylt reisen sollen? Punk Girl ist sehr interessiert …

(Ende Teil 6/6)

[12.06.22 / 16:05] Montag, der letzte Tag des kleinen Gothic-Festivals. Fashionista Girl geht aus. Mein Outfit für den Tag und die Nacht? Die schwarz-grüne Zebra-Leggings, der äußerst bequeme und sommerlich geschnittene, kurze, schwarze Kaftan vom letzten Ibiza-Urlaub – und mein schwarzer Schlapphut! Und die dunkle Sonnenbrille. Und die Pikes, als Schuhwerk. Laut Wetterbericht und dem Blick aus dem Fenster des Hotelzimmers (deren dunkle Vorhänge die ganzen Tage höchstens nur einen winzigen Spalt geöffnet waren), es bleibt sommerlich warm, heiß, Sonne und blauer Himmel, vorüberziehende Wolkenfelder – aber trocken. Schal, Pullover, Regenschirm? Brauche ich nicht, bleibt im Hotel … böser Fehler.
Zu Fuß – die tägliche Route – das beschissene Kopfsteinpflaster vor dem Hotel und die ganzen anderen Gehwege in Richtung der Straßenbahnhaltestelle in der Nähe des großen Baumarkts am nördlichsten Ende von Leipzig. Wieder ein paar Stationen weiter zum Innenstadtzentrum, zum Hauptbahnhof, und dort ein Frühstück organisieren … wahrscheinlich schon weit nach Mittag.
Die Straße mit den Restaurants und den Bistros zwischen dem Hauptbahnhof und der Fußgängerzone, eine andere Kaffeehauskette. Ich setze mich an einen freien, kleinen Tisch an der Hausfassade und drehe die zwei Stühle so, wie ich es aus Paris gewohnt bin … mit Blickrichtung nach vorne, zum Fußweg hin. Ich schlürfe meinen Kaffee (drücke mir vorher die zwei Croissants rein) und beobachte die Menschen. Die schwarzgekleideten WGT-Besucher sind echt alt geworden! Sie laufen die paar Meter an mir vorbei, gefühlt Enddreißig, Mitte Vierzig oder schon Fünfzig … sehe ich auch schon so alt aus? An meinen Knochen spüre ich die vierzig Jahre, so unbeschwert und leicht überstehe ich die mehrtägigen (bzw. mehrnächtigen) Musikfestivals nicht mehr. Weiter danach in eine der anderen beiden Pizzerien.
Der Kellner … als ich meine Pizza bestelle – ja, ich sehe schon etwas nach Glam Rock aus, aber nennt er mich die ganze Zeit gerade: „Signore?“
„Eh! Signore! Una pizza per IL signore!“
Ich kann meine Stimmungslage nicht ganz einordnen, irgendwo zwischen Resignation und ist mir jetzt auch egal. In der Disko schlendere ich auch manchmal mit meiner Flasche Getränk in der Hand herum, nicht ganz breitbeinig (in allen meinen Röckchen sowieso nicht), aber trotzdem ab und zu … „Eh, signore.“
Weiter … ein Eis kaufen, dasselbe Lokal, ich kann den Italienern nicht böse sein (ich mag sie zu sehr). Es wird windig und kühl. Auf der Außenterrasse (die aufgestellten Stühle, Tische und Sonnenschirme auf der Straße) wurde ich schon darauf hingewiesen – dunkle Wolken. Es könnte jeden Moment anfangen, zu regen. Verdammte Wettervorhersage! Stimmt ja überhaupt nicht? (Und ich verlasse mich auf euch!)
Mein Eis verschwindet in Rekordzeit, ich schaffe es noch rechtzeitig den frühen Nachmittag in den einen Bäcker um die Ecke am Eingang der Leipziger Fußgängerzone in der Nähe der Oper. Zum Glück kenne ich mich hier aus und weiß, wo ich Unterschlupf finden kann. Dieser Leipziger Bäcker hat einen überdachten Innenhof, moderne Architektur, aber die Sitzmöbel in dem Separee sind ganz gemütlich. Vorher an der Theke ein Stück (schweren) Kuchen und eine Tasse Kaffee bestellen und mitnehmen (Selbstbedienung).
Die Moritzbastei ist in der Nähe, ich bleibe noch etwas in dem Bäcker/Kaffee, beobachte das Wetter über das Glasdach, lese auf meinem Telefon ein paar Nachrichten und krame in meinem Stoffbeutel … das Buch und mein Hut ist zwar drin, aber nicht der Poncho. Nach dem kurzen Regenschauer die paar Schritte zur alten Festungsanlage.
Schon wieder blauer Himmel, Pfingstwetter. Die Moritzbastei ist für mich der Kreuzungspunkt zwischen den schwarzen WGT-Besuchern und mir. Auf dem Mittelaltermarkt ganz oben komme ich nicht, nur mit dem anderen Bändchen, und fünf Euro nur um ein paar Minuten zu sehen, ob ein Stand mit Räucherwerk da drauf ist? Vor zehn Jahren vielleicht war ich mal da … wo meine neu gekauften indischen Räucherstäbchen in meiner Umhängetasche dann in dem Konzertsaal der nicht weit entfernten Oper ein ganz angenehmes Klima geschaffen hat. Für mich bleibt an diesem Tag nur die Bar und das Kaffee unten in den alten Festungsmauern.
Ein Glas Cola bestellen, mich an einen Tisch im Innenhof setzen (die, die schon wieder trocken geworden sind) und danach mit der Straßenbahn unweit die nächste Haltestelle wieder zurück in mein Hotel.
Packe ich jetzt schon alles zusammen? Blick auf die Hotelregeln im Internet: Check-out zwölf Uhr. Alles so lassen. Etwas Ausruhen und mich dann bereit für die letzte Nacht machen. Ohne Bands ist der Einlass wieder erst um 22 Uhr. Dusche, Chanel, Make-up (diese Reihenfolge), meine Zebra-Leggings, der schwarze Ibiza-Kaftan, die Pikes – und der metallisch blitzende Nietengürtel! Den Hut brauche ich dann nicht mehr (die Sonnenbrille auch nicht). Meine schwarze Punkerkutte überwerfen, die Kommode abräumen … den Mittag doch tatsächlich die Maske für die Straßenbahn vergessen. Wieder zurück für die fünfte und letzte Nacht zur Location am Connewitzer Kreuz.
Traditionell keine Bands und nur die kleine Halle. Auch diesen Abend beteilige ich mich an der Aktion mit dem Testzelt … wie immer ein negatives Ergebnis. Mache ich das für mich oder um niemanden anderen anzustecken? Vor ein paar Wochen hatte ich einen Arzttermin … meine Blutwerte sehen nicht gut aus. Wenn die Lymphozyten noch weiter fallen, wird es grenzwertig. Nicht nachgrübeln … weitertanzen (würde ich wissen, dass ich bald sterbe, würde ich bestimmt nicht jeden Tag noch zur Arbeit fahren und noch die nächsten zwanzig Jahre auf die Rente sparen).
Die Pikes, die ich anhabe, tragen sich gewohnt. Mit dem Getränk von der Bar geholt (nicht unbeobachtet lassen), betrachte auf einen der flachen Tische sitzend die Schuhe der anderen Festivalgäste: ab der zweiten oder der dritten Nacht sind es (fast) nur noch flache Schuhe. Ich hätte auch das ganze Wochenende mit meinen Docs oder den Pikes auskommen können – aber das wäre nicht so schön extravagant gewesen, mit einer riesigen Kiste voller Schuhe passend zu jedem Kleid anzureisen! Die DJs legen diese Nacht elektronisches Zeug auf … das DJ-Kollektiv aus Bielefeld, deren Internet-Streams ich so mag. (Ob sie wieder bis in den nächsten Vormittag durchmachen?)
Noch ein Getränk an der Bar holen, tanzen, die Damentoilette aufsuchen. Den Gedanken, den ich seit den letzten Nächten in mir trage – jetzt noch intensiver von meinem Erlebnis den frühen Nachmittag in der Innenstadt – der BH muss weg! So schön er auch ist … aber er engt mich ein beim Tanzen. Vor dem großen und hell beleuchteten Spiegel und den Waschbecken auf der Damentoilette greife ich nach hinten unter meinen Kaftan und das Spaghettiträgertop, löse die Haken, schiebe erst rechts, dann links die Träger runter – der breit geschnittene Kaftan ist da sehr praktisch – und ziehe den BH mit einem Griff hervor. Ohne mich auszuziehen! Das Beutestück kurz hochhalten und breit schmunzelnd vor dem Spiegel schnell in der Handtasche verschwinden lassen. Zurück auf die Tanzfläche.
Zwei Uhr nochwas … ich muss innerhalb der nächsten 24 Stunden noch schlafen, Autobahn fahren, die erste Wohnung, die zweite Wohnung und dann wieder einschlafen für den nächsten Arbeitstag? Lange bleibe ich nicht die letzte Festivalnacht … auch traditionell. Meine Punkerkutte/Lederjacke an der Garderobe abholen, die Handtasche schultern, die kleine Halle rausgehen nach draußen in die dunkle Nacht. Ein Blick in die Runde der Festivalbesucher vor der Tür, ein zweiter Blick zurück die paar Schritte bis zum Tor des Festivalgeländes an der Straße … ob ich nächstes Jahr hier wieder bin? (Sollte ich es überleben?) Dieses Jahr waren nicht ganz so viele Menschen anwesend. Mit der Straßenbahn und dem Taxi wieder zurück zum Hotel … mein Geld ist alle, ich kann dem Taxifahrer nicht mal ein Trinkgeld geben, meine paar 50 Cent lehnt er dankenderweise ab. (Ende Teil 5/6)

[12.06.22 / 16:04] Sonntag … der vierte Tag, die vierte Nacht … der vierte Morgen? Soviel Bettdecke und zweites Kopfkissen kann ich gar nicht auftürmen, um mich vor dem ekligen Sonnenlicht abzuschirmen. Aufstehen, duschen, das Outfit für den Tag wählen: ich ziehe mein geliebtes, schwarzes Polokleid an, das uralte, das mit der Knopfleiste, das so eng am Busen sitzt, als ob mir gleich der Knopf abspringt – und ich trage meine teure Unterwäsche, die grün-weiß-schwarze mit dem Blumenmotiv (und der BH ist kein Push-up). Es wird heiß den Tag, die Netzstrumpfhose lasse ich weg. Nach dem Bereitmachen den … sehr, sehr späten Mittag, ein Blick in den Ankleidespiegel, die große, schwarze Sonnenbrille und der markante, weiße Flechtgürtel um mein enges, schwarzes Kleid: Heroin Girl geht aus.
Ich bin schon irgendwie (körperlich) fertig, als Schuhe habe ich die hohen Schnürstiefel mit den Absatz und der Militärsohle gewählt, in meiner Handtasche und in meinem Tragebeutel ist alles dabei, was ich den Tag und die Nacht noch brauche – dieses Mal kehre ich nicht vorher den Abend für eine Dusche in das Hotel zurück. Diesen Nachmittag ist ein kleines Filmfestival auf dem Gelände geplant, zwei sehr interessante Filme über die Undergroundszene. Frühstück am Hauptbahnhof (eine bekannte Kaffeehauskette in dem architektonisch bedeutsamen Wartesaal des großen Jugendstilgebäudes) und weiter, wie jeden Tag, in die Südvorstadt.
Ich tingele den frühen Nachmittag von einem Bistro in das andere Kaffee und weiter in das nächste die Straße runter nach Connewitz. Ein syrisches Mittagessen (Manakish und Falafel), ein Latte Macchiato oder Cappuccino und ein Glas Fassbrause. In jedem der drei Lokale sitze ich eine Weile, beobachte das Treiben, lese mein Buch, das ich mit in meinem Stoffbeutel dabei habe. „Vater Goriot“, Balzac. (Ich habe in Paris damit angefangen.)
Die Filmvorführung auf dem kleinen Festival beginnt um 17 Uhr, ich bin weit mehr als überpünktlich. Interessanterweise ist der Teststand für den Virusabstrich am Toreingang noch gar nicht aufgebaut und ich erkenne erst jetzt, wie viel Aufwand das jedes Mal gekostet haben muss. Der kleine Kinosaal, den ich kurz darauf betrete, ist leer. Über einen Beamer und die aufgestellten Stuhlreihen sollen dann die beiden Filme gezeigt werden … mit mir kommt dann nur noch ein Gast. Schade, denn die beiden Filme sind wirklich gut … zwar etwas lang (und unbequem auf den harten Plastestühlen), aber äußerst interessant.
Der erste Film über die griechische Synthesizer-Undergroundszene aus der Frühzeit der Achtziger (und ihrer Entwicklung weiter in den Folgejahrzehnten) – ich fiebere bei jeder Filmszene und Einstellung an den Drehreglern der analogen Synthesizer mit. In meinem Kopf läuft parallel das imaginäre Oszilloskop und ich analysiere geradezu zwanghaft die verschiedensten Klangfarben und Schwingungen. Ich fühle mich ein klein wenig geehrt, als dann von den alten Musikern die junge Szene aus den 2000ern erwähnt wird, die im Internet die ganze Musik wieder ausgegraben hat – ich habe damals vor zehn Jahren wahre Schätze aus den Filehostern gezogen! Ultrarare Vinyl- und Kassettenmitschnitte, digitalisiert als MP3, mit allen Knack- und Störgeräuschen und Brummen und Magnetbandrauschen!
Der zweite Film … über das „Schwester-Festival“, welches in New York stattfand, wo ich immer hin wollte – und welches dann für zwei Jahre (2011 und 2012) nach Berlin umgezogen ist … interessanterweise habe ich dort auch eine von den griechischen Bands gesehen. Aber in dem Film geht es nur um die Festivalausgabe in New York. Bei der kleinen Anekdote, wie eng das allererste Festival im CBGB war, muss ich schmunzeln, der Laden war aber auch klein (das ist jetzt ein Klamottenladen, siehe meinen Trip nach New York 2013 … Jahre später bevor dieser Film, den ich gerade sehe, gedreht wurde).
Ich hoffe, nachdem die Vorstellung vorbei ist, dass die Filme die Nacht noch in Endlosschleife gezeigt werden, es kommen doch noch ein paar interessierte Gäste. Weiter – aus der Tür fallend – zur vierten Festivalnacht.
Mein Make-up trage ich vor dem Spiegel auf der Damentoilette auf, meinen täglichen Test hole ich mir bei dem wiederaufgebauten Zelt am Eingang. Als Abendessen muss wieder eine vegan- oder vegetarische Nudelbox vom Grillstand herhalten (obwohl ich den Tag die Straße runter schon soviel gegessen und getrunken habe). Diesen Abend sind großartige Bands und Künstler angekündigt.
Bereit für die Nacht vor der Konzertbühne in der kleinen Halle. Die beiden ersten Musiker kenne ich schon von den vergangenen zwei Online-Festival-Ausgaben, sie endlich in echt zu sehen, macht mich glücklich. Der erste der beiden singt seine Texte auf deutsch, ich kann jedes Wort verstehen und fühle mit, wenn es um die Ehre der queeren Community geht!
Der zweite Künstler an seinen aufgebauten Synthesizer-Tischen … wie schon in dem Film von vorhin erwähnt: Synthesizer sind nicht alles – sie richtig bedienen zu können und alles mögliche aus ihnen herauszuholen, ist eine „Killer-Kombination!“ Ich stehe in der ersten Reihe, ganz vorne, kann alles sehen, bewege mich zu der Musik – und muss danach gleich den Merchandise-Stand in der Nachbarhalle aufsuchen! Ein Album von ihm habe ich schon, ein zweites dieses schottischen Ausnahmekünstlers kommt jetzt dazu (das mit dem Titel, welcher mir in dem Online-Stream letztes Jahr schon gefallen hat).
Und jetzt die dritte Band … WTF? Die Halle ist voll, gerade zurück von meinem kleinen Einkauf, kann ich nur ganz hinten stehen – aber wenigstens etwas erhöht auf der Treppe vom Eingang runter in die kleine Halle. Die Band kommt aus Italien … denke ich. Viel weiß ich nicht – aber ist das da nicht der alte Sänger oder Performer oder Tänzer von dieser uralten italienischen Punk-Legende? Entweder ist er betrunken, auf Drogen, hatte mal einen Schlaganfall oder es ist einfach nur pure Absicht und legendär. In etwa so muss ich mir die Konzerte von ihm in den Achtzigern irgendwo in den schäbigsten Clubs und Kaschemmen norditalienischer Industriestädte vorstellen? „Wow!“
Weiter die Nacht, so abgefuckt wie er, kann ich nicht mehr werden, das war noch eine Spur härter als der Drummer von der einen Band den ersten Abend. Wieder zurück in die Verkaufshalle, an dem Stand von dem einen Plattenlabel vom Abend zuvor, weiter obskures Zeug kaufen. Die eine Platte von der einen Band, die ich gestern schon herausgezogen habe, deren Cover mich nur irritiert hatte: „Ach so … die zweite LP ist mit einer ‚I‘ gekennzeichnet?“ (Sehr verwirrend.) Und weiter zurück zu der ersten Halle, meine Einkäufe in meinem wieder leergeräumten Stoffbeutel an der Garderobe auslagern … mitsamt der Hälfte des Inhalts meiner Handtasche: „Muss mal etwas Gewicht auslagern.“ Befreit von dem Ballast, zurück auf die Tanzfläche.
Die Stiefeletten die ich trage, die mit dem hohen Blockabsatz – ich spüre schon gar nicht mehr, dass ich überhaupt Absätze trage – ich kann damit sogar bequem tanzen. Meine Flasche Koffein-Getränk stelle ich hier und da mal ab und bewege mich zwischen den bunten Lichtern zu der Musik. Habe ich die Nächte davor noch meinen Schatten im Strobo-Gewitter vermisst, so komme ich jetzt wieder mehr zurück aus meiner innerlichen Migration der letzten zwei Jahre. Ich bin sogar so zutraulich und entspannt … ich lasse ja wirklich sehr weit mein Getränk unbeobachtet zurück. (Tatsächlich habe ich es sogar mal in der anderen Halle stehen gelassen!)
Hintergrund: Es wurde nachträglich bekannt, dass genau in dieser Nacht auf dieser Party K.-o.-Tropfen verteilt wurden. Schlimm, und diese Szene ist für mich immer wie eine kleine Familie, wo niemand jemand irgendetwas dieser Art antun könnte. Das hat mich doch Tage später, als ich diese Nachricht gelesen habe, zutiefst erschüttert.
Zurück in diese Nacht, mir ist nichts passiert, aber mein Getränk von irgendwo wieder hervorzuholen: „Wird schon meins sein“, das sollte ich so nicht mehr machen. Wieder drei oder vier Uhr nochwas, meinen schwarzen Wollponcho überwerfen und die Straßenbahn-Taxi-Kombination zurück zu meinem Hotel ansteuern.
Jede Nacht blicke ich auf mein Smartphone, jede Nacht in der Menge zwischen den tanzenden Menschen schaue ich nach, ob er mir wieder eine Nachricht geschrieben hat. Das Display des Telefons bleibt stumm … nichts von ihm. (Ende Teil 4/6)

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Kommentar:

[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana

aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.

LG Daniele

Morgana LaGoth: Einige Kommentare müssen auch nicht allzu öffentlich sein …

[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,

Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.

Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Danke. Endlich wieder verreisen … lange darauf gewartet. Lebendig bleiben, solange es noch geht.

[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,

Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.

Liebe Grüße
Daniele

Morgana LaGoth: Vielen Dank, ich wünsche dir ebenfalls ein schönes, neues Jahr.

[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,

eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.

Morgana LaGoth: Danke dir.

[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana

Ich habe Dir eine Mail geschickt.

Lg
Daniele

Morgana LaGoth: Hey ... vom Lenkrad aus mit der Hand winken, von einem MX-5 zum anderen. *freu*

[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend

das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele

Morgana LaGoth: Mail-Adresse steht oben bei "kontakt" - bei weiteren Fragen, gerne.

[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele

Morgana LaGoth: Da liest sich tatsächlich jemand alles durch? Das ist mittlerweile schon ein kompletter Roman mit mehreren hundert Seiten! Danke dir, für deinen Kommentar (und die aufgebrachte Zeit).

[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Dann wünsch ich dir jetzt noch viel mehr Glück bei deiner Genesung!

[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,

vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea

Morgana LaGoth: Ich wünsche dir für deine Operation viel Glück. (Sollte der Koch nicht gewechselt haben, das Essen da in der Klinik ist richtig gut!)

[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.

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