Ich habe etwas vor, die freien Tage zwischen Weihnachten und Silvester, gleich zwei Konzerte und Partys die Nächte in Leipzig.
[29.12.25 / 20:19] ✎ Ich habe etwas vor, die freien Tage zwischen Weihnachten und Silvester, gleich zwei Konzerte und Partys die Nächte in Leipzig. Werde ich das schaffen? Traue ich mir das zu? Ich nehme in beiden Fällen den Zug, spätnachmittags hin, frühmorgens wieder zurück. Zwischen den beiden Events liegen zwei Ruhetage … ich mache das!
Der erste Konzertabend den siebenundzwanzigsten Dezember, den kleinen Flyer habe ich bei der Halloweenparty mit eingesteckt, die Szene ist klein, Veranstalter und Bands und Leute, die zum Konzert kommen, kennen sich meist persönlich. Ich habe meine Bedenken, ob die genug Tickets verkaufen konnten, die Band organisiert das Konzert selbst, anlässlich des Release des neusten Albums … die Band mit dem Song, in dem es um „eine Katze und eine Tasse Kaffee“ geht.
Den Tag davor, alles vorbereiten, Beine vorrasieren, Outfit zurecht legen, passt mein schwarz-weißer Blazer zu den neuen Stiefeln? Nein. Passt mein schwarz-grauer Kuschelmantel zu den Stiefeln? Ja. Den warmen Mantel ziehe ich die beiden Nächte an, den Blazer will ich unbedingt zu dem ersten Konzert tragen – also bleiben meine Stiefel nur für die zweite Nacht. Ich nehme die schwarzen Pikes. Mein schwarzer Lieblingspullover, frisch von der Stange der letzten Wäsche und eine schwarze Jeans, nicht die Boot-Cut – Outfit steht. Nur noch schnell die Stiefeletten einfetten.
Aufstehen den Sonnabend Mittag, seit Tagen verschiebe ich meinen Biorhythmus auf „Mittag bis morgens“ – ich habe in meinem Wohnzimmer mein Musikstudio wieder aufgebaut, ich will zwei neue Songs aufnehmen, dazu später mehr … Beine weiter rasieren, die Dusche nach dem Mittagessen. Fünfzehn Uhr gibt es unten bei den Eltern Tee und Kuchen, ich bin im Stress, ich brauche noch exakt zwanzig Minuten für das perfekte Augen-Make-up, im Dress – schwarze Jeans und schwarzer Pullover – verschwinde ich noch einmal nach oben in mein Bad in meiner Wohnung, bevor ich um kurz vor sechzehn Uhr das Familientaxi zum Bahnhof nehmen kann. Jetzt mit Mascara, Kajal und Zwei-Farben-Lidschattenpalette (Dunkel und Silber, Lidfalte und inneres Augenlid).
Der Zug ist voll, der Regionalzug von Magdeburg ist auch nicht besser, aber ich erfrage einen Sitzplatz. Es wird dunkel vor den Fenstern, Nieselregen, aufkommender Nebel und Frost, kein gutes Wetter zum Autofahren.
Leipzig erreiche ich wie geplant kurz vor neunzehn Uhr, um neunzehn Uhr ist Einlass im Felsenkeller, der Veranstaltungsstätte im Westen von Leipzig für diesen Abend, zwanzig Uhr ist Beginn (laut Plan). Noch schnell beim Bäcker unten im Bahnhof ein Brötchen kaufen und am Automaten daneben schon das Ticket zurück den nächsten Tag, das Länderticket, da ist die Straßenbahn mit drin … glaube ich zumindest. Minuten später vor dem Leipziger Hauptbahnhof, warten auf die richtige Linie … so viele Menschen hier, dieses „Stadtbild“.
Überpünktlich steige ich die Haltestelle am Felsenkeller aus und laufe einsam in dem trüben Laternenlicht die paar Meter um die Ecke zum Eingang. Werden viele Menschen da sein? Wird überhaupt jemand da sein? War der Clubraum – es ist für diesen Abend nicht der große Saal – nicht einmal irgendwo dahinten, hinter dem historischen Gebäude? Meine Erinnerung täuscht mich, es ist schon länger her, dass ich hier mal zu einem Konzert war. Ich laufe die Treppe zum Eingang hoch, ich betrete die kleine Gaststätte, die Türen sind beschildert, irgendwo die Tür zu den Toiletten – die sind unten, ich muss die gefährlich steile, knarzige Wendeltreppe aus Holz ganz nach oben. Weitere Türen, ein kleiner Vorraum, endlich zwei Damen an der Kasse, ich habe ein Handy-Ticket. „War der Clubraum nicht irgendwie mal unten?“ Und vor allem größer, eine Tür weiter geht es in den Konzertraum für diesen Abend.
Eine Handvoll Leute sind schon da, Musik wird über die Anlage gespielt, den Abend könnten richtig gute Stücke gespielt werden – vielleicht nicht die zwei Songs von „Fancy“, die auf der Betriebsweihnachtsfeier gespielt wurden und ich die improvisierte Tanzfläche in der Kantine stürmen musste – aber vielleicht ein paar andere Songs, Italo, Wave, Achtziger-Kram, düsteres, elektronisches Zeug.
Es dauert noch eine ganze Weile, bis die erste Band spielt, ich hätte ruhig noch einen, oder gleich zwei Züge später nehmen können. Der kleine Clubraum füllt sich mit genug Menschen, nicht voll, nicht leer, alle weitestgehend in Schwarz, angenehm und ruhig, alle mindestens so alt wie ich – die Szene ist wirklich alt geworden, aber Stunden zuvor, zurück in meinem Provinzkaffbahnhof habe ich sie gesehen, drei Junggrufts, um die zwanzig oder jünger, weiß geschminkt und mit langen, schwarzen Mänteln, tiefschwarze Augen, hochtoupierte Haare, es gibt sie noch … oder es ist ein merkwürdiger „TikTok-Trend“, aber da komme ich nicht mit.
Die erste Band, die aus Frankreich, die ich schon ein-, zwei- oder dreimal gesehen habe (das könnte jetzt das dritte Mal sein), ich habe gleich alle ihre CDs, zwei muss ich noch nachkaufen. Die Sängerin und Bassistin ist so bezaubernd, er ist wie immer im Glitzer-Make-up und an der Gitarre und an den Synths. Während des Auftritts kommt sie von der kleinen Bühne runter und sucht den Kontakt zum Publikum, ich auch, ich stehe irgendwo gefühlt in der dritten Reihe.
Nach dem ersten Auftritt, die Bar ist gleich da drüben, der Merchandise ist im hell beleuchteten Vorraum, da ist auch die Garderobe, ein paar schnell improvisiert hingeschobenen Kleiderständer auf Rollen. Vor dem Tisch: „Ich will die CD und die CD“, ich tippe drauf, das erste und das letzte Album, die zwei dazwischen habe ich schon, die französischsprachige Sängerin überreicht sie mir, die Szene ist klein, sehr viel persönlicher Kontakt zwischen Bands und Publikum.

Die Hauptband und die Organisatoren für diesen Abend, haben ihren Merchandise-Tisch gleich daneben, zurück vor der Bühne inspiziere ich den aufgebauten Synthesizer-Tisch … ich habe meinen zu Hause auch aufgebaut, bei mir stehen der Drum-Computer mit den zwei MIDI-Kanälen, der Bass-Synthesizer, der kleine Lead-Synthesizer und das Synthesizer-Keyboard für den Rhythmus-Riff und den sphärischen Klang. Ich will das Ganze ausdünnen, ich habe die letzten Nächte bemerkt, warum mein Titel von 2020, den ich neu aufnehmen will, einfach nicht funktioniert hat – er war zu überfrachtet, zwei Synthesizer-Spuren weniger, weniger Drum-Parts, nur noch Bass-Drum, Snare und Closed Hi-Hat, den Conga-Trommel-Sample ganz weit in den Hintergrund verschoben und mit einem sphärischen Stereo-Effekt versehen – schon funktioniert der Titel und entfaltet seine ganze düstere Wirkung! Er brauchte einfach mehr Luft zum Atmen.
Die Band jetzt, macht es genauso, die knackigen Texte, Deutsch und Englisch, der kühle Synthesizer-Sound, die pulsierenden Beats, das aufwendige Bühnenoutfit, weder die Sängerin, noch der Mann an dem Synthesizer-Tisch werde ich später im Publikum wiedererkennen, sie sind maskiert. Nur was er anmerkte, die Bühnenbeleuchtung war noch nicht am Limit, außer den paar statischen, blauen Strahlern, geht noch mehr, irgendjemand hat den Regler gefunden, um noch ein paar weiße Strahler und etwas Blinken dazuzuschalten, der Party-Raum war gemietet. Auch sie begibt sich später von der Bühne runter in das Publikum und singt ihre Texte … auch wieder vor mir, hätte ich diesen schwarz-weißen Blazer vielleicht nicht anziehen sollen? Er zieht zu viel Aufmerksamkeit, irgendwann werde ich den mal als mein Bühnenoutfit in Betracht ziehen. Auch diesen Auftritt, in mir rotiert es, ich bin kreativ – ich werde Synth-Lead und Synth-Sphere auf einem Synthesizer packen! Dann kann ich mir einen Synthesizer und einen MIDI-Kanal sparen und ich habe weniger Spuren zum Aufnehmen, ich kann das volle Potential meines Vier-Spur-Rekorders nutzen, viermal den linken Kanal und viermal den rechten Kanal. Nett … als sie den Weg zurück zur Bühne bestreitet, bildet sich ein Catwalk wie bei einer Drag-Show.
Nach den beiden Auftritten und noch mehr Ideen, die Disko. Die DJane legt ein paar Stücke auf. Ich habe schon von Anfang an meinen kleinen Sitzplatz für mich entdeckt, die mit Holzleisten überdeckten Heizkörper an den großen Fenstern mit den schweren, zugezogenen Gardinen und dem spaltenweisen Blick auf die Ampelkreuzung draußen. Ein paar Titel tanzen, ein paar Titel sitzen, meine große Handtasche liegt hier auch irgendwo hinter mir auf dem Fensterbrett, die Bar ist in meiner Blickrichtung wenige Meter über die Tanzfläche vor mir, gefühlt Mitternacht, ich bin auf zwei Gläser Wasser umgestiegen, mit Sprudel.
Wie ich so da sitze und die tanzenden Menschen beobachte, mit jedem Titel werden es weniger, ein Mann kommt auf mich zu und quatscht mich an. Ich verstehe nichts, die Musik ist zu laut. Ich erwidere das Gespräch nicht, ich bleibe stumm und lächele verlegen. Ich bin Französin, ich spreche deine Sprache nicht. „Fühlst du dich von dem belästigt? Der quatscht schon seit Wochen hier andere Frauen an.“ Einer Frau aus dem Publikum ist die Szene aufgefallen und kommt zu mir dazwischen, ich verstehe leider nicht, was er sagt. Normalerweise werde ich auf Gothic-Partys nie belästigt. Er trägt Schwarz, schwarze Stiefel, schwarze Jeans, schwarze Lederjacke, optisch gehört er dazu.
Ich muss das noch minutenlang verarbeiten, weitere Titel werden gespielt, aber irgendwie tanze ich nicht mehr. Irgendwann bin ich die Einzige, die noch in dem kleinen Saal auf ihrem Sitzplatz auf der Fensterbank sitzt und ein Security-Mann kommt auf mich zu: „Wir schließen jetzt.“ Meine stumme Handgeste rüber zur beleuchteten Tanzfläche, auf der niemand mehr tanzt, aber wo soll ich denn jetzt noch hin? Blick auf die Uhr, es ist gerade mal kurz vor zwei Uhr. Bis mein Zug fährt, dauert es noch drei Stunden. Der Worst-Case.
Zurück in den Vorraum, die Kleiderständer und die paar aufgestellten Polsterstühle, bei den wenigen Gästen, genug Sitzmöglichkeit. Ich nehme meinen Wollmantel und das Innenfutter, die olivgrüne Steppjacke, vom Haken und ziehe mich mit meinem schwarzen Schal wieder warm an, mein schwarzer Pullover war die ganze Zeit in meiner Handtasche verstaut.
Draußen vor der Gaststätte und dem Aufgang zum Konzertsaal, ein paar Leute auf der gegenüberliegenden Straßenseite warten auf Taxis, ich könnte auch anfragen, eins zu teilen. Die beiden von der französischen Band stehen mit mir auf der Treppe vor dem Eingang, sie sind vielleicht auch genauso überrascht, dass das hier so abrupt abgebrochen wurde. Es entwickelt sich ein kurzes Gespräch.
„Are you waiting for a taxi?“
„No, no, I wait for a bus or a tram“, da drüben ist die Haltestelle für die Nachtlinie, eine Traube an Menschen bildet sich da schon.
„You live here?“
„No, my train back is at five'o'clock in the morning.“
„Oh. You could wait here inside.“
„No, no …“
Sie ist nett, er ist meistens stumm. Ich sage noch Tschüss und springe schon die Treppenstufen runter und die Straße rüber zur Bushaltestelle, um dort mit meinem Smartphone den Fahrplan auszuleuchten, tatsächlich fährt hier sonnabends und Sonn- und Feiertag ein Bus wenige Minuten nach um zwei Uhr nachts Richtung Hauptbahnhof. Nettes Angebot von ihr, aber wo hätte ich da drinnen warten sollen, die Gaststätte war doch schon zu? Backstage? Glaube ich nicht, da wären die doch auch rausgeworfen … ich versuche mein Glück in der Innenstadt, irgendwo eine von den Bars dort, die ich kenne, da kriege ich die Wartezeit rum, bis mein Zug abfährt.
Ausstieg am Hauptbahnhof, immer noch alles voller Menschen, das ganze Party-Volk. Ich laufe die Straße gegenüber in die Innenstadt, die Fußgängerzone von Leipzig. Vielleicht die Gay-Bar, wenn die noch offen hat, vielleicht die andere Bar am Marktplatz, da habe ich immer ein paar nette Männer kennengelernt, mit „Gelegenheiten“. Weit komme ich nicht, ein paar Schritte mit Sichtweite zum großen Gebäude des Hauptbahnhofs, war hier nicht einmal diese eine Kellerbar? Die mit den großen Videoleinwänden und der umfangreichen Cocktail-Karte? Ich drücke die unscheinbar wirkende Glastür auf und finde die kleine Treppe in den Keller vor mir. Die Bar gibt es immer noch und sie hat auf.
Auf den Videoleinwänden werden Neunziger-Jahre Musik-Clips gespielt, es riecht leicht nach Zigarettenqualm, ein paar Gäste sitzen auf den Sofas und Stühlen in den Sitzecken, voll ist es auch hier nicht, ich habe die freie Wahl auf die ganzen Barhocker und Stehtische vor mir. In dieser kleinen Kellerbar war ich auch schon länger nicht mehr. Ich packe meine ganzen ausgezogenen Sachen vor mir auf den zweiten Barhocker, mein Mantel türmt sich mit der Steppjacke, dem Blazer und dem Schal auf meiner Handtasche, ich nehme den Barhocker an der Wand mit freier Sicht auf die Videoleinwand auf der anderen Seite des schmalen Kellers, zwischen mir und der hell ausgeleuchteten Wand liegt nur die große U-förmige Bar und die ganzen Spirituosen für die ganzen Cocktails. Ich studiere die Karte … Ipanema oder Virgin Mojito? Eine ganze Spalte für alkoholfreie Cocktails, es gibt noch viel mehr, aber ich bleibe bei meinen beiden.
Der Strohhalm in dem Glas zwischen den ganzen Eiswürfeln und den Minzblättern, der körnige Rohrzuckersirup ganz unten, die Bandbreite der Musik-Clips erstreckt sich von den frühen Neunzigern bis in die frühen Zweitausender, ein paar Engländer bejohlen jedes Video und kennen die ganze Playlist auswendig. Ein paar andere deutsche Gäste sitzen dahinten auch in der Sitzecke und was mir gar nicht auffällt, ich werde gemustert.
„Hey du, möchtest du dich vielleicht mit zu uns setzen?“
Ich zögere, mach ich's, mach ich's nicht? Kurzentschlossen greife ich meinen Stapel warmer Winterkleidung von dem anderen Barhocker und laufe die drei, vier Meter rüber zu der Sitzecke. Mein leergetrunkenes Cocktail-Glas lasse ich stehen.
Die vier Männer kommen aus München und sind nur hier für ein Pokerturnier.
„Spielt ihr auch um Geld?“
„Nein, so etwas machen wir nicht, nur die Chips.“
Ein Gespräch ergibt sich, wo komme ich her, was mache ich hier. Ich bin nicht aus Leipzig, ich warte hier nur auf meinen Zug zurück, ich war auf einem Konzert, so etwas mit Gothic. Anhand meiner Kleidung haben sie das nicht erkannt, schwarze Jeans, schwarzer Pullover, sonst auch nur mein unscheinbares „Corporate Goth“ Outfit. Und was machst du so beruflich? Ja … Software programmieren. Ein oder zwei der Männer machen das auch, oder haben das mal gemacht.
„Wir wollen jetzt rüber gehen zu dem Currywurst-Stand, etwas essen, du kannst ja mitkommen, wenn du magst, das ist auch da irgendwo beim Hauptbahnhof.“
Eine Currywurst-Bude? Die nachts offen hat? Ist mir nie aufgefallen. „Ich muss nur noch schnell mein Cocktail bezahlen.“
Ich brauche ewig, meine ganzen Schichten an Winterklamotten wieder anzuziehen, die vier Männer stehen schon oben, draußen vor dem Eingang zu der Cocktail-Bar und warten auf mich. Den Weg die paar Schritte zurück zum Hauptbahnhof, hell beleuchtet in dem Nebelschein, nicht zu verfehlen.
Die Currywurst-Bude ist etwas abseits daneben, noch auf der Seite der Fußgängerzone der Leipziger Innenstadt, getrennt vom Bahnhof durch die mehrspurige Magistrale und den zentralen Straßenbahnlinien. Die Currywurst-Bude wird diesen frühen Morgen gemanagt von einem älteren Mann mit Leipziger Akzent. Ich bin überrascht, dass die vier aus München und Umgebung nicht so einen starken bayrischen Akzent haben, als sie versuchen, ihre Currywurst und ihre paar Pommes zu bestellen. Ein paar Bier auch dazu.
„Und willst du auch noch was bestellen? Pommes, eine Cola, ein Bier?“
Nein, danke. „Ich warte noch auf mein Frühstück, dann später gegen sieben Uhr, beim Bäcker im Magdeburger Hauptbahnhof“, ich muss da noch umsteigen.
Innen drinnen in der Currywurst-Bude mit angeschlossenem Bistro, lasse ich mich doch noch überreden, mir wenigstens eine Flasche Wasser ausgeben zu lassen. Die vier Männer sind wirklich sehr nett, die Situation ist vollkommen anders, als ein paar wenige Stunden zurück in dem Club und dem Typen, von dem ich von der einen Frau schützend erfahren habe, dass der eigentlich nichts Gutes mit mir will.
Mein Blick auf mein Smartphone, herausgekramt aus meiner Handtasche, es ist gegen halb fünf Uhr den Sonntag Morgen. Die Männer bleiben auch nicht lange in dem Imbiss und haben ihre Hotels hier gleich gegenüber im Umkreis des Hauptbahnhofs, sie überlegen schon, wie sie die nächsten drei Stunden mit etwas Schlaf auskommen können, um gleich den Vormittag mit dem nächsten Pokerturnier beginnen zu können. Ich erreiche mein Bett erst in drei oder vier Stunden, wenn ich gegen acht Uhr mit dem Regionalzug mein Heimatkaff erreiche.
Unsere Wege trennen sich, als die vier die große Hauptstraße zurück zu ihren Hotels überqueren wollen und ich die Grünanlage neben der Straße zurück Richtung Hauptbahnhof stapfe. „Ich nehme lieber die Ampel.“ Und Tschüss. Niemand von den vier hat mich um meine Telefonnummer gebeten, es war einfach nur ein flüchtiger, nächtlicher Kontakt. Sie sind jedes Jahr zu dem Turnier hier, sie gehen immer in diese Bar, wenn ich in einem Jahr hier wieder vorbeilaufe?
Mein Zug fährt um fünf Uhr zwanzig. Er steht schon auf dem Gleis in der hell beleuchteten Bahnhofshalle bereit. Auf dem Nachbargleis der dunkelblaue „Nightjet“ mit den Liegewagen, so einen will ich auch mal wieder buchen. In den Wagons des Regionalzuges, ich suche meinen Stammsitzplatz, die eine zweisitzige Bank in der dahinter keine weiteren Sitzplätze sind. Ich laufe an einer vorbei, drehe mich wieder um – und schon ist sie von einem anderen Pärchen in diesem ansonsten leeren Wagon besetzt. Ich finde meine Sitzbank am anderen Ende des Wagons, mal nicht in Fahrtrichtung, vielleicht rutsche ich da auch nicht mehr runter, wenn der Zug bei jedem durchfahrenden Bahnhof bremst oder wieder beschleunigt. Meine ganzen Sachen an dem Kleiderhaken über der Scheibe, meine olivgrüne Steppjacke zu einem Kissen geformt, meine schwarze Handtasche im Griff der Finger darunter, die Absätze meiner Stiefeletten abgelegt mit angewinkelten Beinen auf der kleinen Kante unterhalb des Fensters, die Fenster gehen hier in dem erhöhten Teil des Wagons bis weit nach unten. Ich habe meine Schlafposition erreicht. Der Zug fährt los, nächster Halt: „Leipzig Messe …“
„… Dessau“, ich wache auf, neue Zuggäste, irgendwelche jungen Frauen, zum Glück etwas weiter weg, sie hören bald auf, sich zu unterhalten.
„Zugestiegene Fahrgäste?“
Ich ziehe mein Ticket aus der Gesäßtasche und blicke leicht nach oben.
„Weiterschlafen.“
Die Frau vom Zugpersonal geht weiter, ich zähle wieder meine Nummern: „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig …“
Ich schrecke auf, vor mir in den Fenstern die Gebäude der Magdeburger Großstadt – habe ich verschlafen? Habe ich den Hauptbahnhof verpasst, fährt der Zug schon wieder zurück nach Leipzig? So dramatisch wäre es nicht, mein Länderticket gilt unbegrenzt den ganzen Tag. Zum Glück habe ich meinen Ausstieg nicht verpasst, mir bleiben sogar noch ein paar Minuten, mich wieder anzuziehen und nichts zu vergessen auf dieser kleinen Sitzbank in dem Regionalexpress.
Magdeburg Hauptbahnhof, sieben Uhr den Sonntag Morgen, so viele Menschen, wo wollen die denn alle um diese Uhrzeit hin? Mein Regionalzug Richtung Wolfsburg ist es nicht. Ich kaufe mir bei dem Bäcker in der Vorhalle noch mein obligatorisches Frühstücks-Croissant mit Nuss-Nougat-Creme-Füllung und esse es wieder, zurück im leeren Zug, aus der Papiertüte. Vor mir vor den Fenstern bricht schon der Morgen an, als der Zug sich in Bewegung setzt und Magdeburg verlässt. Hätte ich jetzt nicht meine Abschminktücher zu Hause liegengelassen, ich hätte die Zeit im Bad einsparen können und wäre ein paar Minuten früher ins Bett gefallen.
Zurück zu Hause, Klamotten auf die Bügel, Handtasche auf die Couch, Fenster öffnen, ins Bad, Fenster wieder schließen, ins Bett. Zwei Ruhetage, dann wiederholt sich das Ganze …
Kommentar:
[05.12.22 / 17:34] Daniele1992: Hallo Morgana
Mail ist heute rausgegangen
LG Daniele
[13.11.22 / 09:33] Daniele1992: Hallo Morgana
aktuell keine schöne Situation. Ich schreibe Dir noch eine Mail dazu.
LG Daniele
[13.05.22 / 09:15] Daniele1992: Hallo Morgana,
Tolle Reisebericht von Deiner neusten Reise nach Paris. Macht grosse Lust auch wieder dort hinzufahren um sich von der Stadt inspirieren zu lassen.
Tolle Neuigkeiten.NeuerJob. Klasse! Freue mich für Dich.
Liebe Grüße
Daniele
[24.12.21 / 20:55] Daniele1992: Hallo Morgana,
Ich denke an Dich und wünsche Dir frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr 2022.
Liebe Grüße
Daniele
[25.09.21 / 14:59] Daniele1992: Hallo,
eine Chance etwas Neues zu machen. Neue Perspektiven. Urlaubsträume, die bald real werden können. Nicht so schlecht. Freue mich für Dich. LG Daniele.
[11.11.20 / 09:12] Daniele1992: Hallo Morgana
Ich habe Dir eine Mail geschickt.
Lg
Daniele
[30.07.20 / 22:03] Daniele1992: Guten Abend
das habe ich sehr gerne gemacht. Zum Einen interessiert mich das Thema und zum Anderen hast Du wirklich sehr lebendig und spannend geschrieben. Da wollte ich Alles lesen und wollte Dir schreiben, das mir Dein Blog besonders gut gefallen hat (Die eigentliche Arbeit hattest Du ja mit dem Verfassen des Blogs). Wenn Du magst können wir den Kontakt gerne per Mail halten. Viele Grüße Daniele
[30.07.20 / 12:44] Daniele1992: Guten Morgen,
vielen Dank für Deinen tollen Blog. Ich habe ihn in den letzten Wochen komplett gelesen. Meistens konnte ich gar nicht aufhören zu lesen. Fast wie bei einem sehr spannenden Roman. Ich habe dabei Deine genauen Beobachtungen und Beschreibungen sehr genossen. Deine vielen Ausflüge in die Clubs und zu den Festivals oder Deine Streifzüge d durch die Geschäfte beschreibst Du immer aus Deiner Sicht sehr anschaulich und spannend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, das alleine zu erleben, häufig auch mit einer gewissen Distanz. Ich kenne ich von mir sehr gut. Highlights sind Deine Reiseberichte. Deine Erlebnisse an den unterschiedlichsten Orten auf der Welt. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch das Du Deinen Weg zu Deinem waren Geschlecht mit uns Lesern teilst. Deinen Weg Deine Gefühle Deine zeitweisen Zweifel. Das ist sehr wertvoll auch für uns Andere, denn es ist authentisch und sehr selten. Du bist einem dadurch sehr vertraut geworden. Für mich ist eine gefühlte grosse Nähe dadurch entstanden. Umso mehr schmerzt es mich von Deinen Rückschlägen zu lesen. Von Deinem Kampf zu Deinem wahren Ich. Von Deinem Kampf umd Liebe, Zährlichkeit und Akzepzanz und Anerkenung. Von Deiem mitunter verzweifeltem Kampf nach Liebe und Anerkennung durch Deinen Exfreund. Leider vergeblich. Dein Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit und Deine aktuell missliche Lage. Ich glaube dass Du nicht gescheitert bist. Du hast viel Mumm und Hardnäckigkeit bewiesen Deinen Gang zu Dir selbst zu gehen. Du hast auch einen guten Beruf der immer noch sehr gefragt ist. Vielleicht kann ja nach dieser Auszeit und etwas Abstand ein Neuanfang in einer anderen Firma, wo Du keine Vergangenheit als Mann hattest gelingen. Ich wünsche das Dir ein Neuanfang gelingt und drücke Dir ganz fest die Daumen. Daniele
[05.10.19 / 17:11] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
bin 5 T post all-in-one-FzF-OP. Deine guten Wünsche haben geholfen. Der Koch ist immernoch noch super. Alle hier sind herzlich und nehmen sich Zeit.
Herzlich
Drea
[14.06.19 / 12:57] Drea Doria: Meine liebe Morgana,
vielen Dank für Deine offenen und kritischen Erlebnisberichte. Ich bin in 3 Monaten in Sanssouci zur FzF-OP. Ich denke auch, was kann schon schief gehen, status quo geht nicht und irgendwas besseres wird wohl resultieren. Wenn es Dich interessiert, halte ich Dich informiert. Drücke mir die Daumen.
Herzlich
Drea
[14.11.17 / 20:13] Morgana LaGoth: Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion: Die Seitenbetreiberin behält sich das Recht vor, jeden Kommentar, dessen Inhalt rassistisch, sexistisch, homophob, transphob, ausländerfeindlich oder sonstwie gegen eine Minderheit beleidigend und diskriminierend ist, zu zensieren, zu kürzen, zu löschen oder gar nicht erst freizuschalten. Werbung und Spam (sofern die Seitenbetreiberin dafür nicht empfänglich ist) wird nicht toleriert. Personenbezogene Daten (Anschrift, Telefonnummer) werden vor der Veröffentlichung unkenntlich gemacht.
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