Der Dienstag, der Tag vor dem einunddreißigsten Dezember, der zweite Abend und die zweite Nacht, die ich in Leipzig verbringen will.
[01.01.26 / 03:30] ✎ Der Dienstag, der Tag vor dem einunddreißigsten Dezember, der zweite Abend und die zweite Nacht, die ich in Leipzig verbringen will. Meine neuen Stiefel habe ich den Abend zuvor schon eingecremt, die Augenbrauen im Badezimmerspiegel noch weiter ausgedünnt. Fast sind sie schon weg … nur noch eine dünne Linie ist übrig geblieben. Aufstehen gegen Mittag, Frühstück und Mittagessen fällt zusammen, Beine vorrasieren und fein nachrasieren, aber so viel ist nicht nachgewachsen die letzten drei Tage. Eigentlich hätte ich mich gar nicht so sehr auf die nächste Nacht zum Ausgehen vorbereiten müssen, nur das neue Kleid aus dem Schrank greifen, in meine Stiefel schlüpfen und wieder die Steppjacke und den Mantel überziehen und zum Bahnhof verschwinden. Ich hätte sogar einen Zug später nehmen können, hätte sogar mehr Zeit gehabt, mein aufwendiges Augen-Make-up aufzupinseln – wäre nicht … der scheiß Regionalzug ausgefallen. Das Wort „Scheiße“ wird in diesem Blogartikel bestimmt noch mehrmals vorkommen.
Es fährt kein Zug aus diesem Kaff, nur vielleicht ein Linienbus den frühen Nachmittag, ich habe noch weniger Zeit als die Tage zuvor. In dem Bus gibt es keinen Automaten, an dem ich mir mein Länderticket hätte ziehen können. Ich muss wohl oder übel mein Ticket im Internet auf der Seite der Bahn bestellen. Das Drama beginnt, ich brauche gefühlt über eine Stunde und klicke mindestens fünfmal auf den Kaufen-Button, bis ich endlich eine Bezahlmöglichkeit gefunden habe, die funktioniert. So bleibt mir auch dieses Mal keine Zeit für mein Make-up. Gestresst werfe ich den Mascara und die drei Pinsel, Bürste und Kajal-Stift in meine kleine Rolltasche und das ganze in meine große Handtasche. Eine halbe Stunde vor Abfahrt den Nachmittag bleibt mir nur die Dusche und das orientalische Parfüm und meine Haare trocknen. Wenigstens mein Outfit stimmt: Stiefel, enganliegendes und schulterfreies, grau-schwarzes Kleid und die Lederjacke, die Punkerkutte. Steppjacke und Mantel darüber, es ist eisig kalt. Der Silberschmuck, mein orientalischer Armreif, blitzt unter den vielen Schichten an Winterklamotten am Handgelenk hervor.
Fünfzehn Uhr nochwas soll der scheiß Bus vom Busbahnhof, unweit des Kleinstadtbahnhofs fahren. Eine ganze Menge Menschen stehen da rum und warten auf den Bus … ein Bus, ich muss mich herablassen und mit dem ganzen Pöbel einen Bus benutzen. Zitternd fingere ich in der Kälte mein Smartphone aus meiner italienischen Luxushandtasche und scrolle bis zu dem Online-Ticket, der Busfahrer vorne am Einstieg schaut es nur kurz an, so viele Menschen sind noch nie in diesem Bus mitgefahren, der ist bis auf die letzten Plätze voll, normalerweise, wenn ich so einen Bus sehe, sitzen da höchstens ein, zwei oder drei Menschen drin, die von Dorf zu Dorf fahren. Der Bus kutscht über die Bundesstraße und das Autobahndreieck Richtung Magdeburg.
Endlich am Hauptbahnhof, die obligatorische Flasche Wasser beim Aldi kaufen, mein Gleis suchen, dasselbe Gleis, wie vor drei Tagen, dieselben vierzig Cent für die Flasche Wasser. Am Gleis angekommen, dieses Mal falle ich nicht wieder darauf rein … von wegen, hält bei „A-C“ und ich renne den halben Gleis wieder zurück und schubs mich durch die Menschentraube zur Wagontür. Nein, ich stelle mich genau da hin, wo ich den Zug erwarte und lästere gedanklich über die „Oberschlauen“ da hinten mit ihren Rollkoffern, die die Anzeigetafeln für voll nehmen. „Verdammte Scheiße!“ Der scheiß Zug fährt noch langsamer ein, als vor drei Tagen, und hält noch früher an, als vor drei Tagen, und ich muss schon wieder Meter rennen, um einen Sitzplatz ergattern zu können.
Der Zug wird voll, richtig voll. Was nicht in meine Gedanken will, das ist ein Pendlerzug, es ist Dienstag den dreißigsten Dezember und ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen zwischen Weihnachten und Neujahr arbeiten müssen, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie an diesen Tagen gearbeitet. Nicht in der Armee (Urlaub), nicht beim Studium (Semesterferien) und nicht auf all meinen Arbeitsplätzen (Betriebsruhe), weder in Sachsen-Anhalt, noch in Niedersachsen. Hier fahren Leute in dem Zug mit, nicht die mit dem Reisegepäck, die mit dem alltäglichen Rucksack, die Arbeiter mit dem Feierabendbier, die ADHS-Azubis, die keine paar Minuten ein Video ganz gucken können auf ihrem Smartphone … und die, die Korpulenten, einer sitzt mir gegenüber und hustet, gesundheitlich angeschlagen, die ganze Zeit. Jedes Mal halte ich den Atem an und zähle langsam bis zehn, fünfzehn oder dreißig, ich sterbe ganz sicher bald an einer Lungenentzündung.
Bin ich froh, als ich den Zug verlasse, allerhöchstens eine geringfügige Verspätung, ich habe Leipzig kurz vor neunzehn Uhr wieder erreicht. Einlass in dem Club in Plagwitz ist gegen zwanzig Uhr, die Zeit für „Doors Open“ steht auf dem Flyer, den ich bei dem letzten Konzert vor ein paar Nächten mit eingesteckt habe. Eine Stunde Zeit, um auf dem Bahnhofsklo mein Make-up zu machen, eine Stunde Zeit, um ein Brötchen zu organisieren, wieder der Bäcker unten, eine Stunde Zeit, mein Rückfahrticket aus dem Automaten zu ziehen. Auf der Bahnhofstoilette vor dem Schminkspiegel, die Beleuchtung hier ist beschissen, ich versuche die T-Technik, um einen größeren Kajalstrich zu ziehen. Brille ab- und wieder aufsetzen, mehr und mehr mit dem Pinsel verblenden … eine Frau vor einem anderen Spiegel lässt schon einen peinlich berührten Seufzer ab – hat sie damit mich gemeint? Das musst du zu Hause noch einmal üben. Mit der Kante meines Zeigefingers wische ich alles wieder vom Augenlid raus und gehe noch einmal mit dem Pinsel darüber, wenigstens ein passabler „Smokey Eyes“ Effekt bleibt stehen. In dem Club ist es eh dunkel, das wird schon keinem auffallen. Mein Brötchen esse ich Minuten später wieder aus der Papiertüte draußen in der Kälte am Gleis an der Straßenbahnhaltestelle. Wieder dieselbe Linie wie vor drei Tagen, nur eben ein paar Stationen weiter nach Plagwitz hinein. Es wird schon fleißig geböllert, ich merke keinen Unterschied zu Silvester.
Überpünktlich zum Einlass bin ich da, ich sehe die hundert Meter vor mir schon die Eingangstür aufgehen und ein paar erste Gäste eintreten, als ich den dunklen Weg zwischen den alten Fabrikgebäuden entlang laufe. Der Club, in dem ich schon so viele Male war, der mit den ganzen Plakaten an jeder Wand im Inneren und die vielen Aufkleber und Grafiti … von links bis linksextrem, die freundlichen Menschen, die Guten. Ich bin zu Hause.
Einlass mit Solispende, weiter den Club hinein, noch ist es kalt, noch lasse ich meinen Mantel an, noch ist der Holzofen neben der Bühne noch nicht durcherhitzt. Die erste Flasche Matebrause von der Bar, den Aufbau auf der Bühne bewundern, die Synthesizer, den Plan mit der Running Order suchen. Drei Bands sind geplant, von Synth-Punk über Wave und Post-Punk. DJs unten und oben. Die Tanzfläche ganz oben inspiziere ich auch kurz, aber eigentlich bin ich nur auf der zweiten Etage für das Licht aus den Toilettenräumen, um im kleinen, aufgeklappten Handspiegel mein Augen-Make-up zu überprüfen. „Geht.“
Unten an dem großen Ofen bildet sich eine Menschentraube, jeder der neu ankommenden Gäste von draußen entdeckt den Ofen für sich, ein Holzstück nach dem anderen wird verfeuert. Auf der Bühne probt die erste Band, ich lasse meinen schwarz-grauen Kuschelmantel und meine olivgrüne Steppjacke an einem der Haken der Garderobenleisten am Eingang. Ist das sicher? Wird die nicht irgendjemand mal wegfinden, aus Versehen mitnehmen? Ich habe immer noch meine schwarze Lederjacke an und meinen schwarzen Schal. Mit mehr und mehr Menschen werden die Temperaturen in dem Club angenehmer und ich ziehe den Reißverschluss auf. Optisch mit meinen Buttons, Nieten und Patches passe ich wieder rein in die Punk-Szene und füge mich in das Gesamtbild von alternativen Gästen, Goths, Waver, Punks, die üblichen Clubbesucher.
Die erste Band, zwei Menschen, sie (sie nennt ihr Pronomen nicht) singt ihre Texte in Spanisch? Zuerst hatte ich Italienisch vermutet. Er am Synthesizer-Aufbau. Das wird das auf dem Flyer sein, das als Synth-Punk bezeichnet wurde. Die Tonprobe lief vielleicht nicht ganz so perfekt, das hätte besser funktionieren können. Trotzdem, die beiden treffen den Spirit des Punk.
Umbaupause zwischen den Bands … wo bin ich zu finden? Oben, die zweite Etage, die Treppe hoch, neben den Toiletten, die Galerie an Plakaten – und es ist immer noch nicht überklebt! „Mein Plakat“, das von dem einen Konzert, wo ich mal vor vielen, vielen Jahren war. Ich ertaste die Stellen, an denen benachbarte Plakate unter und überklebt wurden, suche die aufgedruckten Jahreszahlen der Konzerttermine, mein Plakat hat keine sichtbare Jahreszahl mehr, nur eine Auflistung an Daten und Clubs, die es schon lange nicht mehr gibt, geschlossen, abgebrannt, verschwunden. Ein Plakat darunter zeigt eine Jahreszahl von 2006, ein anderes Konzertplakat eine Zahl von Anfang 2007 – dann muss das Konzert, auf dem ich gewesen war, auch 2006 gewesen sein. Ich ermittle das Datum und den Wochentag mit dem Kalender auf meinem Smartphone: ein Wochentag irgendwo Ende April 2006! Ich muss von Wernigerode aus dorthin gefahren sein und war am nächsten Morgen schon wieder zurück im Hörsaal. Ich habe damals einige solcher Aktionen gemacht. Diesen Club hier kenne ich schon von 2004, als ich das erste Mal für ein Gothic- und Batcave-Konzert hier war, im Rahmen des alternativen Pfingstfestivals.
Wieder unten beginnt die zweite Band, Gitarre, Bass, Schlagzeug, eine sichtbare Sängerin, der erste Titel, mehr Punk als Post. Ich bin erfreut. Punk-Girl mit ihrer Lederkutte und dem „Fake-Prada-Kleid“ steht inmitten des Publikums, dicht an dicht mit den anderen entzückten Menschen. Sie spielen ihr Set, vielleicht zu kurz, aber sie haben nicht so viele Titel, die Zugabe ist ein Titel, der wiederholt werden muss … oder war die Zugabe doch improvisiert? Der Laden hier ist voll.
Umbaupause, umherschweifen, mal oben die Tanzfläche … aber die Musik da gefällt mir an diesem Abend so nicht. Die bessere Musik läuft unten, da tanzen die oldschool Grufties.
Die dritte Band des Abends, vielleicht sogar schon der Nacht, das ist jetzt endlich die angekündigte Band aus Österreich, zwei Herren aus Wien. Der aufgebaute Synthesizer auf der Bühne erstaunt mich schon, ein Schlachtross, eines von diesen Dingern, die alles können, ein Knopfdruck und die Diskomusik geht los. Kabel werden noch gesteckt, ein zweiter Synthesizer oder zweites Keyboard. Sie kommen wenige Minuten später wieder auf die Bühne zurück, der Typ am Synth mit seinen Oberarm-Tattoos, der Sänger in seinem Glitzer-Cape – er sieht darin irgendwie aus, wie eine ältere Hijara irgendwo in Indien, aber die Songs gehen richtig gut im Publikum. Synth, Synth, noch mehr Synth, von Achtziger bis Eurodance-Anleihen, tanzbar.
Nach den drei Konzerten, die DJs und DJanes, der eine Braunschweiger DJ ist wiedergekommen, der macht das aber auch schon ewig, wo er auflegt, da bin ich richtig. Ich glaube, dass er aus Braunschweig kommt, ich weiß nur, dass ich 2004 auch mal nach Braunschweig zu einer von seinen alten Partys fahren wollte, da aber nie „angekommen“ bin (Unfallgeschichte). So viele Erinnerungen diese Nacht, so viele Flashbacks.
Ich suche irgendwann einen Sitzplatz, irgendwo ein Stuhl, eine Couch, irgendwo in einer Ecke, umringt von den vielen Menschen überall. Ich schaue nicht mehr in die Gesichter.
Retrospektive 2025 – Einiges ist dieses Jahr passiert, vieles was mich innerlich verändert hat und mein Gedankenkreiseln bündelt: Es gibt mehr und mehr Länder in dieser Welt, in die ich als trans Frau nicht mehr reisen kann, USA, Großbritannien, westliche Demokratien, wie konnte das passieren? Was ich über die Medien aufnehme, die ganzen Reden, Sprüche, von Politikern, Journalisten, Leute, die einst für Frauenrechte und das Gute gekämpft haben? Ich bin als trans Frau das pure Böse, etwas Abscheuliches, etwas, das ausgemerzt werden muss? Ich schwanke, ist das noch real? Was passiert hier, da stimmt doch etwas nicht? Wir wissen alle aus der Geschichte, was mit den Juden passierte … und jetzt ich? Vorbereiten, Gedanken, Fluchtpläne, wie schnell kann ich innerhalb von Stunden weg, untertauchen und in ein anderes Land flüchten – und wohin? Noch ist Deutschland eines der Top-Fünf Länder, in denen ich als trans Frau in gefühlter Sicherheit leben kann, auch wenn ich dieses Jahr schon angefangen habe, meine Sichtbarkeit zu reduzieren. Das Gefühl der steigenden Unsicherheit.
Ein anderer Punkt, der mich dieses Jahr immer wieder beschäftigt hat: Ich bin auch wieder in einem Club und niemand spricht mich an, ich laufe zwischen all den Menschen hin und her, zwischen ihnen hindurch. Manchmal bin ich unsichtbar, manchmal sichtbar, werde aber nicht wahrgenommen, meine Allegorie mit der Mülltonne, die zwar sichtbar ist, aber nur wahrgenommen wird, wenn Müll in ihr abgeladen wird. Mein Experiment: ich weiß nicht, ob ich es in diesem Blog schon einmal beschrieben habe, das eine Pornovideo von mir, das ich auf einer Erotikplattform irgendwo im Internet veröffentlicht hatte, es ist schon seit einem Jahr weg, aber die Erkenntnis, dass ohne die Hemmschwelle mich anzusprechen, doch niemand der Männer mein Video angesehen hat, lässt eigentlich nur einen Schluss übrig: Ich bin potthässlich. Die einfachste Erklärung. Jedes Mal am Badezimmerspiegel vorbei, versichere ich mir, warum ich niemals einen Partner finden werde, weder Mann, noch Frau, nicht ich, nicht die anderen.
Die zwei Jahrzehnte an nächtlichem Grübeln, das immer wieder alles Analysieren und Erinnerungen umprogrammieren. Ich weiß jetzt, warum ich Angst habe und niemals körperliche Nähe zu einer Frau zulassen kann: Ich wurde missbraucht. Sie ist diejenige ganz am Anfang. Als wir uns im Internet kennengelernt haben, sie hat ihren Ex-Freund in mir gesehen, den sie vermisst hat, Missbrauch eins. Sie hat mich auf dem einen nächtlichen Platz in dieser einen Stadt geküsst, um einen anderen Ex-Liebhaber loszuwerden, ich stand einfach nur rein zufällig in der Landschaft, Missbrauch zwei, mein erster Kuss. Ich hatte keine Ahnung, ich wusste von nichts, ich war die reinste Unschuld, ich wusste weder, was Ja sagen oder Nein sagen bedeutet, sie hat mich einfach überwältigt, es war aus ihrer Sicht ein Rache-Sex, um einen weiteren Liebhaber gedanklich loszuwerden, mein erstes Mal – und gleichzeitig auch mein letztes Mal mit einer Frau, meine erste Angst- und Panikreaktion, in der ich einfach nur erstarre und nicht begreifen kann, was mit mir passiert, Missbrauch Nummer drei.
Sie lies mich fallen, brach wenige Wochen danach den Kontakt zu mir ab … ein düsteres Silvester 2004, mehr als zwanzig Jahre und der Gedanke in mir, ich muss etwas Grausames getan haben. Nie wieder tue ich Frauen das an. Wenn ich nur wüsste, was? 2012 ein einziger Versuch, etwas aufzuarbeiten, ein weiteres Treffen mit ihr und die schlimmste Angst- und Panikattacke auf körperliche Nähe. Sie beschimpft mich (oder sah sie erneut nur ihren Ex-Freund in mir) und ändert sichtbar ihr Verhalten … ich bin das Böse. Ich erzähle ihr, komplett als trans Frau leben zu wollen, mein Coming-out vor ihr zurück im Jahr 2005 ging schon schief und ich war ein Perverser.
Jetzt habe ich vor gefühlt anderthalb Jahren entdeckt, dass sie einen YouTube-Kanal hat, ich habe ihn abonniert. Ich dachte, sie freut sich? Finde den Fehler … Es wäre so einfach, sie könnte ihre Abonnenten sehen, meine Abos auf meinem Profil sind öffentlich geschaltet, nur ein Klick auf mein Profil und sie sieht den Link zu meiner Blog-Seite und kann mich von hier aus kontaktieren? Meine purpur-schwarze Internetseite mit meinen Fotos von mir – auf die sie mit vollkommener Abscheu 2005 reagiert hat. Sie nimmt keinen Kontakt zu mir auf. Sie wird als TERF mittlerweile gefestigt sein. Alle Frauen sind TERFs. Jedes Mal, wenn ich als trans Frau eine öffentliche Damentoilette benutze, was ich seit zwanzig Jahren mache, fühle ich mich wie eine Bedrohung – aber das war doch mal anders?
Die Musik dröhnt, Songs zum Tanzen, ich reiße mich von diesem Sofa in diesem Club wieder los. Wenigstens diese Nacht will ich bis vier Uhr den Morgen tanzen. Der DJ hier unten spielt die ganzen Goth-Klassiker, ich passe auf diese Tanzfläche, mit meinen Biker-Boots, meinem enganliegenden Kleid, meiner Punker-Lederjacke, meinen langen, blonden Haaren, nichts unterscheidet mich von den anderen Frauen. Noch einmal auf die Sitzecke, noch einmal diesen wunderschönen, gezimmerten Stuhl neben dem Sofa bewundern, der mein autistisches Ich in seinen Bann zieht, bevor ich dann kurz vor vier Uhr den Mittwoch Morgen mich zu den Garderoben bewege und meinen Mantel und meine Unterziehjacke dort vom Haken nehme. Ein Mann hat mich noch gefragt, ob er mir einen Weißwein anbieten könnte, er hätte genauso auch mir eine Dosis Heroin anbieten können, erschrocken wende ich mich schnell ab.
Die paar Schritte draußen zur Haltestelle, es ist saukalt, meine Atemluft puste ich absichtlich stoßweise nach oben, um sie kondensieren zu sehen. Ein Nachtbus fährt von dieser Haltestelle um kurz nach vier Richtung Hauptbahnhof. Der Bus ist voll, kein Sitzplatz für mich, wer sind diese ganzen Menschen?
Mein Zug am Hauptbahnhof fährt gegen fünf Uhr den Morgen, ich stehe in dieser hellerleuchteten Kathedrale zwischen den Gleisen und der Kälte, vereinzelt fliegen Tauben hoch oben zwischen den Stahlträgern. Der einfahrende Regionalexpress Richtung Magdeburg bleibt weitestgehend leer, ich hätte mehr Pendler erwartet, vielleicht muss doch nicht jeder an Silvester arbeiten. Mein Stammsitzplatz im Wagon, dieses Mal lege ich mich nicht hin, ich versuche wach zu bleiben und lehne mit meinem Kopf am Sitzpolster und meinem aufgehängten Plüschmantel … zwischen Bitterfeld und Gommern entsteht eine Lücke in meiner Wahrnehmung.
Magdeburg Hauptbahnhof sieben Uhr morgens, so viele Menschen – und mein Zug in mein Heimatkaff fährt wieder nicht, ich blicke auf die große Tafel hoch oben über mir. Obligatorisches Nuss-Nougat-Croissant beim Bäcker und Umplanen, der Ticketautomat, die besetzte Information, all die Tafeln mit den Verbindungen … fährt doch noch ein Bus und wenn ja, wann? Um kurz vor zehn Uhr? Alle Zugverbindungen Richtung Wolfsburg fallen und fielen heute und gestern aus, ich stelle mich schon darauf ein, den Vormittag hier zu verbringen, dann bleibe ich eben noch den weiteren Tag wach, das macht mir nichts aus, mehr als vierundzwanzig oder sechsunddreißig Stunden wach zu sein … Kommt schon vor.
Die eine Stunde bis acht Uhr auf der Bahnhofstoilette, die nächtliche Prostituierte schminkt sich vor den großen Spiegeln ab, dieses Mal habe ich daran gedacht und die Make-up-Entfernungstücher miteingepackt. Es fährt doch noch ein Zug in Richtung meines Heimatkaffs, anderthalb Stunden bin ich schon auf diesem Bahnhof. Ich warte danach sehnsüchtig in dem Tunnel unter den Gleisen, dass der andere Zug da oben endlich wegfährt und den Bahnsteig für meinen Zug freigibt, oben liegt alles voller Neuschnee. Mein Zug wird nach einer weiteren Gleisänderung endlich bereitgestellt, auch dieser kleine Regionalzug ist fast leer.
Kurz vor neun Uhr den Morgen, der Bahnhof in meinem Heimatkaff und es schneit. Automatisiert fange ich an, durch die Schneeflocken zu stapfen und will eigentlich nur noch in mein Bett. Ich bekomme gar nicht mit, das ich wieder von meinem Familientaxi abgeholt werde, sie haben meine Nachricht gelesen und wissen genauso über die aktualisierten Fahrpläne der Bahn Bescheid. Wenigstens auf der Familienseite funktioniert die Organisation.
Zurück in meiner Wohnung, die nach Zigretten stinkenden Sachen irgendwo im Flur verteilen, die Handtasche, so wie sie ist, wieder auf die Couch ablegen und nur das Smartphone und die Übernachtungszahnbürste daraus entfernen. Fenster aufreißen, ins Bad, Zähne putzen, Fenster wieder zu, ins Bett in mein Schlafzimmer. Noch vier Stunden schlafen diesen scheiß Silvestertag. Vielleicht bin ich dann am Ende dieses halben Tages immer noch so müde und falle noch vor dem großen Mitternachtsfeuerwerk ins Bett. Ich will diesen verfluchten Tag nur so schnell wie möglich wieder rumkriegen.
Kommentar:
[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana
Mail ist heute rausgegangen
LG Daniele
[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana
aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.
LG Daniele
[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,
Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.
Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.
Liebe Grüße
Daniele
[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,
Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.
Liebe Grüße
Daniele
[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,
eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.
[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana
Ich habe Dir eine Mail geschickt.
Lg
Daniele
[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea
[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
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