Nummer drei der schlaflosen Konzertnächte, die ich ohne Hotelübernachtung in Leipzig verbringen will, nach den beiden im Westen der Stadt und in Plagwitz Ende Dezember, jetzt die eine in Connewitz, ein Monat später, das letzte Wochenende im Januar.
[03.02.26 / 00:48] ✎ Nummer drei der schlaflosen Konzertnächte, die ich ohne Hotelübernachtung in Leipzig verbringen will, nach den beiden im Westen der Stadt und in Plagwitz Ende Dezember, jetzt die eine in Connewitz, ein Monat später, das letzte Wochenende im Januar. Das „besetzte“ Haus, ich weiß nicht, ob es wirklich irgendwann einmal besetzt war, es sieht auf jeden Fall so aus, der Gebäudekomplex im Süden von Leipzig, das mit den vielen Graffiti und Plakaten, über mindestens drei, vier oder fünf Etagen. Es ist wieder das kleine Festival für eine Nacht mit der Bandbreite der Musik und den Bands von Post-Punk, über Wave, Minimal und tiefste Underground-Elektronik, einen kleinen Flyer habe ich nur im Internet entdecken können, für die Papierflyer fehlt mir die örtliche Nähe. Wieder mit der Bahn hin, je drei Stunden Zugfahrt, den Nachmittag und den frühen Sonntagmorgen. Die Bands die spielen? Ich habe keine Ahnung, ich lasse mich überraschen, ich bin jedes Jahr da, Tickets auf Bestellung gibt es nicht, nur Abendkasse, ich muss früh genug da sein und als Erste am Eingang stehen. Wird schon klappen.
Donnerstag und Freitag die Vorbereitungen, was ziehe ich die Nacht an? Bitterkalte Minusgrade, dasselbe Outfit wie vor vier Wochen, meine neuen Stiefel, der ausgelüftete, schwarz-graue Kuschelmantel, die wärmende, olivgrüne Steppjacke als Innenfutter – und darunter wieder die schwarze Lederjacke. Das Kleid ist anders, ich will endlich wieder das schwarz-weiß gemusterte und ärmellose Kleid anziehen, das das ich schon länger nicht mehr getragen habe, schon ewig im Schrank hängt, das aus dem Armani Exchange Laden in New York, Manhattan, 2013, das schwarz-weiße Muster sieht genauso aus wie auf den Flyern dieses kleinen Underground Festivals, es wirkt fast so, als hätte ich extra ein Fan-T-Shirt angezogen. Das muss es sein, ich lasse es auch noch einmal draußen im Garten auslüften. Das Outfit steht, nur ein kleines Detail ändere ich: nach den kalten Nächten im Dezember ziehe ich auf jeden Fall die Thermostrumpfhose unter meine schwarze Yoga-Baumwoll-Hose.
Beine rasieren, Beine vorrasieren, Beine nachrasieren, Freitagabend, etwas bringt meine Planung durcheinander, draußen im Treppenhaus steht ein riesiger Karton, mein neuer Computertisch ist mit der Post gekommen, jetzt bestelle ich schon Möbel auf Amazon – irgendjemand muss das Zwanzig-Kilogramm-Paket dann bei mir abladen. Paket öffnen, ich kann die Einzelteile einzeln entnehmen und in meine Wohnung tragen. Alles auspacken, alles auf einer Wollmatte platzieren, die Bestandteile auf Vollständigkeit prüfen, die chinesisch anmutende Bedienungs- und Aufbauanleitung studieren, es ist ein höhenverstellbarer Computertisch. Den über Nacht aufgeladenen Akkuschrauber zücken – und innerhalb eines Abends steht der Tisch! Akkurat … das kleine Spaltmaß zwischen der zweigeteilten Tischplatte und dem Stahlträgergestell stört mich schon, aber das werde ich den Sonnabendmittag noch nachjustieren. Leider war für meine Vorbereitungen für die kommende Partynacht den Freitagabend keine Zeit mehr, das mit dem Einrichten und wo der Tisch in meinem Wohnzimmer hin soll, verschiebe ich auf den Sonntag, wenn ich aus der Partynacht wieder zurückkomme. Kurz nach Mitternacht geschafft ins Bett fallen, vorschlafen, wenigstens habe ich meine Stiefel noch neu einfetten können, die stehen bereit in der Küche.
Sonnabend den späten Vormittag, in ungefähr sechs Stunden fährt der Zug, die Zeit reicht für zwei Stunden Beine und alle anderen Körperteile zu rasieren, die Augenbrauen trimme ich dieses Mal nicht so extrem, danach Frühstück, Mittagessen, Bahnticket im Internet bestellen – es sieht gut aus, der Zug könnte fahren, jedenfalls den, den ich nehme, nicht der danach, der fährt nicht. Alles bereitlegen, die große Handtasche, das Übernachtungskit, jemand bekommt eine Nachricht, wird aber nicht darauf reagieren (jemand anders), mein ganzer Silberschmuck, mein ganzes Make-up – mit der Schraubknarre und den Aufsteckdingern unter meinem neuen Tisch verschwinden und noch einmal die Tischplatte richtig fest anflanschen, dann ins Bad, meine Klamotten anziehen und das Augen-Make-up vor dem Spiegel mit der hellen, übergehängten LED-Leiste am Augenlid aufpinseln. Wieder zwei Farben, innen das helle Glitzer-Besch, nach außen das dunkelste, fast schwarze Braun, das die Lidschattenpalette hergibt, schwarzer Mascara, schwarzer Kajal, fein angespitzt und die Wimperntusche trage ich nur oben auf. Mit dem dunklen Lidschatten ganz oben in der Lidfalte, sieht das gar nicht mal so schlecht aus. Ich bin bereit für die Nacht, sechzehn Uhr fährt mein Zug, zwanzig Uhr ist Einlass vor dem Club, einundzwanzig Uhr Beginn.
Umsteigen in Magdeburg, gefühlt hält der Zug noch früher an, irgendwann finde ich die Stelle und kann mich ohne hinzulaufen vor die Tür stellen. So voll ist der Zug nicht, ich finde schnell einen Platz … vielleicht auch die, die wieder der Anzeige vertrauten und mit ihren großen Rollkoffern am ganz hintersten Ende des Gleises standen. This is Germany.
Wenig später der Zugticket-Kontrolleur, ich habe mich schon auf die Nacht eingestimmt und die Ohrstöpsel in den Ohren, laute Gothic-Musik aus den Neunzigern durchdringt mein Bewusstsein, weiblicher Jaulgesang, düstere, graue Häuser, grauer Himmel, grau-brauner Schnee vor den Zugfenstern und an den tristen Bahnhöfen. Der Kontrolleur will das „Original-Ticket“ sehen, mein Screenshot auf dem Smartphone gilt nicht. Ich bin nicht vorbereitet, ich kann mit dieser Situation nicht umgehen, ich will nicht angesprochen werden, der Kontrolleur bleibt ernst … hoffentlich schaffe ich es in diese „Bahn-App“, hoffentlich fragt die nicht wieder nach einem Passwort – das steht im Passwort-Manager, in der Cloud, fern im Internet, das Smartphone hat nur den Verschlüsselungsschlüssel, das Passwort selbst ist eine hochkomplizierte Wortfolge und funktioniert sowieso nur mit einem zweiten Faktor, einer zufälligen PIN, das geht mal eben nicht so schnell. Ich werde aus dieser Situation erlöst, schaffe es aber nicht mehr in meine Stimmung rein, ich glaube, ich werde diese Nacht wieder mich von Menschen fernhalten.
Kurz vor neunzehn Uhr, Ankunft am Leipziger Hauptbahnhof, noch im Zug alle meine Schichten an Sachen anziehen, ich habe mein schwarzes Wollbarett mit eingepackt – und meine schwarzen Wollhandschuhe. Der obligatorische Toilettenbesuch, nur das Make-up vor den Schminkspiegeln prüfen und das Barett justieren, ein Brötchen im Zug, einen Cappuccino schon Stunden zurück auf dem anderen Bahnhof. Eine der drei Linien nach Connewitz fährt draußen schon an der großen Straßenbahnhaltestelle vor dem noch größeren Hauptbahnhof. Bis zum Einlass am Club ist noch eine Stunde Zeit. Ich muss noch nicht einmal die Haltestelle vor dem Club nehmen, ich könnte auch am Connewitzer Kreuz aussteigen und in der Kaufhalle da noch ein Brötchen kaufen, mein Abendbrot für diese Nacht. Mit der Brötchentüte in meiner Handtasche laufe ich im Schein der Straßenlaternen die paar hundert Meter weiter bis zu dem Club, der Hinterhofeingang, der mir so vertraut ist. Es ist eisig kalt, überall der Schnee der letzten Wochen, der sich nur noch in Eis verwandelt hat.
Es ist niemand da, ich laufe den Hinterhof zu dem großen, ehemaligen Fabrikgebäude – ich bin wirklich die Erste? Nicht eine Minute und es kommen schon die ersten weiteren Gäste, ich esse mein Brötchen aus meiner Papiertüte. Es kommen weitere, interessiert wird die Treppe zum Kellereingang heruntergeschaut, ist der Einlass schon offen? Die Tür steht auf, einige dürfen rein, sie arbeiten hier oder gehören zu dem Haus, andere müssen sich noch gedulden. Laute Musik dringt durch die Mauern und die dunklen Türen und Fenster, die Bandprobe.
Präzise 19:57 Uhr, jetzt kann ich nicht mehr warten, jetzt gehe ich auch die Kellertreppe runter, vielleicht war ich oben vor gefühlt einer halben oder einer dreiviertel Stunde noch die Erste, jetzt bin ich es nicht mehr, aber die langen Schlangen, wie ich sie hier noch vor ein paar Jahren erlebt habe, sind es nicht. Wird es voll werden? Kommen noch mehr? Wieder gegen Mitternacht ein Einlassstopp? Es wird angenehm bleiben, nicht zu voll, nicht zu eng, aber doch belebt.
Unten der kleine Floor, die kleine Tanzfläche, ich suche die aufgeklebten A4-Blätter an den Kellerwänden mit dem Zeitplan für diese Nacht, wann welche Band wo spielt, welche DJs danach auflegen. Eine Etage höher der große Clubraum, die Tür scheint noch verschlossen, ich verliere mich minutenlang in der Betrachtung all der aufgeklebten Konzertplakate in dem Treppenhaus … so viele Bands, hier und da die Info- und Demoplakate für die ganzen linksalternativen Veranstaltungen. Es sammeln sich genug neu ankommende Gäste, irgendwann macht jemand auch die Tür zu dem großen Saal auf.
Ich laufe zu der Bar, meine obligatorische, erste Flasche Mate-Brause. Garderoben gibt es hier nicht, kurz überlege ich, die Bedienung zu fragen, ich hätte es nur umschrieben und angedeutet, ich könnte mich an so etwas erinnern, ich lasse es sein. Die zwei Bänke rechts und links vor der Bar waren schon immer meine – und der allen anderen – Ablagefläche für meine Wintersachen. Ich schnüre meinen Wollmantel und meine Steppjacke mit dem schmalen Lederriemen zu einem Bündel und packe es unter die eine Bank, in der Hoffnung, die wird erstens niemand wegfinden, zweitens kein Brandfleck von einer herunterfallenden Zigarettenkippe bekommen und drittens – von all den Bierflaschen, die dann später hier herumrollen, mein Wollmantel wird trocken bleiben und ich muss mich nicht in einer Geruchswolke später wieder in den Zug setzen. Die ersten Minuten sitze ich selbst noch auf meiner Bank.
Es kommen mehr und mehr Gäste, draußen das Treppenhaus füllt sich auch so langsam. Die erste Band betritt die Bühne, die Bühnendeko der Veranstalter ist mir gleich am Anfang aufgefallen, zwölf alte Computermonitore sind zu einem Panel an der Wand montiert und spielen die Visuals mit ein paar Sekunden Zeitversatz ab, was einen hübschen Blinkeffekt bringt. Der ersten Band und die drei Bands danach, fällt das auch auf, da hat sich jemand Mühe gegeben.
Die erste Band, Düster-Punk, deutsche Texte, ich wünschte, ich könnte sie besser verstehen, mit meiner Punkerkutte passe ich rein, mit meinem sozialen Status vielleicht nicht. Sie singen über Arbeitslosigkeit und den scheiß Staat und wie sie behandelt wurden, ich erinnere mich, ich war auch zweimal zweieinhalb Jahre langzeitarbeitslos auf Hartz-4. Sie singen von Polizeigewalt, noch mehr Willkür und noch mehr scheiß Staat, ich erinnere mich, ich war auch einmal auf einer Demo gegen die Faschos in einem Polizeikessel, wir sind ausgebrochen, von Bullen verfolgt, in der Stadt umhergeirrt, wir haben das Polizei-Leitfahrzeug gefunden, es hat Bierflaschen abbekommen, ein Six-Pack, eine Wanne, hat dann wieder ein paar von uns Punks gejagt und aufgegriffen. Sie singen über A-C-A-B. Die Band gefällt mir.
In der Umbaupause schaue ich mal kurz nach unten, noch ist es da ruhig, DJs spielen noch nicht und die eine Band, die ich in dem anderen Club in Plagwitz vor vier Wochen gesehen habe, soll hier später auch noch auftreten, ich hoffe, dass sie das wiederholen können, dass der Soundcheck besser funktioniert und sie bei mir eine zweite Chance bekommen.
Oben die nächste Band, es ist ihr erster Auftritt? Sie sehen älter aus, sie sind aus Berlin, sie müssten Erfahrung mitbringen, dass so viele Leute bei ihrem ersten Auftritt sind, haben sie vielleicht nicht erwartet, der Saal ist voll, nicht zu voll, angenehm voll. Ihr Set besteht nur aus ein paar Titeln, sie haben das Pech, nach der ersten Band zu spielen, die das Publikum in einer Erwartung an noch stärkeren Punk-Bands zurück gelassen haben. Wirklich nur ein paar Titel, sie haben länger geprobt, als sie gespielt haben?
Die nächste Umbaupause, Blick nach unten, mich das Treppenhaus hinabschlängeln, es wirkt wie eine große Hausparty. Vielleicht legt unten schon ein DJ auf, vielleicht spielt schon der erste Solo-Künstler, ich bin wieder oben und warte auf die dritte Band. Groß angekündigt, Synth-Wave-Minimal, ein Mann und eine Frau betreten die kleine Bühne, sie wirken älter, sie sind älter als ich.
Die ersten Songs, das Publikum geht mit. Ihre aufgebauten Synthesizer, analog, zweimal der MS-20, ein Nachbau? Ein kleinerer Nachbau? Vielleicht ein Original? Dieser warme, analoge Synthesizer-Sound, die Beats lassen meinen Körper schwingen, ich stehe nahe der Lautsprecherboxen inmitten des Publikums vor der Bühne und beginne, wie alle anderen um mich herum, zu tanzen. Meine Lederjacke streife ich ab, nur mein schwarz-weißes Kleid und mich.
Die letzten Titel vor der Zugabe und ich erinnere mich, die muss ich doch schon einmal gesehen haben, vielleicht das kleine Pfingst-Festival hier in Leipzig vor ein paar Jahren? Damals hat er auch seinen alten Song gespielt, der in meinem Radiosender mehrmals in der Top-15-Liste gelandet ist. Textsicher singe ich die paar Zeilen mit. Noch mehr Zugaben, noch mehr Titel von den beiden, wie die zwei Bands davor und die nächste, kommen sie alle aus Deutschland.
Umbaupause, wieder nach unten zu der kleinen Tanzfläche und der kleinen Bühne. Die Band oben hat so lange gespielt, von der Band unten, die ich eigentlich auch sehen wollte, bekomme ich nur die letzten zehn Sekunden ihres letzten Titels mit. Schade, dann wird es eben anderswo eine zweite Chance geben, sie kommen aus Leipzig, ich bin da sehr zuversichtlich.
Wieder oben, die vierte Band – sperriges Zeug – ein Mann und eine Frau, sie variiert zwischen Screamo, oder Deathcore, dazwischen wieder Gesangseinlagen, er spielt einen Bass, wie ich ihn sonst nur von den Beatles kenne, aber er hält ihn falsch, das ist nicht so Sixties oberkörperbetont. Es muss zwei Bass-Spuren gegeben haben, eines vom Band, eines von ihm. Das Publikum tanzt – das ist kein Rave! Ein paar Titel bis es mich einfängt und ich verfalle der düsteren Stimmung und schwanke zombiehaft zu dem melancholischen Grundton.
Danach die Disko, eine zweite Flasche Mate-Brause habe ich mir in einer der Umbaupausen davor schon geholt, Techno wird gespielt. Die Bands transportieren ihre Instrumente durch die Doppeltür ins Treppenhaus. Unten wird die bessere Musik aufgelegt, aber es ist weniger voll. Oben kann ich auf einer der beiden Bänke vor der Bar sitzen und beobachte, wie gegenüber jemand seine Zigarettenglut auf den dunklen Boden tropfen lässt. Langsam schwebt sie orange glimmend nach unten und trifft auf eine schwarze Jacke, oder schwarzen Mantel, oder ein Stück von einem Rucksack und brennt ein Loch darin, bevor es von allein erlischt. Prima, ein Brandloch! Auch mein Wollmantel steckt irgendwo da unten auch unter der Bank, ist aber mittlerweile von vielen Jacken und Mänteln geschützt, weil ich die Erste war, die ihren Mantel nach ganz hinten an die Wand klemmen konnte. Ein herumkullernder Becher und eine etwas feucht aussehende Fläche ist da auch irgendwo.
Unten, die andere Tanzfläche, meine Punkerkutte habe ich schon länger wieder angezogen. Entgegen der Musik oben mit ihren Straight-forward-140-BPM, läuft hier unten abwechselnd etwas Electro, vielleicht Detroit- oder Chicago-House, vielleicht auch viele Stücke, von jetzt, die nur in dem Stil sind, oder zumindest einige Stilelemente davon aufgreifen. Ich tanze. In Gedanken wünsche ich mich an diesen einen Ort, in dem zu dieser Musik nur ein paar schwitzende, halbnackte, oberkörperfreie Männer in einem Beton-Keller-Club tanzen, ein Strobo, rotes Licht, richtig dunkel, zumindest die Beleuchtung trifft diese kleine Tanzfläche auch ganz gut, nur das gemischte Publikum ist von meiner Phantasie weit entfernt. Zwischendurch schaue ich noch einmal oben auf den 140-BPM-Dark-Techno-Floor, lande aber immer wieder unten, ich wähle das kleine Podest gegenüber der kleinen Bühne und tanze da an der Wand. Es wirkt fast, als wäre ich ein Gogo-Girl, oder eines von diese Animiermädchen in den Bars von Patong auf Phuket, nur dass mich hier keiner sieht, weil es so dunkel ist.
Irgendwann kurz vor drei Uhr, die Toilette suchen, meine letzte Flasche habe ich oben auf einen Tisch gestellt, die Toilette eine Etage höher ist kaputt, ein Zettel hängt an der Tür, nur der Bereich mit den Pissoirs ist offen.
„Du musst noch eine halbe Etage weiter nach oben, da sind zwei Etagenklos im Treppenhaus“, er deutet kurz mit dem Finger in die Richtung.
„Ach, geht schon. Prima, eine Unisex-Toilette“, ich schlängel mich an der Pissrinne vorbei und öffne die Tür der angrenzenden Kabine, „Oh, nee …“
„Das da ist ein Stehklo, aber hier die geht“, ich beobachte, wie sie mir die beiden Türen an der Treppe zeigt.
Weiter oben, nur eine halbe Treppe, sieht es tatsächlich viel besser aus, nur das ständig laufende Spülwasser und die notorische Dunkelheit, wie soll ich denn da wissen, wann ich fertig bin?
Kurz nach drei Uhr den Sonntagmorgen, ich bereite mich darauf vor, zu gehen. Oben die Musik, die konstanten 140 BPM … ich bin irgendwie nicht in der Stimmung, mich in Trance fallen zu lassen. Ich habe das so auch nicht erwartet, wo ist denn die Gruftie-Tanzfläche für die Oldschool-Trad-Goths? Einige habe ich im Publikum gesehen, dieselben, die ich auch in ein paar Monaten, Pfingsten, auf dem kleinen Festival hier irgendwo in Connewitz wieder sehen werde. Ob ich mittlerweile auch schon erkannt werde? Ich bin da in der Szene seit … 2002/2003? Ich ziehe mein Bündel unter der Bank neben der Bar hervor und freue mich über meinen unversehrten, trockenen und gar nicht so sehr nach Zigarettenqualm müffelnden Wollmantel, mitsamt Innenfuttersteppjacke. Wieder unten ziehe ich mir alle meine Schichten an und nutze den verwaisten Tisch vom Merchandise neben der Ausgangstür um meine Dinge zu sortieren, mein Barett und meine Handschuhe aus der Handtasche, der Rest wieder hinein.
Draußen der kalte Sonntagmorgen, ich stapfe durch das Eis in Richtung der Straßenbahnhaltestelle Connewitzer Kreuz. In meiner Erinnerung fährt hier um vier Uhr eine Straßenbahn zurück Richtung Hauptbahnhof. Ich bin viel zu früh da, 3:30 Uhr und die nächste und erste Bahn den Morgen fährt erst gegen 4:15 Uhr. Minutenlang starre ich die Anzeigetafel an. Es ist kalt, ich traue mich gar nicht, mich in dem halben Glaskasten an der Haltestelle hinzusetzen, ich könnte da sitzend erfrieren. Mein Mantel und all die Schichten darunter halten warm, die Thermostrumpfhose mitsamt den extra noch darüber angezogenen, dicken, schwarzen Socken, waren eine richtig gute Entscheidung. Meine hohen Stiefel sind leicht gefüttert. Das Wollbarett habe ich das erste Mal für diesen Winter wieder auf, die Handschuhe auch. Eigentlich friere ich nicht, die ganze dreiviertel Stunde, die ich da einsam in dieser Straßenbahnhaltestelle auf meine Straßenbahn warte. Je kürzer der Zeitabstand wird, desto mehr andere Party-Gäste kommen hinzu. Die Straßenbahn kommt pünktlich.
Gegen fünf Uhr der Hauptbahnhof, die Lichtkathedrale, es ist gefühlt noch mehr eisig kälter auf meinem Gleis 16, hoch oben zwitschern Vögel. Die paar Warteminuten bis 5:20 Uhr bekomme ich auch noch rum. Eine Flasche Wasser bei einem Rund-um-die-Uhr öffnenden Dönerimbiss. Die Toiletten hier am Bahnhof machen erst um sechs auf, ich hoffe auf die Toilette im Zug.
Der Zug fährt ein, er ist pünktlich und er ist … voll? Für diese Uhrzeit. Sonst bin ich hier immer allein, manchmal ist nur eine zweite Person mit in dem Wagon, aber diesen einen Morgen, in jedem Sitzgruppenabschnitt des in Doppeltraktion fahrenden Regionalexpress sitzen schon zwei, drei, vier oder fünf Personen und es steigen die nächsten Halte bis nach Magdeburg immer noch mehr dazu? Und das sind keine Party-People, sondern junge, Sonntag reisende Frühaufsteher? Was sind das für Menschen? Ich kann nicht schlafen, die unterhalten sich viele Sitzreihen von mir entfernt. Ein paar der Zuggäste sind wenigstens noch so wie ich, Metaler-Kutten, schwarze Kapuzenpullover, zurück vom Konzert, irgendwo versuchend in den hell erleuchteten Wagons zu schlafen. Sieben Uhr morgens Endstation Magdeburg, bevor der Zug wieder umkehrt.
Mein Blick auf die große Anzeigentafel in der Bahnhofshalle von Magdeburg … Glück gehabt, mein Zug fährt regulär zurück. Noch die letzten Euros für das Nuss-Nougat-Croissant, mein Sonntags-zurück-Ritual und ich sitze in dem Regionalzug zurück in mein Heimatkaff. Das schwarze Augen-Make-up wische ich mir wieder auf meinem Sitzplatz sitzend ab. Auch dieser Zug ist nicht wirklich leer, vielleicht wegen den eisigen Temperaturen, ich habe auch nicht das Auto genommen.
Zu Fuß vom Bahnhof rum, die zwei Ecken zu meinem Haus, unser Hund kläfft schon die ganze Nachbarschaft voll, sie rennt immer frühmorgens raus um Präsenz zu kläffen. Das ist unser Hund! Mach sie fertig.
Wieder oben in meiner Wohnung – und es ist noch eisig kälter geworden – ich reiße das Schlafzimmerfenster auf und verschwinde ins Bad. Den Party-Stempel auf meinem Handrücken möchte ich behalten, den will ich Montagmorgen in der Frühstückspause auf Arbeit präsentieren. Meine Sachen liegen wieder auf der Couch, sofern ich da hinkomme, der große, neue Computertisch steht mitten im Wohnzimmer, den werde ich den späten Sonntagnachmittag erst zentimetergenau auf die Stelle des alten Computertisches manövrieren und dann millimetergenau die zwei Bildschirme darauf positionieren, mit exakten je fünfzehn Grad Winkel zu der Mittellinie, dem Spaltmaß zwischen den beiden Tischplatten. Kurz nach acht, ich lege mich für vier Stunden schlafen … und die nächsten Nächte schaffe ich es auch nur weit nach Mitternacht ins Bett. So ist mein Leben.
Und? Hast du dich die zwölf Stunden mal mit jemandem unterhalten? Nein.
Kommentar:
[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana
Mail ist heute rausgegangen
LG Daniele
[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana
aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.
LG Daniele
[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,
Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.
Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.
Liebe Grüße
Daniele
[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,
Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.
Liebe Grüße
Daniele
[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,
eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.
[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana
Ich habe Dir eine Mail geschickt.
Lg
Daniele
[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea
[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
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