Ich habe nicht so lange geschlafen, wie ich eigentlich wollte, was ist aus mir geworden?
[31.05.26 / 02:13] ✎ Ich habe nicht so lange geschlafen, wie ich eigentlich wollte, was ist aus mir geworden? Früher die Festivals, nicht vor um sieben Uhr ins Bett, schlafen bis Mittag. Es ist bereits kurz nach zwölf Uhr den Sonnabendmittag und ich stehe wieder an der Straßenbahnhaltestelle an dem Baumarkt, ein paar Fußminuten entfernt von meinem Hotel. Entweder es passiert hier oder es ist schon den letzten Tag passiert: Ich krame meine Sonnenbrille aus meiner Handtasche, setze sie auf – und das rechte Glas fällt raus. Wie konnte denn das passieren! Ich hebe das Glas auf, versuche es noch einmal in den Rahmen einzusetzen und es fällt wieder runter. Spätestens beim zweiten Versuch zerspringt es auf dem Steinboden dieser gepflasterten Straßenbahnhaltestelle. Eine Ecke ist sichtbar abgeplatzt. Ob es auf diese Brille noch Garantie gibt? Die ist doch noch gar nicht so alt, höchstens achtzehn Monate. Ich brauche für dieses Wochenende eine neue Sonnenbrille. Outfit des Tages: „Trad Goth“, der schwarze Lederminirock, die Netztunika vom letzten Halloween, nichts darunter, meine blanke Haut und nur das schwarze BH-Top, die schwarze Baumwoll-Yogahose und wieder die Doc Martens. Konzerte den späten Nachmittag: Deathrock, Post-Punk und Punk.
Ein paar Haltestellen weiter, die Linie, die ich genommen habe, knickt hier ab und fährt nicht direkt zum Hauptbahnhof, sie kommt da zwar an, aber etwas später, ich steige hier aus. Kurze Orientierungsphase … du kennst die Gegend, du hast hier gewohnt, dort ist der Eingang zu der Kaufhalle und weiter hinten der Getränkemarkt. Zwei Flaschen Wasser zum Mitnehmen kaufen. Meine Punker-Lederkutte habe ich über den Arm, anders als den Tag zuvor, werde ich diesen Tag wieder gleich zu den Konzerten fahren.
Zuerst weiter in die Innenstadt von Leipzig und dort bei der heimischen Bäckerkette ein Frühstück bestellen. In dem Flagship-Store haben sie keine Croissants mehr, ich muss mich mit Weißbrot behelfen, vielleicht war es auch Brioche.
Weiter in die gut besuchte Fußgängerzone, die erstbeste Filiale einer Optikerkette anvisieren und dort nach einer neuen Sonnenbrille suchen. Meine alte Sonnenbrille, die von „Polo Ralph Lauren“, habe ich hier auch irgendwo gekauft, einen Hunderter will ich für meine neue Sonnenbrille auch wieder ausgeben. Ich wollte schon immer einmal eine „Ray Ban“.
Der erste Laden, den ich finden kann, natürlich haben sie hier eine große Auswahl an „Ray Ban“ Sonnenbrillen. Ich probiere eine nach der anderen an. Die mit den Kunststoffgestellen sortiere ich nacheinander aus, sie würden sonst mit meiner anderen Markenbrille konkurrieren. Mir gefallen die in dem Metallgestell. Auf den Fotos aus den Achtzigern sieht man sie zusammen mit den Künstlern aus der EBM-Szene, die Goth-Rocker tragen ja lieber die mit dem Kunststoff. Das Metallgestell mit den runden Gläsern? Oktagonal? Mir stehen die mit den ovalen Gläsern, nicht zu eng, nicht zu breit, die ist perfekt, die nehme ich.
„Ich behalte sie gleich auf“, die nette Verkäuferin biegt sie für mich noch zurecht, bevor ich wieder meine Plastekarte über das Terminal schiebe. Das wird ein sehr teures Wochenende, Shopping, Taxis, Essen, Trinken, allein das Hotel und das Ticket haben schon so um die 1100 Euro gekostet, jetzt nach den drei Einkäufen kommen noch einmal 250 Euro oben drauf.
Kurz nach vierzehn Uhr den Nachmittag, noch ein Eis, noch ein Rundgang durch das noch teurere Kaufhaus und wieder weiter mit der Straßenbahn Richtung agra und den Messehallen, ich muss noch in die erste Halle mit dem Verkaufsmarkt. Die Stände mit den schwarzen Klamotten lasse ich links liegen, ich suche nur die Stände mit den alten CDs und Vinylschallplatten. Einen Stand finde ich, ich setze meine Lesebrille auf und filtere mich durch die Reihen mit den Tonträgern und Bandnamen auf Karteikarten. Vier CDs von vier Bands finde ich: „Ataraxia“, die wollte ich diesen Tag eigentlich live sehen, mein Einstieg in die Goth-Szene 2001/2002, „Deep Eynde“, die eine Compilation mit den frühen Aufnahmen, damit ist die Diskografie komplett, „Skeletal Family“, das eine Doppelalbum, ich habe das komplette Batcave-Revival ab 2002 mitgemacht und „XMal Deutschland“, die Band vom letzten Abend, eines ihrer frühen Alben. Und wieder geht ein Fuffi über den Ladentisch, Budget gesprengt, 1400 Euro (und da kommen noch ein paar Taxifahrten).
Wieder zurück mit der Straßenbahn Richtung Südplatz, um dort in einem Bistro etwas zu essen. Am Hauptbahnhof den Mittag habe ich es schon mitbekommen, jemand hat mich im Vorbeigehen als „Drag Queen“ bezeichnet, ich falle auf, halbnackt in meiner Netztunika? Als ich aus dem Bistro kommend, wieder zurück an der Straßenbahnhaltestelle auf die nächste Bahn Richtung Innenstadt warte, zerscheppert plötzlich eine Bierflasche hinter mir, jemand hat sie gezielt aus dem fahrenden Auto geworfen, um die wartenden Menschen an der Straßenbahnhaltestelle zu treffen, hier stehen nur ein paar schwarzgekleidete Goths und ich. Eine der grünen Glasscherben streift einen meiner Doc Martens Stiefel – das nehme ich persönlich. Ich dachte erst, irgendjemandem ist eine Flasche runtergefallen, das hat ein paar Momente gedauert, bis ich realisiert habe, dass das eigentlich ein Angriff war. Mit viel Glück hat es die Scheibe des Straßenbahnwartehäuschens nicht zerstört, an die ich mich mit den Rücken gelehnt habe. Trotzdem, es geht mir noch Tage durch den Kopf, was, wenn sie gezielt auf mich geworfen haben? Es ist nicht unwahrscheinlich, das wäre nicht mein erster Angriff auf mich, das war damals auch eine Straßenbahn. Weiter Richtung Hauptbahnhof und Plagwitz.
Den späten Nachmittag angekommen am Täubchenthal, die erste Band habe ich schon verpasst, für die zweite Band des Abends bin ich aber rechtzeitig da: „Nox Novacula“, US-Deathrock, ich mag die facettenreiche Stimme der Sängerin, die ich zuerst gar nicht als „Sängerin“ eingeordnet habe, so eine Stimme würde ich mir auch gerne trainieren.
Das Täubchenthal, ich mag die Terrasse oben mit Blick auf die Umgebung, die Dächer von Plagwitz. Es sind einige Clubs hier, einige, die es auch schon nicht mehr gibt. Diesen Abend bleibe ich weiter hier oben und schaue mir alle Bands, wieder zurück im Inneren der kleinen Halle, von der Empore von oben aus an, auch wenn ich meistens nichts sehe, weil alle vor mir am Geländer stehen. Die nächste Band: „Altar De Fey“, die kenne ich gar nicht, die sind ja auch nicht aus Los Angeles, die sind aus San Francisco.
Die nächste Band, der Stil wechselt von Cali-Deathrock auf French Post-Punk: „Frustration“, ich habe alle ihre Alben, bin dabei, seitdem sie ihre ersten Konzerte in Deutschland spielen, ich habe sogar ein T-Shirt, nur leider liegt das weit hinten begraben im Schrank mit den anderen, alten Band-T-Shirts aus einer Zeit, als ich noch sehr weite und viel zu große T-Shirts getragen habe. Die Bandmitglieder entwickeln auch so langsam ihre grauen Haare, aber verglichen mit der nächsten Band, sind sie die jungen Fans.
Der Headliner des Abends: „UK Decay“, die muss ich schon ein oder zweimal live gesehen haben, vielleicht in Berlin, vielleicht hier in Leipzig. Der eine Bassist, vor über zehn oder fünfzehn Jahren sah er noch nicht so grau aus und er hatte eine schwarz-weiße Lederjacke an, sofern sich meine Erinnerung nicht wieder täuscht. Jetzt der Auftritt, sie haben ihre Fans. Mein Blick von oben auf die tanzende Publikumsmenge. Der eine Punk ist weg, der die Bands zuvor, noch wie eine Dampfwalze den Pogo angeführt hat, den hätte ich jetzt hier erwartet.
Mitternacht, so ungefähr, wieder draußen vor dem Täubchenthal, fährt hier um diese Uhrzeit noch eine Straßenbahn? Die Haltestelle ist voller schwarzer Menschen, die Anzeigetafel zeigt eine einstellige Minutenzahl, hinter mir höre ich es schon über die Gleise scheppern. Jetzt renn! Das schaffe ich noch! Wer weiß, wann die nächste hier fährt und den Bus, der hier angeblich direkt zum Connewitzer Kreuz fahren soll, finde ich hier auch nicht.
Als ich das Connewitzer Kreuz erreiche, ist es noch keine ein Uhr, ich muss noch etwas warten und wieder draußen eine Limo trinken, die mit Banane, Mango, Maracuja? Irgendetwas Fruchtiges, was sonst keiner trinkt, was er billig eingekauft hat.
Wieder drinnen im Werk 2, ich sehe tatsächlich auch mal ein paar Bands hier. In der kleinen Halle spielt eine ihre letzten Stücke, bevor hier die Party anfängt. Ich wechsele in die große Halle, tanze dort kurz, bis ich merke, auch hier fängt jetzt eine Band an, zu spielen und die sind ziemlich gut, lokale Band? Aus Leipzig?
Mehr Menschen, mehr Besucher, habe ich mich damals über die Leute geärgert, die ab um ein Uhr nachts die Partys fluten, gehöre ich jetzt selbst dazu. Wieder tanzen, an der Bar ein Wasser bestellen, meine Lederhandtasche mitsamt den am Nachmittag gekauften CDs an der Garderobe lassen, Flyer sammeln, zwischen den Hallen wechseln, manchmal einen Sitzplatz finden.
Zwischen drei und vier Uhr nachts, erst die Straßenbahn, es fährt doch eine, Richtung Hauptbahnhof und von dort aus mit dem Taxi zurück zum Hotel. Der Himmel wird von Morgen zu Morgen immer bläulicher und die Vögel fangen schon früh an, zu piepen. Ende Teil 3 von 6.
Kommentar:
[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana
Mail ist heute rausgegangen
LG Daniele
[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana
aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.
LG Daniele
[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,
Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.
Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.
Liebe Grüße
Daniele
[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,
Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.
Liebe Grüße
Daniele
[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,
eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.
[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana
Ich habe Dir eine Mail geschickt.
Lg
Daniele
[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea
[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
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