Ich sitze wieder im Zug Richtung Leipzig.
[21.07.26 / 00:24] ✎ Ich sitze wieder im Zug Richtung Leipzig. Mit dabei in meiner kleinen Sporttasche: das schwarz-goldene Kleid im Baby-Doll-Schnitt, das habe ich über Nacht schon draußen auslüften lassen, so ist das, wenn ich ein oder zwei Jahre ein neu gekauftes Kleid im Schrank hängen habe und ich nicht weiß, ob ich es jemals schon einmal angezogen habe – jetzt der CSD in Leipzig da will ich es endlich tragen.
Mit dem Regionalzug von Magdeburg aus Richtung Leipzig, früh am Morgen, kurz nach dem Frühstück bin ich schon von meinem Heimatkaff aus in den Verbindungszug gestiegen, in Magdeburg selbst finde ich den abfahrenden Express nicht, ich muss noch eine S-Bahn in das nächste winzige Provinzkaff nehmen … viele ratlose Gesichter auf dem Umsteigebahnhof. Leipzig erreiche ich erst spät gegen Mittag.
Wird es dieses Jahr voll werden? Je näher der Regionalzug Leipzig kommt, desto mehr Leute müssen in den Gängen stehen, noch mehr Leute bleiben auf den Bahnhöfen mit noch mehr ratlosen Gesichtern zurück. Viele sehe ich schon in ihren bunten Regenbogengewändern, einige sogar mit Trans-Flagge … ich habe mich nicht getraut, mein Trans-Pride-T-Shirt schon während der Fahrt quer durch Sachsen-Anhalt zu tragen, ich reise inkognito, unerkannt, zu meiner eigenen Sicherheit. Unter meiner schwarzen Baumwoll-Bikerjacke trage ich nur ein ärmelloses, schwarzes Top.
Angekommen am Bahnhof in Leipzig, die Schließfächer suchen, meine Sporttasche möchte ich nicht mit auf die Demo nehmen, da ist noch mein ganzer Übernachtungs-Kit drin, eine kleine Waschtasche, das genannte Kleid – und die Pikes-Stiefeletten. Für die Demo bleibe ich in meinen Sneakers und der anthrazit-grauen Stretchjeans. Mein T-Shirt und den Sonnenhut aus der Tasche kramen, die automatische Stimme am Schließfach warnt schon, bitte alles schnell in das Fach legen! Ein Countdown zählt runter. Ich werde schon wieder nervös vor aller beobachtender Gesichter. Die Tasche hoch wuchten, Bikerjacke mit rein, Tür zu, Abholbon aus dem Schlitz ziehen. Mein T-Shirt überziehen: Trans Lives Matter – das hatte ich auch schon länger nicht mehr an, es hing über Nacht auch neben meinem Kleid.
Zu Fuß mit Sonnenbrille und Sonnenhut über die große Straßenbahnhaltestelle – von denen die Hälfte der Gleise gesperrt ist, wegen einer Baustelle – weiter zum Augustusplatz, dem Versammlungsort für den diesjährigen CSD in Leipzig.
Ich nähere mich von der Straße aus mit den Restaurants über die Fußgängerzone, ich kann den Augustusplatz schon sehen … bin ich zu früh? Doch nicht so viele Menschen? Letztes Jahr war das hier noch viel, viel voller. Es verteilt sich, die Schattenplätze sind begehrt.
Die Demotrucks stehen dieses Jahr in drei Reihen parallel zueinander. Nach einer kurzen Runde über den Platz vor der Oper mit den vielen aufgebauten Ständen und der Bühne, finde ich nahe dem gegenüberliegenden Platz mein Demofahrzeug: zwischen den vielen Trucks mit den Parteien und diverser großen Firmen in Leipzig, fährt dieses Jahr wieder ein Wagen der Antifa ganz hinten mit! Noch hinter dem Wagen der Linken, die letztes Jahr der einzige letzte Wagen waren. So viele interessante Menschen versammeln sich hier, im Schatten der Arkaden creme ich mich mit dem letzten Rest meines SPF-50-Sonnenschutzes ein.
Geplant sollte die Demo dreizehn Uhr den Sonnabend losgehen, als die großen Trucks nacheinander losfahren, dauert es gefühlt eine Stunde, bis auch der letzte Wagen den Platz verlässt – und es ist doch voll geworden, zwanzigtausend wie letztes Jahr, bestimmt wieder.
In den Medien, die kleinen CSDs in den vielen Kleinstädten, die jetzt überall stattfinden, im Osten wie im Westen von Deutschland, es macht keinen Unterschied, sie werden überall angegriffen. Ich muss mir vorher schon überlegen, lohnt es sich noch zu einem CSD zu fahren? Wenigstens der in Leipzig, der ist groß genug? Die ersten paar hundert Meter, es geht stockend voran, eine Party-Stimmung kommt bei mir nicht auf, ich wechsele in meinen Soldatenmodus. Mein Gesicht ohne Mimik und der absuchende Blick unterscheidet sich nicht von den an den Seiten stationierten Gesichtern der Polizisten und Polizistinnen in dunkel-schwarz-blauer Kampfmontur. Mein Blick sucht rechte Störer am Straßenrand. Jede zu überquerende Kreuzung fallen mir die wartenden und sogar schon wendenden Fahrzeuge auf, die Polizei sperrt hier nicht mit ihren großen Wannen ab … zu einfach wäre es für Angreifer, die Gelegenheit zu nutzen, bis vorne an die Kreuzung zu fahren und dann auf das Gaspedal zu treten … wenn ein paar Verrückte das schon gemacht haben, und das überall in den Medien kam, dauert es nicht mehr lange, bis der nächste rechte Spinner sich für einen Helden hält und es genauso macht. Die Polizei kann nicht überall alle schützen. Es dauert noch ein paar Straßenzüge und Kreuzungen, bis ich mich langsam entspannen kann.
Die Demo zieht weiter durch die Innenstadt von Leipzig, laute Bässe, laute Musik, wirklich sehr viele interessante Menschen um mich herum, viele sind trans, wie ich … ist ja auch der Antifa-Wagen.
Ab und zu durch die Häuserschluchten ein Schatten, eine Baumallee, Schatten werfende Blätter, ich habe die schwarze Baumwollhandtasche dabei und mit zwei kleinen Wasserflaschen bestückt. Der Kommentar über meinen süßen Strohhut ist zwar ganz nett, aber den trage ich nicht aus modischen Gründen, der schützt mich vor der Sonne!
Ich blicke nach vorne und sehe den Anfang der Demo nicht, ich blicke nach hinten und sehe auch kein Ende … und das ist der letzte Wagen. Die CSD-Demo nimmt einen größeren Weg, damit alle Platz finden? Gegenden der Leipziger Innenstadt, in denen ich noch nie war. Sie nimmt nicht die Gasse zurück auf den Marktplatz, sie nimmt den Weg über das westliche Ende der Fußgängerzone! Ich freue mich, endlich die Fußgängerzone, endlich auf andere Menschen abseits der Demo treffen! Die Musik spielt laut, ich tanze durch die Demo, kein Gefühl der Angst und Unsicherheit mehr, wie zwei Stunden und zwei Wasserflaschen zurück … ich habe meine ganze militärische Ausbildung schon wieder vergessen, kein Lage, Auftrag, Nachbarn, Grenzen … CSD-Demo durch die Leipziger Innenstadt, vereinzelte rechte Störer zu erwarten, mich selbst schützen, andere Demoteilnehmer schützen, Straßenzüge aufmerksam beobachten, jederzeit Flucht- und Rückzugwege analysieren. Fast hätte ich meine alte, olivgrüne Feldjacke für den CSD herausgekramt.
Die Demo zieht in Ziehharmonikaform durch die Innenstadt, den Marktplatz von Leipzig, über die angrenzenden Straßen zur Baustelle der Straßenbahnhaltestellen und vorbei am Leipziger Hauptbahnhof, zurück über die Rückseite der Oper wieder auf den Augustusplatz. Jetzt habe ich mir ein Eis verdient! Bevor ich wieder zurück auf die andere Straßenseite zu meinem gebuchten Hotel gehe, bestelle ich mir noch an dem italienischen Eisstand am östlichen Ende der Fußgängerzone eine Kugel Malaga in der Waffel. Weiter zum Hotel.
Du kennst das Hotel schon … denke ich mir, als ich an meinem On-Off-Ex-Freund / langjährigen Liebhaber denke, mit dem ich zuletzt Oktober hier ein paar Stunden verbracht habe. Er hat eine Nachricht von mir bekommen, ich bin wieder in Leipzig. Eine größere Nachricht, mein Plan: Demo mitmachen, im Hotel einchecken, eine Dusche nehmen, den späten Nachmittag auf ihn warten und dann weiter den Abend und die Nacht zu der Abschlussparty vom CSD, weit draußen in Plagwitz. Ich bekomme das kleine Zimmer gleich unten in der zweiten Etage neben dem Aufzug, mit Blick auf die Straße, über einen Wandschalter winkele ich die schweren Außenrollos an. Das Zimmer ist klein, aber es hat ein Ein-Meter-Vierzig-Queensize-Bett, gewohnt genug Platz und es ist klimatisiert und still und ruhig … würdest du mir nur jetzt etwas schreiben, eine Nachricht? Ich nehme die Dusche, breite alle meine Sachen in dem Zimmer aus und schlafe, eingerollt in dem weißen Frottee-Handtuch, auf dem Bett ein. Kurz nach achtzehn Uhr wache ich wieder auf, keine Nachricht von ihm.
Ich mache mich für die Nacht ausgehbereit. Make-up: schwarzer Kajal, schwarzer Mascara, das Bad hat einen schwenkbaren Vergrößerungsspiegel. Das orientalische Parfüm, der Patchouli hinter den Ohren, mein schwarz-goldenes und sehr kurzes Kleid mit dem orientalisch anmutenden Muster, die Nylon-Strumpfhose ohne Muster und die spitz zulaufenden Pikes-Stiefeletten mit den kubanischen Absätzen. Silberschmuck, marokkanischer Armreif, der andere Armreif, ein Ring und die Silberkette mit dem silbernen Ganesha-Anhänger. Mit der riesigen Wolke Patchouli um mich herum, ich könnte auch direkt aus den Sechzigern oder Siebzigern entsprungen sein. Neunzehn Uhr und ich greife meine schwarze Baumwoll-Bikerjacke und schließe die Hotelzimmertür hinter mir, ich kann kaum etwas sehen, ich trage die neue „Ray Ban“ Sonnenbrille. Alles schreit nach: ich bin nicht von hier und auch nicht aus dieser Zeit.
Draußen mein Weg über den Opernplatz wieder zurück in die Innenstadt, es sind noch Leute auf dem Platz, vielleicht spielt noch eine Band auf der Bühne, die Stände der Vereine sind schon weg, Latino-Musik wird gespielt, Leute tanzen, ich tanze hindurch. Weiter zu der Straße mit den Restaurants.
Indisch? Italienisch? Eine größere Wahl will ich nicht und hatte ich auch nie. Meine Wahl fällt wieder auf Italienisch, ich möchte Pasta essen, nicht Pizza, das hatte ich Pfingsten schon. Das italienische Restaurant hat in dem Innenhof leider keinen Platz mehr frei, ich muss draußen auf der Straße inmitten der Fußgängerzone sitzen, weiter interessante Menschen beobachten.
Danach weiter über versteckte Gassen und Innenhöfe, über den Park hinter der Oper zurück auf die Ringstraße, irgendwo hier sollen jetzt die ganzen Straßenbahnen fahren, die sonst am Hauptbahnhof abfahren würden, wenn ich die Linie nach Plagwitz nehmen wollte. Mein Straßenbahnticket kaufe ich mir an dem Automaten, da bin ich schon wieder am Hotel – hier fährt eine „3“? Die richtige „3“? Ich muss die andere „3“ nehmen, die in die Gegenrichtung. Minuten der Verwirrung, aber ich finde mich zurecht.
Die Abschlussparty hat den Einlass auf frühe einundzwanzig Uhr angesetzt, als ich am Eingang stehe und mein Smartphone für das Ticket und den QR-Code aus meiner Baumwollhandtasche krame, ist es schon gegen zweiundzwanzig Uhr. Die Party-Location ist dieselbe, wie ich sie auch von Pfingsten schon kenne, ich war hier vor zwei Monaten schon einmal. Deswegen das Ticket und diese Venue, der große Innenhof, der Balkon, die große Tanzfläche in dem Saal, wo jetzt wohl die anderen Tanzflächen sind? Das, was bei dem Festival der Merchandise-Stand gewesen ist? Die Garderobe ist für diesen Abend geöffnet, aber ich will meine leichte Jacke in der Hand behalten, wenn ich den Abend und die Nacht die meiste Zeit draußen verbringen will.
Noch bevor ich meine erste Flasche Mate-Brause bestelle, die ersten Titel auf der großen Tanzfläche tanzen, gefühlt Achtziger-Jahre-Kram, ich muss meine Sonnenbrille aufsetzen, ich wollte das schon immer einmal tun. Nach wenigen Titeln, weiter an die Bar und nach oben.
Das obligatorische Selfie mit Blick auf die Dächer im Hintergrund auf Plagwitz, mit Sonnenbrille, ohne Sonnenbrille, alles ist verwackelt und verschwommen. Pfingsten auf dem Gothic-Treffen habe ich mich nicht getraut, hier oben am Geländer Selfies zu machen, dazu ist die Gothic-Szene zu elitär. Bei den LGBTQ-People hier, ist mir das egal, ich werde niemals angesprochen, oder beobachtet, bin in meiner Bubble, es ist ein „Safe Space“ für alle sonderbaren Gestalten.
Unten der Hof, mir fällt die Karaoke-Bar auf … traue ich mich? Ich würde gerne ein paar Songs von Billy Idol singen, bis auf die Refrains während dem Autofahren bin ich aber nicht textsicher. Ich werde mich die ganze Nacht nicht trauen.
Mir fallen die großen Sitz- und Liegekissen auf, arrangiert auf einem Holzpodest.
„Geht es dir gut?“, ein Gesicht beugt sich über mir, ich liege schon minutenlang auf so einem riesigen Kissen und starre den wolkenbehangenen Nachthimmel an.
„Das ist schön hier, wenn es jetzt noch Sterne geben würde … Da, ein Stern!“ Eine Wolke reißt eine Lücke.
Wieder drinnen, ich wechsele zwischen den beiden Tanzflächen. An der großen finde ich meinen „Bar-Tisch“, die Heizung an der Wand ganz hinten. Die zweite Tanzfläche ist tatsächlich der Raum, in dem vor ein paar Wochen die Merchandise-Tische aufgebaut waren. Draußen die dritte Tanzfläche, eine DJane legt chillige Musik auf, Ethno-Halal-House.
Mitternacht drinnen, es waren Drag-Queens angekündigt und es sind einige gekommen, die Namen sagen mir etwas, ich habe da noch einen Flyer aus Berlin. Der Saal ist voll, die Menge jubelt, ich warte darauf, dass die Drag-Queens einen schmalen Gang durch das Publikum öffnen, aber sie kommen nicht von ihrer Bühne herunter. Ich bewundere ihre Kostüme und wie viel Arbeit das wohl gemacht hat, alles selbst zu schneidern, kunstvolle Perücken. So groß ist der Saal nicht und ich kann auch von meinem Stammplatz unterhalb der Empore viel sehen. Ich wünschte, er wäre hier, ich bin den ganzen Abend alleine.
Er hat mir Nachrichten geschrieben, ich habe sie oben auf dem Balkon schon gelesen, als ich in einem der tief geklappten Liegestühle saß. Er schreibt, er wartet auf mich in dem Hotel, oben die Lounge-Bar im siebten oder achten Stock, er kennt die Bar. Ich soll nicht zu spät die Nacht zurückkommen. Ich schreibe ihm, ich weiß nicht, wann ich vielleicht zurückkomme, zwei oder drei Uhr die Nacht? Er schreibt, spätestens um zwei Uhr machen sie die Lounge-Bar zu und schmeißen alle raus. Ich bin hin und her gerissen … gehe ich hier? Aber die Party hat doch gerade erst angefangen? Es ist kurz nach Mitternacht?
Ein weiterer schüchterner Blick in die Karaoke-Bar … noch mehr Leute und ich traue mich nicht. Ich kann alle Refrains, von „Rebel Yell“, über „White Wedding“ und „Eyes without a face“, wahlweise mit der einseitig hochgezogenen Oberlippe, wie es nur Billy und ich tun können.
Mein Blick von oben runter auf den Innenhof fällt auf die kleine Bühne mit der DJane, sie legt jetzt richtig gute Stücke auf und es sind nur drei Leute, die da vor ihr in dem staubigen Kiesbett tanzen … ich geselle mich dazu. Die Musik wird so elektronisch, sie könnte auch auf jeder Crossover-Electro-Gothic-Party gespielt werden. Ich bin in Schwarz, mein Kleid, meine Pikes, meine Bikerjacke. Irgendwann schreibe ich ihm, es ist kurz vor zwei Uhr und ich bin immer noch nicht auf dem Rückweg.
Ich gehe, die Entscheidung ist getroffen … mit einem Gefühl, vielleicht sehe ich ihn, vielleicht auch nicht. Ich komme mir doof vor, dass ich Kondome mit eingepackt habe, die, deren Verfallsdatum schon abgelaufen ist, eine kleine Packung Gleitgel gab es mit dazu, von Partys, die schon Jahre zurück liegen, Kondome, die noch in meiner alten Wohnung in Leipzig herumlagen. Einerseits vermisse ich ihn, andererseits möchte ich ihm das immer nicht wieder antun, ihm schreiben, ich bin da – und dann wieder doch nicht. Den Nachmittag ein paar Stunden zuvor in dem Hotelzimmer, da habe ich auf ihn gewartet, jetzt fliehe ich vor ihm.
Ich tanze noch ein paar Songs, gebe meinen leeren Becher Wasser an der Bar zurück, suche die Toilette, stehe in der Schlange – so ist das, wenn ihr Männer mit den Frauen eine Unisex-Toilette teilen müsst – werde von einer jungen Frau angequatscht, die Musik ist so laut, ich verstehe sie gar nicht, lasse mich aber nicht aus der Ruhe bringen.
„Schön, dass du das Spiel mitspielst“, weiter näher an der Toilette wird die Musik leiser, sie hat mich herausgesucht und so getan, als würden wir uns kennen, um nicht länger weiter hinten in der Schlange warten zu müssen. Sie hätte nichts weiter tun müssen, wie ich jetzt weiß, kommen häufiger Menschen auf mich zu, die vorgeben, mit mir schon ewig lange befreundet zu sein … nur ich habe sie vergessen.
Nach der Toilette, einen letzten Song tanzen, tanzend durch die Menge nach draußen zum Ausgang. „Kein Wiedereintritt“ steht auf dem Schild, ich bin endgültig draußen.
Ich stehe an der Straße und warte auf ein Taxi. Taxis fahren vorbei, die Gegenrichtung, die andere Spur, fahren in Richtung der Event-Location, viele Leute haben ihre Smartphones in der Hand und tippen eine Nummer. Ein Nachtbus fährt an mir vorbei … laufe ich bis zu der Haltestelle? Ich habe kein Ticket. Wenig später ein Taxi, es hält vor mir.
„Habt ihr das Taxi gerufen, ist das euers?“, die zwei laufen von der gegenüberliegenden Fahrbahnseite auf das Taxi zu.
„Ja, das ist unseres.“
„Wo fahrt ihr denn hin? Ich muss zurück zum Augustusplatz.“
„Ja … das ist fünf Minuten von da, wo wir hin wollen – du kannst dich an dem Fahrpreis beteiligen.“
„Ich habe noch ein bisschen Bargeld dabei“, sie steigt vorne ein, ich mit ihrer Begleitung auf die Rücksitzbank vom Taxi. Durch die Nacht mit dem Taxi zurück zur Innenstadt von Leipzig, zum Ausgangspunkt des CSDs vom Nachmittag.
Sie steigen nicht weit entfernt davon am westlichen Ende der Fußgängerzone aus, der Taxifahrer bietet an, mich weiter zu fahren, aber das letzte Stück durch die Fußgängerzone gehe ich zu Fuß. Die eine, die das Taxi bestellt hat, bekommt einen Fünfer von mir.
Durch den Schein der Straßenlaternen durch die gar nicht so leere Innenstadt von Leipzig. Blaue Lichter der Polizeiautos, die eine Diskothek da, da gab es wieder Ärger. Junge Frauen laufen an mir vorbei, alleine, zu zweit, ich bin nicht die einzige, die mit ihren Absätzen laute Geräusche auf dem Kopfsteinpflaster hinterlässt. Junge Männer hier und da, arabisch aussehende Männer … ist er es? Nein, er sieht mittlerweile viel älter aus.
Ich zeige meine Schlüsselkarte in der dünnen Kartonage durch die Scheibe dem Hotelmitarbeiter hinten am Rezeptionsschalter, die Glastür öffnet sich. Wenige Schritte zum Aufzug, noch weniger Schritte zu meiner Tür gleich neben dem Aufzug … er hat weder unten an der Lobby, noch neben meiner Zimmertür auf mich gewartet, ich hatte ihm den Nachmittag schon die Zimmernummer geschrieben.
Ich betrete mein kleines Hotelzimmer nur für mich ganz allein, öffne die große Fenstertür und verschwinde ins Bad. Make-up entfernen, Zähne putzen, Haare kämmen, Aloe Vera auftragen, meine Schlafmaske und die Ohrstöpsel hervorholen. Wieder draußen aus dem Bad, ins Bett verschwinden. Glastür und Vorhänge wieder zu, den Wecker für das Frühstück um zehn Uhr den Sonntagmorgen stellen. Es ist drei Uhr fünfzehn und er hat keine Nachricht geschrieben. Den nächsten Tag werde ich ihm schreiben, dass das über eine Stunde gedauert hat, von der Party bis hier her ins Hotel zu kommen, deswegen ist das mit zwei Uhr nichts geworden. Ich schlafe gleich ein, ich werde auch nicht mehr auf das Smartphone schauen.
Sonntag zehn Uhr, aufstehen, Haare kämmen, Gesicht frisch machen, das Kleid von letzter Nacht und die Stretchjeans anziehen, mit dem Aufzug hoch auf die siebte Etage und das üppige Frühstücksbuffet einnehmen. Brötchen, Croissants, Joghurt mit Früchten, ein Ei und ein Glas Orangensaft und eine größere Tasse schwarzen Kaffee und der Blick auf die Dächer von Leipzig und die Straßenbahnlinien ganz weit unten, das Frühstück mit der Aussicht ist jeden Euro wert.
Check-out ist um zwölf, vorher duschen, zurück vom Frühstück, und alles zusammenpacken. Draußen betrete ich wieder die Straße und da ist er, der hinterher gerufene Kommentar: „Ich bin schwanger!“ – irgendjemand findet das urkomisch, Frauen in Baby-Dolls und Jeans zu sehen. Ja, ich weiß, normalerweise ziehe ich solche Kleider nicht an – aber das in dem Muster gab es nur in dieser Schnittform. Mir ist bewusst, dass ich darin wie eine schwangere Frau aussehe – und ich fühle mich in dem Moment auch so, ich bin bis oben dicht mit Hormonen und werde künstlich auf dauerschwanger gehalten. Meine ignorierende Abweisung lässt ihn bestimmt daran zweifeln, ob ich nicht wirklich eine „echte“ schwangere Frau gewesen bin … nicht zu viel darin hinein interpretieren, vielleicht hat er auch wirklich nichts an mir bemerkt.
Weiter zum Bahnhof, das letzte Restaurant in der Fußgängerzone wähle ich für mein Mittagessen, wieder Pasta … Gnocchi eigentlich. Während ich auf meine Bestellung warte, suche ich seine Nachrichten … mehrere entgangene Telefonanrufe. Er hat zwischen vier und fünf Uhr tatsächlich noch versucht, mich zu erreichen. Er schreibt, er musste nach um zwei Uhr die Hotel-Lounge verlassen. Er hat auf mich gewartet. Ich mag mich nicht. Ich habe ihn versetzt. Wir haben uns verpasst. Ich habe ihm bewusst nicht geschrieben, dass ich zurück im Hotel bin, wenn er mir nichts schreibt, erwarte ich auch nichts. Wie Pfingsten, ich will einfach nur in Ruhe in meinem Hotelzimmer schlafen. Mir geht das Bild nicht aus dem Kopf, wie er Pfingsten vor einem Jahr von der Security auf dem Festival von mir weggezerrt wurde … sie wollten mich nur beschützen.
Weiter zum Bahnhof hinein. Die offenen Geschäfte auf den zwei Ebenen ablaufen, die Zeit herumbekommen bis zur Abfahrt der S-Bahn unten auf den tieferen Gleisen, ich fahre die Strecke über Halle und erreiche Magdeburg vom Süden aus. Damit vermeide ich den Umstieg im Nordosten von Magdeburg.
Es wird spät den Nachmittag, als ich mein Heimatkaff erreiche, ich will das nächste Wochenende wieder nach Leipzig … da ist dann wieder so eine Party. Ob ich ein Hotel nehme, lasse ich wetterabhängig. Vielleicht nehme ich auch nur so den Zug, ohne Hotel und Übernachtung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm noch eine Nachricht schreibe … spätestens wenn ich sowieso kein Hotel mehr buche, macht das zwischen uns keinen Sinn mehr. Ich liebe ihn und wir haben uns auseinandergelebt.
Kommentar:
[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana
Mail ist heute rausgegangen
LG Daniele
[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana
aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.
LG Daniele
[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,
Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.
Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.
Liebe Grüße
Daniele
[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,
Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.
Liebe Grüße
Daniele
[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,
eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.
[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana
Ich habe Dir eine Mail geschickt.
Lg
Daniele
[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea
[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
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